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Spannung vor Saisonbeginn

Können Coronamaßnahmen auf der Nordhalbkugel die herbstliche Grippewelle verhindern?

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 5 Min.

Viele warnen vor einer zweiten Coronawelle, aber noch interessiert sich kaum jemand für die bevorstehende Grippesaison. Wird diese ab Herbst wieder heftiger ausfallen, etwa so stark wie 2018/19? Und könnte es sein, dass auch die Ansteckungszahlen mit Sars-CoV-2 deutlich ansteigen? Obwohl die Temperaturen noch hochsommerlich sind, treibt die Fragestellung Wissenschaftler und Mediziner um, ebenso die Politik – geht es doch darum, angemessenen Szenarien zu entwickeln, falls bei beiden Viruserkrankungen parallel hohe Fallzahlen erreicht werden.

Klar ist zumindest, dass warme Temperaturen nicht automatisch die Ausbreitung eines Virus stoppen. Aber mildes Wetter macht es einfacher, diesen Vorgang einzudämmen. Für die Regionen der Erde, in denen es im zweiten Halbjahr kälter wird, erwarten Experten einen Anstieg bei der Zahl der Corona-Ansteckungen.

Viele Viren, die menschliche Atemwege befallen, folgen einem saisonalen Muster, darunter auch das Grippevirus oder schon länger im Umlauf befindliche andere, eher harmlose Coronaviren. Deshalb wird auch für Covid-19 ein Winterausbruch angenommen. Schon die Infektionsrate an sich werde sich mit Eintritt der kälteren Jahreshälfte erhöhen, erwartet unter anderen Akiko Iwasaki, Immunbiologin von der Yale School of Medicine in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut. Bisherige Untersuchungen legten nahe, dass trockene Winterluft die Stabilität und Übertragung von respiratorischen Viren verbessere. Hinzu kommt, dass Menschen bei kälterem Wetter mit höherer Wahrscheinlichkeit in Innenräumen bleiben, wo die Virusübertragung mit Hilfe von Tröpfchen ein größeres Risiko darstellt.
Manche Wissenschaftler gehen so weit, wellenartige Sars-CoV-2-Ausbrüche für jeden Winter anzunehmen. Dann könnte ein Schreckensszenario wahr werden: Parallel zu einem ansteigenden Corona-Infektionsgeschehen könnte sich auch eine schwere Grippewelle ausbreiten. Doch ist das wirklich realistisch?

Nicht wenige Medizinier und Wissenschaftler vermuten im Gegenteil, dass im Falle eines Andauerns der Covid-19-Pandemie – einschließlich der Gegenmaßnahmen – die Zahl der Influenzafälle in der kommenden Saison niedriger ausfallen könnte. Dieser Effekt ist auf der Südhalbkugel bereits zu beobachten. So starben von Januar bis Juni 2019 in Australien 430 Menschen in Folge der viralen Grippe, in diesem Jahr waren es gerade 36. Seit April meldeten die Ärzte dort keinen einzigen Todesfall mehr. Diagnostiziert wurden in diesem Jahr 21 000 Fälle, 2019 hatten noch 132 000 Menschen Influenza. Wissenschaftler wie Ian Barr, Grippeexperte der Weltgesundheitsorganisation (WHO), haben als Ursache dafür die soziale Distanzierung ausgemacht, die eigentlich für die Covid-19-Bekämpfung eingeführt wurde. Barr und andere vergleichen die beiden Viren und sehen viele Gemeinsamkeiten bei ihrer Ausbreitung. Das australische Beispiel ist noch interessanter dadurch, dass hier die Beschränkungen besonders strikt ausfallen. Angefangen beim strikten Einreisestopp für Touristen, gibt es auch Reisebegrenzungen zwischen den einzelnen Bundesstaaten.

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Ebenfalls bereits absehbar ist, welchen Weg Deutschland in Sachen Influenza-Impfempfehlung in der nächsten Grippesaison einschlagen wird. Ende Juli hatte sich die Ständige Impfkommission (Stiko) angesichts der Corona-Pandemie gegen eine Ausweitung der Impfempfehlungen für Influenza ausgesprochen. Das könne sogar kontraproduktiv werden, denn in der kommenden Saison werden in Deutschland nach aktuellem Stand etwa 25 Millionen Impfstoffdosen verfügbar sein. Das sind zwar deutlich mehr als in den vergangenen Jahren, aber sie würden nicht für die gesamte Bevölkerung ausreichen. Sie würden nicht einmal für die vollständige Umsetzung der Stiko-Impfempfehlung reichen, die auch jetzt weiterhin die gleichen Risikogruppen umfasst wie in den letzten Jahren: Menschen über 60, Schwangere, chronisch Kranke und deren Angehörige im gleichen Haushalt, Heimbewohner sowie beruflich besonders Gefährdete etwa in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder in Arztpraxen. Für die gesamte Gruppe wären etwa 40 Millionen Dosen nötig. Da sich aber zum Beispiel in der Saison 2018/19 von den über 60-Jährigen nur 35 Prozent hatten impfen lassen sowie nur maximal die Hälfte der chronisch Kranken, sieht die Stiko keinen Anlass keinen Grund zur Sorge, dass der Impfstoff nicht ausreichen werde – wenn man bei diesen Gruppen bleibt. Würde die Empfehlung aber auf die gesamte Bevölkerung ausgeweitet, sei eine Unterversorgung eben dieser Risikogruppen zu befürchten. Genau diese profitieren aber besonders vom Impfschutz, durch den das Gesundheitssystem entlastet werden könnte.

Die Impfung von Nicht-Risikogruppen hingegen, unter anderem vom SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach gefordert, hätte wegen der kontaktreduzierenden Maßnahmen angesichts von Covid-19 nur begrenzte Schutzeffekte. Als Beleg dafür werden die abrupt sinkenden Influenzameldungen mit Beginn der Kontaktbeschränkungen im März 2020 genannt. Sie waren auch im Vergleich zu den Vorjahren zu diesem Zeitpunkt deutlich zurückgegangen.

Ein weiterer Grund für die Stiko, von der Grippeimpfung von Nicht-Risikogruppen abzusehen, sind fehlende Hinweise auf gleichzeitige, schwere Infektionen durch Sars-CoV-2 und Influenzaviren in diesem Personenkreis. Das Problem könnte also eher darin bestehen, dass gleichzeitig viele schwere Influenzafälle und ebensolche Covid-19-Fälle in Krankenhäusern versorgt werden müssen.

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Die Hauptinfluenzasaison in Deutschland geht etwa von Oktober bis Mitte Mai, die meisten Erkrankungsfälle sind im Januar und Februar zu erwarten. Mit Einhaltung der Abstandsregeln, der Nutzung von Masken und der Händehygiene könnte hier auch ein glimpflicher Verlauf gefördert werden – wenn das von einem großen Teil der Bevölkerung mitgetragen wird. Würde sich in diesem Herbst ein größerer Teil der Risikogruppen impfen lassen, käme ein zusätzlicher Schutzeffekt dazu. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass die Grippeimpfung durchschnittlich nur etwa 60 Prozent der Immunisierten schützt. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Insititutes stecken sich in jeder Grippesaison 5 bis 20 Prozent der Bundesbürger an. Es bleibt eine spannende Frage, wie die Influenzasaison hierzulande unter den Coronamaßnahmen verlaufen wird.

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