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Von Schlafgängern und Gendersternchen

NETZWOCHE: Der Duden nimmt 3.000 neue Wörter auf - und erntet Kritik von Konservativen und AfD

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit insgesamt 148.000 Stichwörtern auf 1.296 Seiten gibt es seit Mittwoch den dicksten Duden aller Zeiten. Etwa 1,2 Kilogramm ist die 28. Auflage des bekannten Nachschlagewerks schwer. 3.000 neue Wörter wurden darin laut Duden-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum aufgenommen. Im Gegenzug seien etwa 300 veraltete Begriffe gestrichen worden: Der »Fernsprechanschluss« und die »Kabelnachricht« wurden von der »Whats᠆app-Gruppe« abgelöst; der »Bäckerjunge« und der »Schlafgänger« mussten neuen Begriffen wie »Fridays for Future«, »Shutdown« oder »Gendersternchen« weichen.

»Business as usual«, könnte mensch meinen. Der Duden tut was er immer tat. Doch aus der rechten und konservativen Ecke hagelte es sogleich Kritik: Die AfD in Baden-Württemberg kommentierte die neue Ausgabe als »Ideologiehilfe zur Durchsetzung linker Politik«, nachdem zuvor bereits der Verein Deutsche Sprache (VDS) und die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) – beide erzkonservativ – die Duden-Hinweise zur geschlechtergerechten Sprache bemängelt hatten. In einer Mitteilung erklärte die GfdS, das Gendersternchen geprüft zu haben und dabei zu dem Ergebnis gekommen zu sein, dass es weder mit der deutschen Grammatik noch mit den Regeln der Rechtschreibung konform sei. Der Vorsitzende des VDS, Walter Krämer, ging sogar noch einen Schritt weiter und forderte, es müsse endlich Schluss damit sein, dass Einzelne von oben herab entscheiden wollen, wie sich Sprache zu entwickeln habe.

Und da haben die Herren in ihren deutschtümelnden Vereinen wohl nicht so richtig verstanden, wie das mit dem Duden eigentlich funktioniert: »Die neuen Einträge dokumentieren die aktuelle Weiterentwicklung der deutschen Sprache«, erklärt Kunkel-Razum. Der Duden spiegele somit nur den aktuellen Sprachgebrauch in Deutschland wider. Seit der ersten Veröffentlichung durch Konrad Duden am 7. Juli 1880 werden mit jeder neuen Auflage auch neue Wörtern und Begriffe, sowie veränderte Rechtschreibweisen aufgeführt. Zum Glück! Mit einem Werk, das Orthografie und Lexik des 19. Jahrhunderts in sich versammelt, wäre heute wohl den wenigsten geholfen. Und auch gesellschaftlich hat sich seitdem so einiges getan: »Gendersternchen statt Fernsprechanschluss. Nennt man Evolution. #Duden«, schrieb der Sprecher der Linke-Bundesarbeitsgemeinschaft.queer, Frank Laubenburg, dazu auf dem Kurzbotschaftendienst Twitter.

Dass es dem Duden tatsächlich nicht darum geht, den Menschen neue Wörter beizubringen, sondern lediglich darum, die Begriffe, die sich unter den Sprechenden bereits etabliert haben, festzuhalten, zeigt sich auch in seiner Methodik: Vor jeder neuen Auflage wird ein Sprachkorpus analysiert. Objektiv ist das allemal; manchmal dauert es aber eine Weile, bis sich die »Sprachevolution« in dem Rechtschreibwörterbuch niederschlägt: So »schaffte« es 2018 auch besagtes Gendersternchen nicht, in den Duden aufgenommen zu werden. Grund: zu geringe Verbreitung.

In anderen Fällen geht es dahingegen ganz schnell: So spiegelt sich in der aktuellen Duden-Ausgabe auch die Coronakrise wider. Zwar standen viele Worte wie »Pandemie«, »Übersterblichkeit« oder »Hamsterkauf« bereits davor im Duden. Neu aufgenommen wurden aber auch Begriffe wie »Lockdown«, »Risikogruppe« oder »Massentest«.

Dass sich konservative Folkloristen deutscher Sprachvereine und rechte AfD-Politiker aber vor allem über ganz bestimmte Neuaufnahmen, etwa »Alltagsrassismus«, »rechtsterroristisch« oder »Klimanotstand« echauffieren, zeigt vor allem, dass sie genau das tun, was sie dem Duden vorwerfen: Politik betreiben.

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