Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Tschechien baut sich Denkmäler

Zwei Marschälle, ein Offizier und die Jungfrau Maria stehen auf dem Plan

  • Von Emil Rothermel, Prag
  • Lesedauer: 3 Min.

In letzter Zeit wurde oft von der Abschaffung verschiedenster Denkmäler oder zumindest von ihrer Neubewertung berichtet. Auch in Prag wird heftig diskutiert, hier allerdings klingt diese Geschichte ein wenig anders. Etwas mehr als hundert Jahre nach ihrer Schleifung wird am 15. August erneut die Mariensäule auf einem der wichtigsten Plätze der Tschechischen Republik, dem Altstädter Ring in Prag, eingeweiht. Diese wurde 1650 als »Dank« an die Jungfrau Maria für den Sieg über die protestantischen Schweden vor Prag errichtet und 1652 im Beisein von Kaiser Ferdinand III. eingeweiht. Sie stand stellvertretend sowohl für die Herrschaft der katholischen Habsburger als auch kulturhistorisch für den Einzug des Barocks in Tschechien. Aufgrund all dieser tiefgreifenden Symbolik wurde die Mariensäule 1918 unter Federführung von Franta Sauer, Prager Schriftsteller und Anarchist, mit der Hilfe der Feuerwehr niedergerissen. Als Symbol der k.u.k. Monarchie hatte sie keinen Platz mehr in der neu entstehenden Tschechoslowakei. Seitdem bemühten sich Teile der Katholischen Kirche in einem der atheistischsten Länder Europas um die Wiedererrichtung der Statue. Dies gelang nach unzähligen missglückten Versuchen dieses Jahr durch ungewollte Beihilfe einer Abgeordneten der Kommunistischen Partei, Marta Semelová. Ihre Rede gegen die Wiedererrichtung bewegte die notwendige Anzahl liberaler Abgeordneter dazu, mit Ja zu stimmen.

Die Mariensäule ist allerdings nur eines von mehreren Beispielen, bei denen sich Kontroversen um die Geschichtsdeutung im Prager Stadtbild manifestieren. Angefangen hat es mit einem Streit um ein Standbild des Marschall Konev, eines Befehlshabers der Roten Armee. Dieser wird mit der Befreiung der Tschechoslowakei 1945 als auch mit dem Einmarsch der sowjetischen Armee 1968 verbunden. Das Denkmal wurde mehrmals mit roter Farbe und der Aufschrift »Blutiger Marschall« versehen, woraufhin sich der Stadtteilbürgermeister entschied, es entfernen zu lassen. Dies führte wiederum zu Gegendemonstrationen, bei denen der stalinistische Flügel der Kommunistischen Partei neben prorussischen Faschisten der Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit stand. Endgültig wurde das Standbild während der Quarantäne am 3. April demontiert. Ähnlich emotional - wenn auch hauptsächlich online - wurde über die Besprühung der 1999 von Vàclav Klaus und Margaret Thatcher eingeweihte, Churchill-Statue mit der Aufschrift »War ein Rassist - Black lives matter« diskutiert. Anders als sein Parteikollege hat der dortige Stadtteilbürgermeister allerdings erklärt, dass die Statue bleibt, auch wenn wir »sie reinigen müssten bis zur Verblödung«. Dies bringt uns zum letzten Standbild: Marschall Radetzky. Dieser gewann für die Habsburger Monarchie unter anderem die Völkerschlacht gegen Napoleon und so wurde ihm nach seinem Tod ein Denkmal errichtet. Auch dieses Standbild fand 1918 sein Ende. Schon zu Zeiten des Protektorats von 1939 bis 1945 gab es erste unvollendete Versuche der Neuerrichtung.

Nach der positiven Entscheidung zur Mariensäule hat sich das örtliche Rathaus entschlossen, auch Radetzky neu aufzustellen, wie ursprünglich auf einem Schild stehend, getragen von sieben Soldaten, die die Völker Österreich-Ungarns darstellen sollen. Es scheint, als gehe es in Prag weniger um eine kritische Auseinandersetzung mit der historischen, politischen und gesellschaftlichen Bedeutung einzelner Denkmäler als vielmehr darum, dass jeder sich das im Vorgarten aufstellt, was seine politischen Vorstellungen am ehesten widerspiegelt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln