Glücklich der, der ein Symptom hat

Ein Plädoyer gegen das Ideal der »Resilienz«.

  • Von Marlen van den Ecker
  • Lesedauer: 5 Min.

Haben Sie auch schon einmal Menschen aus Ihrem Umfeld dafür bewundert, wie gut sie durch schwere Zeiten kommen? Dass sie Trennungen, Kündigungen, Geldnot, Krankheit und Todesfälle überwinden, ohne in eine Depression zu verfallen, Angststörungen oder Suchterkrankungen zu entwickeln? Diese Menschen gelten als besonders widerstandsfähig, resilient. Ursprünglich ist Resilienz - aus dem Lateinischen »resilire« für zurückspringen, abprallen - ein Begriff aus der Werkstoffkunde, der die Fähigkeit elastischer Materialien beschreibt, nach starker Verformung wieder in den Ausgangszustand zurückzukehren. Es beschreibt aber auch die Fähigkeit technischer und biologischer Systeme sowie von Gesellschaften, Störungen und Ausfälle zu verkraften. Resilienz ist eine Eigenschaft, die für Ausfallsicherheiten garantieren soll.

Diese Eigenschaft hat nun die Psychologie für sich entdeckt. Ratgeberliteratur, Podcasts, Workshops und Apps dazu boomen. Resiliente Menschen besitzen die Fähigkeit, mit Belastungen gut umgehen zu können und sich von traumatischen Ereignissen zu erholen. Es gilt, einen psychischen Normalzustand möglichst gut aufrechtzuerhalten oder ihn rasch wiederherzustellen. Doch keine Sorge: Dieser Artikel verteilt keine Ratschläge. Hier soll es stattdessen darum gehen, warum der Ansatz gesellschaftlich bedingte Ungerechtigkeiten außer Acht lässt. Statt politische Maßnahmen zu ergreifen, wird die Bewältigung krisenhafter Lebensphasen auf die Schultern einzelner Menschen abgewälzt.

Maskiertes Unbehagen

Resilienz gilt als gefragtes Persönlichkeitsmerkmal im modernen Wettbewerb um Beruf, Ausbildung und in anderen Sphären des Alltags. Glücklich, stark und belastbar zu sein, gilt als die Norm. Wer Schwächen und Misserfolge nicht als versteckte Stärken und als Chance zum persönlichen Wachstum verkauft, gilt als Versager*in. Und so muss man, wie es der kritische Psychoanalytiker Erich Fromm 1977 einmal passend in einem Interview formulierte, »die Maske des Zufriedenseins tragen, denn sonst verliert man den Kredit auf dem Markt, sonst ist man kein normaler Mensch, kein tüchtiger Mensch«. Für Fromm ist dagegen »glücklich der, der ein Symptom hat - wie glücklich der, der einen Schmerz hat, wenn ihm etwas fehlt«.

Denn hinter dieser Maske verbergen sich häufig ein Unbehagen und unterdrückte Gefühle. Viele Menschen in unserer Gesellschaft leiden unter Unruhe, Gereiztheit, Existenzsorgen, Depressionen, Schlaflosigkeit und Unglücklichsein. Die Erzählung, die Widerstandskraft gegen diese Zustände ließe sich trainieren, vermittelt den Betroffenen, dass sie nicht belastbar genug sind und dass sie, wenn sie sich nur etwas mehr bemühten, mit ihren Leiden in Zukunft besser zurechtkämen. Statt von Vorgesetzten diszipliniert zu werden, tun wir es im Sinne der Resilienz ganz von selbst und aus voller Überzeugung - und werten somit negative, doch lebendige Erfahrungen ab.

Dieser Ansatz verkennt, dass die Widerstandsfähigkeit einer Person von vielen Faktoren abhängt, auf die sie keinen oder nur geringen Einfluss hat. Die existenzielle Lebenssituation, der gesundheitliche Zustand einer Person, erlebte Krisen und Traumata, das soziale Umfeld, der gesamte Erfahrungshintergrund - all diese Dinge wirken sich unmittelbar auf die Resilienz aus. Eine Person, die neben ihren Existenzsorgen auch noch mit einer Krankheit zu kämpfen hat, wird kaum besser damit zurechtkommen als eine ohne diese Sorgen. Die Psychologisierung gesellschaftlicher Probleme lenkt die Aufmerksamkeit weg von der eigentlichen politischen (Regierungs-)Verantwortung und hin zur Selbstverantwortlichkeit. Statt zu kollektivem Handeln zu ermutigen, wird uns weisgemacht, dass alles besser sein könnte, wären wir selbst nur resilienter.

Sich widerstandsfähig zu zeigen, zahlt sich aus. Vor allem für Arbeitgebende ist man dann attraktiver, da sie mit weniger Ausfällen aufgrund von Krankheit oder Erschöpfung rechnen müssen. Angestellte, die schlechter mit Stress und Konflikten umgehen können, bekommen neuerdings häufig zu hören, sie könnten noch mehr Resilienz entwickeln. Aber auch bei der Knüpfung von Freundschaften oder Paarbeziehungen kommt diese Herangehensweise gut an - in der Hoffnung, durch den Kontakt vielleicht selbst ein Fünkchen Glück abzubekommen.

Resilienz lässt sich erfolgreich vermarkten. Es wird unterschwellig überliefert, es läge im eigenen Interesse, widerstandsfähiger zu werden, um krisenhafte Situationen besser bewältigen zu können. Die Ratgeberliteratur stapelt sich in den Bücherregalen. Downloaden Sie diese App - und schwupps! - Ihre Sorgen werden Schnee von gestern sein. Doch dieser Ansatz ist nichts als ein neuer Imperativ der kapitalistischen Gesellschaft, den Körper und die Seele verfügbar und berechenbar zu machen.

Widerstandsfähige Gesellschaft

Die Verheißung des Resilienzkonzepts ist eindeutig: Seien Sie widerstandsfähig, dann werden Sie erfolgreich sein! Resiliente Menschen können im Hamsterrad des Alltags schneller rennen als verwundbare. Wer die Möglichkeiten hat, sich Zeit zur Erholung zu nehmen, sich gesund zu ernähren, sich regelmäßig zu bewegen, wird weniger krisenanfällig sein und dadurch belastbarer.

Wem Resilienz noch nicht genügt, kann sich am sogenannten posttraumatischem Wachstum probieren - einem Umgang mit traumatischen Erfahrungen, bei dem man noch an ihnen wächst und sie als Teil der eigenen Persönlichkeitsentwicklung umdeutet. Getreu dem Motto »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker« werden Schicksalsschläge und Krisen zu einer weiteren Möglichkeit, an sich selbst zu arbeiten, sich selbst zu optimieren. Resilienz ist das psychologische Pendant zur kapitalistischen Steigerungs- und Wettbewerbslogik.

Das soll nicht zynisch klingen. Solange wir in einer Gesellschaft leben, in der das Ziel des Lebens ist, dass die Menschen durch gesteigerte Produktion und Konsumption der Wirtschaft nutzen - und nicht die Wirtschaft den Menschen -, ist ein Ausbrechen aus eingefahrenen Abläufen sehr schwierig. Es ist nur nachvollziehbar, dass wir Möglichkeiten der Linderung suchen. Im eigenen Leben nach Stressfaktoren zu suchen und diese zu meiden, ist eine solche Möglichkeit. Aber sie ist begrenzt. Und sie ist ungerecht verteilt.

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