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Zugspitze

Absolute Spitze

Vor 200 Jahren erklomm ausgerechnet ein Tiroler als erster Mensch die Zugspitze. Bis heute ist der höchste Berg Deutschlands einer der internationalsten Orte des Landes.

Von Christian Schreiber

Zwei Inder stehen am Imbissstand auf der Zugspitze und erkundigen sich, ob die Bratwurst ohne Rindfleisch ist. Der Verkäufer ist sich nicht sicher, schenkt dem Duo ein trockenes Brot und empfiehlt die Gondelfahrt hinab zum Gletscher, wo es Dal Tarka und Chicken Alu Masala mit Safranreis gibt. Die beiden blicken skeptisch nach unten, wo Kinder mitten im Sommer mit Zipfelbob über Schneereste rodeln und Snowboarder den Hang hinaufstapfen, um fünf mickrige Schwünge zu machen.

Die Zugspitze ist mit 2962 nicht nur Deutschlands höchster Berg, sondern auch der erstaunlichste Ort im ganzen Land. Wanderer und Bergsteiger mühen sich zwei Tage ab, um den Gipfel zu stürmen, während jährlich mehr als eine halbe Million Menschen aus aller Welt minutenschnell per Seil- und Zahnradbahnen die Spitze erreichen - zumindest vor der Corona-Krise. Sprache Nummer eins ist nicht bayerisch, sondern Englisch. Wissenschaftler haben Forschungsstationen eingerichtet, es gibt ein Postamt samt Sonderstempel, einen Gebetsraum für Muslime und Toiletten für arabische Gäste - mit Kacheln und Wasserschlauch, dafür ohne Papier. Die Zugspitzbahn hat einmal sogar Broschüren herausgebracht, auf denen das goldene Gipfelkreuz wegretuschiert war. Ein großer Aufschrei ging durchs katholisch-konservative Land, Satiriker empfahlen, einen Halbmond auf der Zugspitze aufzustellen. Kurzum: Der deutscheste aller Berge ist so international wie der Frankfurter Flughafen.

Und damit nicht genug: Als Erstbesteiger gilt ausgerechnet ein Tiroler. Josef Naus erhielt vor 200 Jahren von König Maximilian I. den Auftrag, die Zugspitze zu vermessen. Ein Träger und der Bergführer Johann Tauschl aus Partenkirchen waren an seiner Seite. Sie wählten den Aufstieg über die Reintalroute und erreichten einen Tag später, am 27. August 1820, den Westgipfel. Einheimische standen womöglich schon früher ganz oben auf der Zugspitze: Eine 200 Jahre als Karte, die eingezeichnete Routen enthält, legt diese Vermutung nahe, allerdings gibt es keine Beweise. Josef Naus jedenfalls rammte damals einen »Bergstock mit einem daran befestigten Sacktuch« als Beweis für die Besteigung in den Schnee und hielt fest, dass die Unternehmung »mehrfache Lebensgefahren und außerordentliche Mühen« abverlangt habe. Kurz darauf vertreib ein Gewittersturm das Trio vom Gipfel.

Andreas Oberauer kennt jedes Wetter und jede Jahreszeit auf der Zugspitze, seit 23 Jahren. Er ist Deutschlands höchster Postbote und betreibt das einzige deutsche Postamt jenseits der 2500-Meter-Grenze: auf dem Zugspitzplatt, von wo sich der Gletscher in Richtung Gipfel hinaufzieht. Der Berg hat eine eigene Postleitzahl, aber keine Straßennamen. »Es reicht, wenn 82475 Zugspitze und der Name des Empfängers draufstehen«, sagt Oberauer.

Gleichzeitig sammelt er auch Briefe ein, die die Restaurants oder das Münchner Haus, die höchst gelegene Schutzhütte Deutschlands, versenden wollen. Seine tägliche Tour führt ihn auch zu den Souvenirshops, die der 55-Jährige mit Briefmarken versorgt, und zu den drei Briefkästen auf der Zugspitze. An der Anzahl der Postkarten kann Oberauer abschätzen, wie viele Besucher auf dem Berg waren. Fast jeder dritte schickt Grüße aus 2962 Metern auf die altmodische Art. An Spitzentagen 2019 musste Oberauer deswegen bis zu 2500 Mal den Zugspitz-Sonderstempel auf die aufgeklebten Briefmarken drücken. Nur einmal war ihm alles zu viel: Im Supersommer 2018 habe es einen Tag mit knapp 10 000 Besuchern gegeben. »Es war wie auf’m Oktoberfest. Ich bin gar nicht mehr durchgekommen.« Der Gästemix hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. »Postkarten in die USA haben abgenommen. Dafür geht immer mehr in die Arabischen Emirate und nach Asien.«

Die Zugspitze ist aber nicht nur ein Ort, der exotische Gäste anlockt, die noch nie Schnee gesehen haben. Der höchste Punkt Deutschlands ist auch spannend für Wissenschaftler. Meteorologen haben sich direkt auf dem Gipfel eingerichtet, und im ehemaligen Hotel »Schneefernerhaus« existiert eine Forschungsplattform des bayerischen Umweltministeriums. Unis und Professoren mieten sich dort ein, um Luftveränderungen und Höhenstrahlung zu messen, den Permafrost zu erforschen oder dem Geheimnis des schlechten Wetters auf die Spur zu kommen. »Wir sind hier direkt in der Wolke drin, wo Regen entsteht«, erklärt Dr. Till Rehm, der über die Forschungsstation wacht, Rechner und Geräte für die Wissenschaftler kontrolliert, die in Köln oder Karlsruhe sitzen.

Großer Vorteil für die Wissenschaftler: Das Haus bietet ausreichend Platz, und die Gerätschaften lassen sich bequem auf der Schiene hinaufschaffen. Dafür sorgt die Zahnradbahn, die in rund 40 Minuten zum Zugspitzplatt fährt, von wo die Gäste per Gletscherbahn auf den Gipfel schweben können. Die bayerischen Gondeln, die den höchsten Berg Deutschlands hingegen von der Nordseite entern, schaffen gleich drei Weltrekorde: Mit 3213 Metern Abstand von der einzigen Stütze bis zur Bergstation ist die überwundene Entfernung so groß wie bei keiner anderen Seilbahn. Einmalig ist auch der Höhenunterschied von 1945 Metern zwischen Tal- und Bergstation. Und keine andere Pendelbahn hat mit 127 Metern eine derart hohe Stahlbaustütze.

Wer geht da noch zu Fuß auf den Berg? Viele. Die Zugspitze erlebt einen Wanderboom. Dabei zieht sich der Aufstieg ganz schön hin. Bergsteiger mit normaler Kondition müssen eine Hüttennacht einplanen, um die 2000 Meter Höhenunterschied zwischen Tal und Gipfel zu überwinden. Das ist eher ungewöhnlich für einen Alpengipfel, der nur knapp an der 3000-Meter-Marke kratzt.

Die beliebteste Tour führt dabei durchs Reintal. Der Weg startet in der Klamm der Partnach. Der Fluss mit seinem sagenhaften blauen Wasser begleitet den Wanderer über lange Strecken und duckt sich verschämt unter der Hochwanner-Nordwand, einer der höchsten Wände der bayerischen Alpen. Nach 14 Kilometern und rund sechs Stunden erreichen Bergsteiger die Reintalangerhütte, wo nachweislich auch die Erstbesteiger eine Ruhepause einlegten - wenngleich es sich damals nur um eine einfache Hirtenunterkunft handelte. Heute platzt die Hütte aus allen Nähten, in Spitzenmonaten wie im vergangenen August nächtigten dort mehr als 3000 Menschen. »Die Leute kommen gut gelaunt an, haben sich freigelaufen von allen Sorgen und sind erleichtert und zufrieden«, erzählt Stephanie Stimmer, die die Hütte mehrere Jahre bewirtet hat.

In Erinnerung geblieben ist ihr, dass der Großteil ihrer Gäste Einsteiger waren, die noch nie auf einem hohen Berg standen. »Einmal Zugspitze besteigen ist der Traum für viele. Da nehmen sie große Mühen in Kauf.« An dieser Stelle sei angemerkt: Über die österreichische Seite, geht es einfacher und schneller auf die Zugspitze, weil der Höhenunterschied geringer und der Weg direkter ist. Die Bayern müssen sich ihren Berg auch 200 Jahre nach der Erstbesteigung mit den Tirolern teilen.

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