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Prepper

Bereit für die Apokalypse

Alexander Poliček verwandelt die Galerie Bernau in eine Prepper-Unterkunft.

Von Inga Dreyer

Hinter einer aufgespannten Folie zeichnen sich die Konturen eines provisorischen Bettes ab. Es gibt keine richtige Matratze, nur einen aufgeklappten Schlafsack auf einem Metallgeflecht. Die zart wirkende, auf ein Metallgeländer aufgespannte Folie dient als Raumteiler, den es jeden Moment zu zerfetzen droht.

Eingeschweißte Blumenerde, eine Plastikflasche zum Wasserfiltern, ein Kocher: Was hat sich der Mensch dabei gedacht, der diesen Raum eingerichtet hat?

In der Galerie Bernau in der kleinen Stadt nordöstlich von Berlin hat der Künstler Alexander Poliček die Unterkunft eines sogenannten Preppers gebaut. Der Begriff leitet sich aus dem Englischen ab - »be prepared«, (sei bereit) - und wird für Menschen verwendet, die sich auf eine bevorstehende Katastrophe vorbereiten. Das kann alles Mögliche sein - vom Ausfall der Stromversorgung über Bürgerkriege, Hungersnöte bis zu den Folgen des Klimawandels. Prepper horten Konserven, üben sich in Selbstversorgung oder bauen sogar Bunker, in denen sie im Krisenfall überleben könnten. »Es gibt auch Leute, die an die Zombie-Apokalypse glauben«, sagt Alexander Poliček.

Auf die Spuren des Prepper-Phänomens hat sich der 1986 in Chemnitz geborene Künstler nun unter der Überschrift »Make yourself, hard to kill« (Mach dich schwer zu töten) begeben. Dabei ging es nicht darum, eine möglichst authentische und funktionstüchtige Unterkunft zu schaffen. In ihrer provisorischen und unfertigen Anmutung werfen die ausgestellten Objekte Fragen auf: Wer mag das gebaut haben? Was treibt Menschen an, die sich auf den Ernstfall vorbereiten? Am Anfang seiner Beschäftigung mit Preppern stand das Interesse an ihren Beweggründen, erzählt Alexander Poliček. »Woher kommt die Angst?«, fragt er. Eine befriedigende Antwort habe er bis heute nicht gefunden. »Es ist immer noch so, dass ich das eigentlich nicht richtig verstehe«, erzählt er. In seiner Ausstellung lädt er Besucher*innen dazu ein, selbst den Sorgen nachzuspüren und sich in die Welt der Prepper hineinzudenken.

Unzählige Youtube-Tutorials und Spielfilme hat Poliček sich angesehen; außerdem Computerspiele gespielt, die sich mit dem Ende aller Tage beschäftigen. Ausgehend von der Szenerie eines solchen Spiels hat der Künstler ein Video gemacht, das in der Ausstellung auf einer großen Leinwand gezeigt wird. Der Spieler bewegt sich darin durch eine menschenleere, postapokalyptisch wirkende Welt, schlägt sich durch struppige Wiesen und Felder und läuft über Straßen, auf denen Unkraut sprießt. »Das ist eigentlich das, was ich am fürchterlichsten finde«, sagt Poliček über die Einsamkeit, die am Ende der Zeit auf den letzten Menschen wartet.

Seine Installationen selbst wirken verlassen und ohne Spuren von Leben. Sie sind menschengemacht, aber geben keinen Hinweis darauf, wann jemand dort war. Wurde die Unterkunft erst gestern gebaut oder vor 20 Jahren? Wovor fürchtete sich der Mensch, der sich hier mit Materialien aus dem Baumarkt abgemüht hat?

Prepper sind in unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Milieus zu Hause. Sogenannte Bush-Crafter beschäftigen sich damit, Techniken zu erlernen, mit deren Hilfe sie in der Wildnis überleben könnten. Einige Prepper begreifen Survivaltrainings vielleicht eher als Hobby, andere sind Anhänger*innen von Verschwörungsgedanken. Manche hielten ihre Aktivitäten lieber geheim, andere suchten die Gemeinschaft, berichtet Poliček.

Auch Rechtsextreme, die sich auf den Zusammenbruch des Staates vorbereiteten, seien durch ihre Prepper-Aktivitäten aufgefallen. Ihm aber gehe es um die Thematisierung des Phänomens an sich - nicht um die Beschäftigung mit rechten Gruppen und Terrorist*innen, erklärt Poliček.

Über das Internet habe er auch versucht, mit Preppern ins Gespräch zu kommen, um ihre Beweggründe zu verstehen. Leider habe sich niemand auf ein Treffen eingelassen, erzählt der in Berlin lebende Künstler, der Skulptur und Raumkonzepte bei Eberhard Bosslet an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und performative Bildhauerei bei Monica Bonvicini an der Akademie der Bildenden Kunst Wien studiert hat. 2015 war er Meisterschüler bei Wilhelm Mundt in Dresden.

Bei der Galerie Bernau hat er sich letztes Jahr mit seiner Idee zum aktuellen Jahresthema »Die Kunst des Friedens« - in Anlehnung an das Themenjahr Krieg und Frieden des Kulturlandes Brandenburg - beworben. Preppertum sei etwas, was sich in Friedenszeiten abspiele, sagt der Künstler. Es geht um die Vorbereitung auf die Krise in Momenten, in denen es einem gut geht.

Eröffnet wurde die nichtkommerzielle Galerie in Bernau auf Initiative von Künstler*innen und Kunstliebhaber*innen. 2013 hat die BeSt - Bernauer Stadtmarketing GmbH, eine Tochtergesellschaft der Stadt, die Trägerschaft übernommen.

Pro Jahr werden fünf bis sieben Ausstellungen in den Räumen im Bernauer Stadtzentrum präsentiert. Gemeinsam mit dem 1990 gegründeten Förderkreis Bildende Kunst Bernau wird jedes Jahr ein Motto entwickelt, zu dem sich Künstler*innen mit Ausstellungskonzepten bewerben können. Eine Fachjury entscheidet, wer den Zuschlag erhält.

Alexander Poliček hat seine Idee lange vor Corona eingereicht - so wie fast 90 weitere Bewerber*innen, erzählt Frederiek Weda, die Leiterin der Galerie. »Damals wusste ich noch nicht, dass das Thema so relevant wird«, sagt der Künstler. Überraschend kam die Pandemie als realer Ernstfall fürs Preppertum: »Ich mache eine Ausstellung - und plötzlich passiert so etwas«, meint Poliček. Auch er selbst musste mit seiner Freundin in Quarantäne und kam deshalb in die Situation, für einen längeren Zeitraum einkaufen zu müssen. Angst vor leeren Regalen habe er trotzdem nicht verspürt, erzählt er. »Es war mir völlig unerklärlich, warum Leute so viel Klopapier gekauft haben. Ich würde sagen, dass das eine Kettenreaktion war.«

Er selbst ist trotz Krise nicht zum Prepper geworden. Trotzdem fasziniert ihn das Phänomen noch immer. »Ich werde wahrscheinlich noch weiter zu dem Thema arbeiten«, erzählt er.

In der Galerie Bernau wird als nächstes, ab Anfang Oktober, eine Ausstellung von Victoria Alexandrova zu sehen sein, die die Wälder zwischen Bernau/Lobetal, Lanke und Biesenthal erkundet hat. Dabei war sie auf der Suche nach naturfremden Gegenständen, die als Spuren regionaler Geschichte verstanden werden können: Patronenhülsen etwa oder Porzellan- und Geschirrreste. Indem sie diese Objekte neu arrangiert, lädt sie zur Auseinandersetzung mit tradierten Lesarten des Vergangenen ein.

Bis zum 25. September, dienstags bis freitags: 10 bis 18 Uhr, samstags: 10 bis 16 Uhr, Bürgermeisterstraße 4, Bernau.

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