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Schach

An die Weltspitze denken

Vincent Keymer ist Deutschlands jüngster Schach-Großmeister.

Von David Ryborz

Das erste Duell mit Schachprimus Magnus Carlsen hat Vincent Keymer noch knapp verloren. Halb so schlimm, für das deutsche Supertalent zählte sowieso erst mal nur die Erfahrung. »Es war ein besonderes Erlebnis, gegen den Weltmeister spielen zu dürfen. Das hat man nicht jeden Tag«, sagt Keymer über die Partie gegen den norwegischen Dominator im vergangenen Frühjahr.

Vincent Keymer ist 15 Jahre alt, im Oktober 2019 wurde er der jüngste Großmeister, den es in Deutschland bislang gab. Bereits mit fünf Jahren entdeckte er die Liebe zum Schachspiel, nun klopft der Schüler aus Saulheim, knapp 20 Kilometer südlich von Mainz, leise an die Tür zur Weltspitze. Der Weg dahin ist allerdings kein einfacher, der Erfolg nicht garantiert. Es sei natürlich »keine Schande«, schon mit Carlsen verglichen zu werden, sagt Keymer, aber »davon bin ich noch weit entfernt«.

Vincent Keymer wirkt bescheiden, zielstrebig - und realistisch. Talente gibt es im Schach viele, in die Weltspitze schaffen es aber nur wenige. Das weiß auch Keymer. Auch die Konkurrenz in seinem Alter ist stark, vor allem die sogenannten Wunderkinder aus Indien und China. Deshalb will Keymer in den nächsten eineinhalb Jahren erst mal das Abitur schaffen, dann »ein paar Schachjahre - und dann mal gucken«. Seine starken Leistungen gegen erfahrene Großmeister weckten aber im deutschen Schach natürlich Hoffnungen.

Keymer habe in den vergangenen Jahren »eine fantastische Entwicklung« durchlaufen, sagt Ullrich Krause, Präsident des Deutschen Schachbundes (DSB). Es bestehe durchaus die Möglichkeit, »dass er sich eines Tages in der Weltspitze etablieren kann«. Die Coronakrise kam dem Sohn einer Musikerfamilie zumindest entgegen. Keine Schulwege, das hieß mehr Zeit fürs Training, fünf bis sechs Stunden täglich, manchmal sogar zehn. In der wenigen Freizeit fährt Keymer zum Ausgleich mit dem Fahrrad, andere Sportarten wie Fußball oder Handball im Verein musste er wegen des straffen Terminkalenders aufgeben.

Die Pandemie kam auch dem Schachsport entgegen - das 1500 Jahre alte Brettspiel erlebt derzeit einen regelrechten Boom. Grund dafür ist die Streamingplattform Twitch. Dort duellieren sich berühmte Streamer im Online-Schach, die Partien werden teilweise von mehr als 150 000 Zuschauern verfolgt. Etablierte Profis wie Großmeister Hikaru Nakamura, derzeit Weltranglistenerster im Blitzschach, geben als Kommentatoren wertvolle Tipps. Nakamura streamt zudem auch selbst, für fast 500 000 Follower. Auch die anderen Weltklassespieler sind kurzerhand auf das virtuelle Brett umgestiegen. »Alle guten Spieler und Großmeister sind auf Onlineplattformen aktiv«, sagt Keymer. Dabei steht allerdings weniger die Unterhaltung, sondern mehr der Wettbewerb im Fokus.

Für Keymer beginnt nach den Sommerferien bald wieder die Schule. Danach will er sich bei Live-Turnieren beweisen. Den Weltmeister aus Norwegen brachte Keymer jedenfalls fast sieben Stunden lang ins Schwitzen. Und vielleicht gelingt in Zukunft sogar mal ein Sieg gegen Carlsen? »Da würde ich mich nicht beschweren«, sagt Keymer mit einem Lächeln. Der letzte deutsche Weltmeister war Emanuel Lasker - vor fast 100 Jahren. SID/nd

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