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Impfstoffentwicklung hat Priorität

Kuba hält sich anders als Russland an internationale Standards, könnte aber Aufträge aus Moskau erhalten

  • Von Andreas Knobloch, Havanna
  • Lesedauer: 4 Min.

Angesichts wieder steigender Infektionszahlen hat die kubanische Regierung vor wenigen Tagen einen neuerlichen Lockdown über Havanna verhängt. Restaurants, Bars und Schwimmbäder wurden wieder geschlossen, der öffentliche Nahverkehr ausgesetzt und Strände gesperrt. Daher stellen sich die Kubaner wie viele Menschen anderswo die Frage: Wann ist endlich ein wirksamer Impfstoff gegen Sars-CoV-2 verfügbar?

Es gebe verschiedene Länder, die an einem Corona-Impfstoff forschten, erklärte Francisco Durán, Direktor für Epidemiologie des kubanischen Gesundheitsministeriums, kürzlich in seiner täglich live übertragenen Pressekonferenz, »auch unser Land arbeitet daran«. Und Eduardo Martinez, Präsident des kubanischen Biotechnologieunternehmens BioCubaFarma, twitterte: »Das Erreichen eines wirksamen Impfstoffs gegen Covid-19 hat für unser gesamtes Wissenschafts- und Innovationssystem Priorität.« Martinez spricht von »soliden und schnellen Fortschritten in diesem Projekt« am Finlay-Institut, dem staatlichen Wissenschaftszentrum in Havanna, das sich der Forschung und Herstellung von Impfstoffen widmet. Dort, am Zentrum für Molekulare Immunologie und am Zentrum für Gentechnik und Biotechnologie (CIGB), arbeiten kubanische Wissenschaftler an vier möglichen Vakzinen, von denen eines nach Angaben der staatlichen Presse in Testversuchen weit fortgeschritten sei.

»Angesichts der Corona-Pandemie haben wir zwei Prioritäten: die Fähigkeit zu schnellem und massivem Testen, das eine epidemiologische Überwachung ermöglicht, und die Entwicklung spezifischer Impfstoffe, die zur Bekämpfung der Krankheit in unserem Land beitragen«, erläuterte Rolando Pérez, Direktor für Wissenschaft und Innovation bei BioCubaFarma, in einer Sondersendung im kubanischen TV. Einzelheiten nannte er nicht.

Tatsächlich hat Kubas Biotechnologie viel Erfahrung in der Entwicklung von Impfstoffen. Acht der dreizehn zum kubanischen Impfschema gehörenden Seren werden auf der Insel selbst hergestellt. Auch international ist man durchaus erfolgreich. Ein auf Kuba entwickelter therapeutischer Impfstoff gegen chronische Hepatitis B war weltweit der erste gegen eine chronische Infektionskrankheit, der auf nasalem Weg verabreicht wird.

An solche Erfolge will man jetzt anknüpfen. Die kubanische Forschung konzentriere sich auf »Impfstoffe auf Basis virusähnlicher Partikel, die Vorteile hinsichtlich der Fähigkeit zur Stärkung und Aktivierung des Immunsystems haben«, so Gerardo Guillén, Direktor für biomedizinische Forschung am CIGB. Dazu zählten Impfstoffe, die nasal verabreicht würden. »Und jetzt, da wir über eine Atemwegserkrankung (Covid-19, d. Red.) sprechen, glauben wir, dass eine Immunisierungsplattform über die Schleimhäute logischerweise einen größeren Einfluss auf das Erreichen einer funktionellen, wirksamen Reaktion gegen dieses Virus haben wird.«

Dass Kuba über eine leistungsstarke Biotechnologiesparte und eigene Labors verfügt, wird auch bei der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation in Washington begrüßt. »Das Land produziert fast 80 Prozent der Impfstoffe, die im Rahmen des nationalen Immunisierungsprogramms verwendet werden. Es gibt das Finlay-Institut, und es gibt einen großen Bereich technologischer Innovationen«, sagt der Kuba-Direktor des Regionalbüros der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Chilene José Moya.

Berichten zufolge gehört Kuba zu jenen Ländern, die den von russischen Wissenschaftlern entwickelten Sputnik-V-Impfstoff gemeinsam herstellen könnten. Die Ankündigung des ersten weltweit zugelassenen Impfstoffs hatte vergangene Woche für Aufsehen gesorgt. Bei Experten stieß dies auf Skepsis und Kritik, da die für die Zulassung laut internationalen Standards übliche Phase 3 der klinischen Erprobung noch nicht beendet ist. Ab September soll die industrielle Produktion beginnen. »Wir glauben, dass Kuba eines der wichtigsten Zentren für die Impfstoffproduktion werden kann«, erklärte Kirill Dmitriev, Direktor des russischen Staatsfonds RDIF, der das Impfprojekt finanziert, in einer Videopressekonferenz. Laut Dmitriev könnte die Herstellung des russischen Impfstoffs auf Kuba im November beginnen. Noch aber müssten Details geklärt werden.

Die nd-Nachfrage, ob das russische Vakzin auf Kuba auch für den Karibikstaat selbst oder nur fürs Ausland produziert wird, ließ Chef-Epidemiologe Durán ebenso unbeantwortet wie die nach dem kubanischen Zulassungsverfahren. Dass das Land ähnlich wie Russland bereits in die Produktion einsteigt, während die Massentests zur Erprobung von Wirksamkeit und Nebenwirkungen noch laufen, steht allerdings nicht zu erwarten. Havanna hält sich in der Regel strikt an die Vorgaben der WHO. Trotz aller Fortschritte bei der Forschung werde es so schnell keinen massenhaft verfügbaren, funktionierenden Impfstoff geben, warnt denn auch Durán. »Wir müssen realistisch bleiben«: Der einzige wirksame Schutz vor Ansteckungen derzeit sei, »Maske zu tragen und die Hygiene- und Abstandsregelungen einzuhalten«.

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