Zwischen Paranoia und Misstrauen

Regisseur Marco Bellocchio entblößt mit seinem Mafia-Film »Il Traditore« eine im Kern dümmliche Organisation

  • Von Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer sich nicht sattsehen kann an verkoksten Männern in engen Anzügen, an schmierigen Auftragskillern und Familiengemunkel, an dicken Karren und Blutrache, muss sich entweder die Börsennachrichten oder den siebenhundertmillionsten Mafiafilm anschauen. »Il Traditore« (dt. »Der Verräter«) ist, der Titel verspricht es bereits, so einer, wenn auch ein authentisch italienischer, im Gestus etwas ruhigerer als die berühmten Hollywood-Vorbilder. Explosionen gibt es höchst selten. Erst wenn die Cosa Nostra den berühmten Richter Giovanni Falcone von der Autobahn sprengt, so tatsächlich geschehen am 23. Mai 1992, fliegen die Fetzen.

Das mit zweieinhalb Stunden viel zu lange Psychodrama von Marco Bellocchio über den abtrünnigen Tommaso Buscetta verfolgt streng die Nacherzählung realer Ereignisse. In den 80er-Jahren beginnen die Familien des organisierten Verbrechens in Süditalien, sich zu zerfleischen. Kopf um Kopf muss rollen, bis der Krieg über die Abermilliarden Lira aus dem Opiumhandel zum Stillstand kommt.

Der Film beginnt mit einem Sippentreffen, das auf einer Fotografie verewigt wird. Von den Abgebildeten leben bald nicht mehr viele. Auf der Todesliste steht, wer das falsche Blut in den Adern hat. So erwischt es auch Buscettas Söhne, einen von ihnen erdrosselt sein Patenonkel höchstpersönlich.

Bellocchio will mit seinem Werk eine gerissene, aber im Kern dümmliche Organisation entblößen, deren Mitglieder zwar nicht mehr ums finanzielle, dafür aber ums nackte Überleben kämpfen. Reichtum, Luxus, Freizeit? Ein gutes Leben hat längst keiner mehr von ihnen. Jahrelang sitzen sie im Knast, lassen sich hinter Gittern mit Prostituierten und Zigarren versorgen, brechen aus oder werden entlassen, fristen aber im Grunde dasselbe Dasein auch in Freiheit.

Paranoia und Misstrauen beherrschen den Alltag, nicht mehr die »Familie« zählt, sondern nur noch der Schutz der eigenen Kernfamilie, die jederzeit einem Attentat zum Opfer fallen kann. Die Gesetze der Gesetzlosen sind zwar selbst gemacht, versprechen aber keinerlei Freiheit. Es legt sie aus, wer will. Wer die größere Maschinenpistole hat und seltener vor die Tür geht, gewinnt. Hauptfigur Buscetta hält grundsätzlich nichts vom Staat, »auch eine Mafia, nur legal«, nennt er ihn. Er sieht sich pragmatisch vor die Frage gestellt, welche Autorität, welcher »Rechtstaat« ihm mehr zu bieten hat - da sämtliche Freunde und Verwandte langsam unter der Erde sind, fällt ihm diese Entscheidung leichter als gedacht.

Pierfrancesco Favino (»Night At The Museum«) spielt den Verräter, Mörder, Casanova, Vater, und am Ende doch bemitleidenswerten Menschen Buscetta verschwitzt, stoisch, einnehmend. Dass der 50-jährige internationale Star seine Rolle tatsächlich entsprechend vielschichtig ausfüllen kann, ist bemerkenswert, rettet den Film jedoch nicht vor Redundanz und Langeweile.

Motive der Dekonstruktion sind durchaus üblich im Genre, auch Martin Scorseses bessere Mafiafilme wie »Raging Bull« oder japanische Yakuza-Klassiker wie Seijun Suzukis »Branded To Kill« machen seit Dekaden nichts Anderes, sind aber deutlich interessanter inszeniert und viel kurzweiliger erzählt. »Il Traditore« ist ein Abrechnungswerk aus Italien für Italien, dessen Details und Namen vor allem Italiener interessieren. Regisseur Bellocchio, der einstige Kommunist, nunmehr 80 Jahre alt, nickt seinen Landsleuten noch einmal zu, zeigt ihnen, was für eine traurige Figur so ein »echter Sizilianer« doch sein kann.

Das gelingt ihm am besten, wenn er seine Kunstgriffe nicht so offensichtlich anwendet, dass man sie im plumpen Effektkino verorten muss. Actionreich sind zwar die ersten Minuten, in denen ein Sekundenzähler immer bis zur nächsten Hinrichtung zählt, sie wirken dennoch fehl am Platz im Verhältnis zur folgenden minutiösen Chronologie der Unterwelt.

Großartig sind hingegen Szenen wie diese: In einem italienischen Restaurant, irgendwo im Nirgendwo der USA, sitzt unter neuer Identität und ständigem Polizeischutz stehend, die Familie Buscetta zum Weihnachtsfest. Sie bestellt Wein und Pasta, die Stimmung ist gelöst, die innere Anspannung Tommasos scheint unbegründet. Unerwartet betritt ein Musikant den Gastraum, auf dem Akkordeon spielt dieser den berühmten Schlager »Lasciatemi Cantare« von Toto Cutugno. Tommaso beginnt zu schwitzen, lockert sich die Krawatte, versucht Ruhe zu bewahren, bis ihm der Sänger ins Ohr flüstert: »...como un siciliano vero! / Wie ein echter Sizilianer!«

»Il Traditore«, Italien/Frankreich/ Deutschland/Brasilien 2020, Regie: Marco Bellocchio, mit Pierfrancesco Favino, Maria Fernanda Candido, Luigi Lo Cascio, Länge: 153 Minuten

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung