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Schlipsnazis sind auch Faschisten

SCHWARZ AUF WEIß – DIE MEDIENKOLUMNE: Sheila Mysorekar hofft, dass deutsche Medien nicht nur Diktaturen in Afrika wahrnehmen, sondern auch faschistische Tendenzen in befreundeten Staaten

  • Von Sheila Mysorekar
  • Lesedauer: 4 Min.

Redaktionen unserer Republik: Wisst ihr, wie man Nazis erkennen kann? Jaja, kleiner viereckiger Schnurrbart, Millionen Tote, schon korrekt, aber ich meinte Faschisten so im Allgemeinen? Mhm, Glatze-Springerstiefel-Baseballschläger, auch richtig, aber das ist so Neunziger... Also, ich meine eher Faschos der heutigen Zeit. Ein paar Hinweise: Jackett und Ausweis für den Bundestag? Richtig, die Schlipsnazis der AfD! Oder: Wolfsangel-Tattoo und schicke Sonnenbrille? Genau, die identitären Cityfaschos!

Wir müssen uns dran gewöhnen, dass die Faschisten von heute coole Klamotten tragen. Dass sie unsere Kollegen, Nachbarinnen, Abgeordnete sind. Dass ihre Ansichten von der sogenannten Mitte übernommen wurden. Keiner redet heutzutage von »Untermenschen«, sondern von »muslimischer Machokultur«. Und dass man die Grenzen dicht machen müsse – und da sind sie nun wirklich mehrheitsfähig. Die Festung Europa mit Tausenden von Toten im Mittelmeer ist eine Erfolgsgeschichte für jeden Neonazi.

Kritiker des systematischen Ertrinkenlassens werden als naive Gutmenschen verspottet. Die »das wird man doch noch sagen dürfen!«-Normalität sollte uns alle beunruhigen. Doch stattdessen übernehmen viele bürgerliche Medien diese Narrative. Weil der Rechtsruck so schleichend verläuft, eher ein Rechtsrutsch, merkt man nicht direkt, wohin es geht. Das macht die Lage nicht weniger gefährlich.

Etwa auf internationaler Ebene: Weltweit sind einige Kandidaten mit faschistischen Tendenzen am Start, also quasi Diktatoren in Ausbildung, auch in Europa. Orbán in Ungarn: drastische Beschneidung der Pressefreiheit. Erdoğan in der Türkei: Inhaftierung politischer Gegner. Modi in Indien: Einschränkung der Rechte von Muslimen. Kiir in Südsudan: Aussetzen der Wahlen. Bolsonaro in Brasilien: Rekolonisierung der Indigenen. Al-Sisi in Ägypten: Folter von Gefangenen. Und so weiter. Von altgedienten Diktatoren wie Assad in Syrien mal ganz zu schweigen.

Das Entscheidende bei all diesen Regierungschefs ist jedoch nicht ihr Populismus oder Größenwahn, sondern der systematische Umbau der gesellschaftlichen Institutionen, der unkontrollierte Machtkonzentration zulässt. Man braucht nicht zu putschen, um eine Diktatur aufzubauen. Es ist nicht nötig, Soldaten auf der Straße zu postieren, um die Kontrolle zu übernehmen. Der neue Faschismus läuft ganz smooth.

Es wäre schön, wenn deutsche Medien nicht nur Diktaturen in Afrika wahrnähmen, sondern auch die faschistischen Tendenzen in befreundeten Staaten. Die Allerweltsformel »Populismus« reicht da nicht mehr aus.

Ein anderes Beispiel: Großbritannien beginnt Schritt für Schritt autokratische Züge zu zeigen: De facto regiert dort Dominic Cummings, Berater von Premierminister Johnson. Er ist nicht gewählt, aber mit einer zunehmenden Machtfülle ausgestattet.

In den Berichten über die USA dominieren zu oft Trumps Frisur oder seine idiotischen Sprüche. Was wirklich beunruhigend ist: die systematische Platzierung von Trumps Vertrauten in Justiz und administrativen Schlüsselpositionen. Die momentan laufende Sabotage der Post, damit im Herbst die Briefwahl erschwert wird, ist ein weiteres Puzzleteil in einem besorgniserregenden Bild.

Zurück zu Deutschland. Rechtsaußen zu sein gibt niemand gern zu – historisch halt ein bisschen blöd. Deswegen läuft es hierzulande folgendermaßen: Irgendwelche Leute behaupten von sich, sie seien liberal, oder bürgerliche Mitte, oder christlich-sozial, oder Kabarettist*in. Und mit dieser Selbsteinschätzung dürfen sie dann absolut alles sagen. Wenn sie daraufhin für ihre rechtsextremen, rassistischen oder antisemitischen Äußerungen kritisiert werden, inszenieren sie sich als Opfer einer imaginären »Cancel Culture« - und bekommen noch mehr Reichweite und Redezeit zugestanden. Das ist kein Zufall, sondern Absicht.

Ein Beispiel: Weswegen glauben eigentlich viele in der Medienbranche weiterhin, dass Ulf Poschardt »nur provozieren« will? Als Chefredakteur der »Welt«-Gruppe beschäftigt er Kolumnisten, die rassistische, frauenfeindliche und rechtsextreme Texte schreiben und gezielt gegen Linke und Black and People of Color hetzen. Vorige Woche erschien ein Artikel in der »Welt«, in welchem der Chefkommentator sich darüber freute, dass Mitglieder der Waffen-SS nach 1945 weiterhin in Lohn und Brot blieben.

Es ist eine Frage der Logik: Ein Chefredakteur, der in seinem Blatt Rechtsaußen-Hetzern und Faschismus-Apologeten regelmäßig eine Bühne bietet, ist kein Liberaler mehr. Auch wenn er das behauptet.

Sheila Mysorekar ist Journalistin und Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher*innen, einem Verein von Medienschaffenden mit Migrationsgeschichte. Für »nd« schreibt sie die Medienkolumne »Schwarz auf Weiß«.

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