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Im Finale im Fokus

Auf wen und worauf es im Endspiel der Champions League für den FC Bayern gegen Paris Saint-Germain besonders ankommen dürfte, um das zweite Triple nach 2013 zu erreichen.

  • Von Maik Rosner
  • Lesedauer: 5 Min.

Natürlich wird nun auch Juan Bernat daran erinnert - vor diesem Finale der Champions League des FC Bayern gegen Paris Saint-Germain am Sonntagabend. An jene legendäre Pressekonferenz aus dem Herbst 2018, auf der Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge Artikel 1 des Grundgesetzes zitierte und zusammen mit dem damaligen Präsidenten Uli Hoeneß einen Mangel an Respekt der Medien beklagte, ehe Hoeneß kurz darauf Bernat nachrief, einen »Scheißdreck« gespielt zu haben. »Allein dafür verantwortlich« gewesen sei der Linksverteidiger, polterte Hoeneß, »dass wir fast ausgeschieden wären«. Gemeint war das zurückliegende Viertelfinale in Sevilla, und Hoeneß, einmal in Rage, ergänzte noch, dass »das Wohl und Wehe des FC Bayern« sicher nicht vom damals sofort beschlossenen Verkauf des Spaniers abhänge. Die Würde des Menschen Bernat, der für 15 Millionen Euro zu PSG gewechselt war, war damit ziemlich angetastet - und ungewollt auch die des FC Bayern. Später entschuldigte sich Hoeneß.

Am Sonntag gibt es nun ein Wiedersehen, doch im Fokus des Finals dürften andere stehen. Beim Kampf um den Titel und damit das zweite Triple der Münchner Vereinsgeschichte nach 2013 wird es wohl vor allem auf die Entscheidungen der beiden Trainer ankommen, auf die von Bayerns Hansi Flick, 55, und Thomas Tuchel, 46, von PSG. Zudem auf Münchner Seite auf Torwart Manuel Neuer, die Defensive, das zentrale Mittelfeld und vorne auf Stürmer Robert Lewandowski. Ein Rundgang durch die Bayern-Mannschaft, von der Kapitän Neuer sagt, diese sei im Unterschied zum Triple-Team unter Trainer Jupp Heynckes vor sieben Jahren »in der Breite besser aufgestellt«.

Das Trainerduell

Als es beim FC Bayern nach der Entlassung von Carlo Ancelotti im Herbst 2017 darum ging, einen Nachfolger für den erneut übergangsweise eingesprungenen Heynckes zu finden, wollte Rummenigge den ehemaligen Mainzer und Dortmunder Tuchel verpflichten. Hoeneß war nicht begeistert, sondern hoffte vergeblich, Heynckes zum Weitermachen überreden zu können. Im März 2018 sagte Tuchel wegen PSG ab, die Bayern holten Niko Kovac. Im November 2019 übernahm Kovacs damaliger Assistent Flick.

»Heilfroh«, sagte Rummenigge jüngst, sind sie nun in München, unter Flick laufe es »wie geschnitten Brot«, und dieser werde hoffentlich »noch ganz, ganz lange bleiben«. Nun soll Flick dazu beitragen, die Saison mit all den unter ihm aufgestellten Rekorden zu krönen. Was man allerdings noch nicht so richtig weiß, weil die Mannschaft unter ihm bisher einfach zu erfolgreich war: Was passiert eigentlich, wenn’s mal nicht so rund läuft, beispielsweise bei einem Rückstand gegen PSG? Wie reagiert Flick dann taktisch und wie nimmt er Einfluss auf seine Mannschaft, wenn ihr der Spielfluss abhandenkommt? Coaching unter Hochdruck - kann Flick auch das? Das Finale gegen den Beinahe-Bayern-Trainer Tuchel könnte eine Antwort liefern.

Manuel Neuer

Es gab im Halbfinale gegen Olympique Lyon eine Szene, in der der Torwart im Eins-gegen-eins als Retter gefragt war. Neuer machte sich vor Karl Toko Ekambi ganz breit und wehrte den Ball ab. »Ich hatte das Glück«, sagte der Weltmeister von 2014, wohl wissend, dass es auch anders hätte ausgehen können.

Das gilt wohl umso mehr, wenn nun einer aus dem PSG-Sturmtrio Neymar, Kylian Mbappé und Ángel Di Maria so frei vor ihm zum Abschluss kommen sollte. Ganz vermeiden lassen werden sich Chancen für Paris kaum. Vorstandsmitglied Oliver Kahn, Torwart von Bayerns Champions-League-Siegerelf von 2001, glaubt an den 34-jährigen Neuer: »Manuel kann noch einige Jahre auf sehr hohem Niveau spielen.« Der von Schalke verpflichtete Alexander Nübel, 23, hat’s vernommen.

Die Defensive

Damit es weniger Turbulenzen vor Neuers Tor gibt als gegen Lyon, kündigte Flick an, er werde »die Defensive noch ein bisschen anders organisieren«. Wie, verriet er selbstredend nicht. Tiefer stehen oder umbauen, mit Rechtsverteidiger Benjamin Pavard? Der Franzose ist wieder fit, wurde gegen Lyon eingewechselt. Er ist zumindest eine Option und defensivstärker als Joshua Kimmich, der zuletzt hinten rechts aushalf. In den Rücken der Außenverteidiger Kimmich und Alphonso Davies kam Lyon mehrfach und zuvor auch Barcelona. In der Mitte soll Abwehrchef David Alaba, bei dessen Vertragsverlängerung Kahn »sehr optimistisch« ist, sein gutes Stellungs- und Aufbauspiel wieder einbringen. Daneben ist Jérôme Boateng eingeplant, der aber gegen Lyon mit muskulären Beschwerden ausgewechselt wurde. Zur Not stünde Niklas Süle bereit. Schwerstarbeit erwartet die Abwehr wohl in jedem Fall.

Das zentrale Mittelfeld

Sollte Flick Pavard bringen und damit die drei Mal hintereinander identische Startelf ändern, würde Kimmich anstelle von Thiago neben Leon Goretzka ins defensive Mittelfeld rutschen, seine Paraderolle. Eine Überlegung ist das wert, zumal Thiago gegen Lyon mehrfach indisponiert agierte. Zumal im Zentrum die Weichen gestellt werden. Das gilt umgekehrt auch für Paris, das mehr ist als die Einzelkönner in der Offensive, sondern zuletzt vor allem als Einheit überzeugte. In der Zentrale könnte das Finale entschieden werden. Bei den Bayern soll dazu zentral offensiv auch Thomas Müller beitragen, als »Signalgeber« (Flick) fürs typische Münchner Pressing. Damit ist Paris verwundbar.

Robert Lewandowski

15 Tore hat der Stürmer in dieser Saison der Champions League erzielt, in Lissabon glänzen bisher aber andere. Zwei unbedeutende Treffer gelangen dem Polen dort, dafür fällt er als mannschaftsdienlicher Pressing- und Kombinationsspieler auf. Das Finale ist für ihn die ideale Gelegenheit, auch die letzte Kritik verstummen zu lassen, wonach er in den ganz großen Spielen nicht die entscheidenden Tore liefere. Zwei Treffer noch, und er hätte Cristiano Ronaldos Rekord von 2013/14 eingestellt. Vor allem aber: Gelingt der Titelgewinn, wäre Lewandowski, seit Freitag 32 Jahre alt, vollendet. Den möglichen Weltfußballertitel braucht er dafür gar nicht. Und zur Not darf aus Münchner Sicht gegen PSG auch gerne wieder Serge Gnabry mit Toren einspringen. Sein Gegenspieler: Juan Bernat.

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