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Zwischen »Jedermann«-Schmarrn und Mozart-Glück

100 Jahre Salzburger Festspiele - vier Tage zwischen Krise, Höhepunkten und Aufarbeitung

  • Von Berthold Seliger
  • Lesedauer: 6 Min.
Eine Wand und darin zwei Türen: Mehr braucht es nicht für großes Welttheater bei Mozarts »Cosi fan tutte«.
Eine Wand und darin zwei Türen: Mehr braucht es nicht für großes Welttheater bei Mozarts »Cosi fan tutte«.

Es geschah in Salzburg vor hundert Jahren: Im Chiemseehof, dem Sitz der Landesregierung, fand ein »Vertretertag aller nationalen Sozialisten des deutschen Sprachgebiets« statt. Die rund 250 Delegierten einigten sich auf einen Zusammenschluss ihrer Parteien unter dem Namen »Nationalsozialistische Partei des deutschen Volkes« und auf das Hakenkreuz als Parteiemblem. Als Vertreter der Münchner Delegation nahm ein gewisser Adolf Hitler an der Tagung teil; das deutschnationale »Salzburger Volksblatt« berichtete von »Adolf Hüttlers« viel beklatschter Rede. Zwei Wochen nach dem Treffen der Faschisten wurden die Salzburger Festspiele am 22. August 1920 mit einer Aufführung des »Jedermann« eröffnet. Hundert Jahre später finden die Jubiläumsfestlichkeiten unter Krisenbedingungen statt, mit einem abgespeckten und völlig veränderten Programm - und nur vier statt der üblichen sechs Wochen.

Die den Festspielen von allem Anfang an eingeschriebene Ambivalenz zwischen rückwärtsgewandtem Kulturkonservativismus (Hugo von Hofmannsthal) und Moderne (Max Reinhardt) zieht sich durch die letzten hundert Jahre, besonders nachdem Herbert von Karajan 1957 als Künstlerischer Leiter inthronisiert worden war. Damit war der Weg zum Starkult, zur Glitzerklassik unter dem »Pult-Magnaten« (Karl Schumann) vorgezeichnet, zumal Karajan gleich 1957 die Linie vorgab: Neue Musik biete lediglich »eine Reportage der Zerstörung«, sie lasse »Schönheit, Verheißung, das Positive« vermissen. Dennoch gab es immer wieder Uraufführungen zeitgenössischer Werke, 1966 etwa Henzes »Bassariden« unter Christoph von Dohnány, 1972 Thomas Bernhards »Der Ignorant und der Wahnsinnige« durch Claus Peymann mit dem legendären Notbeleuchtungsskandal. Bernhard verbietet danach weitere Aufführungen, er telegrafiert: »EINE GESELLSCHAFT DIE ZWEI MINUTEN FINSTERNIS NICHT VERTRAEGT KOMMT OHNE MEIN SCHAUSPIEL AUS.«

Spätestens mit dem Amtsantritt des aktuellen Intendanten Markus Hinterhäuser im Jahr 2017 war aber klar, dass der Einsatz für die Moderne, für die Avantgarde, aber auch für musikalische und inszenierende Experimente mit »klassischen« Werken nicht länger nur ein vom internationalen Publikum kopfschüttelnd hingenommenes oder gleich komplett ignoriertes Alibi-Beiprogramm der Salzburger Festspiele darstellt, sondern zu ihrem künstlerischen Nukleus gehört. Dann kam das Virus, dann kam die Pandemie und machte einen Strich durch alle Rechnungen. Doch anders als Bayreuth und praktisch alle anderen Großfestivals gaben Hinterhäuser und seine Mitstreiter*innen nicht auf, sondern planten ein komplett neues Notprogramm: keine Aufführungen länger als zwei Stunden. Keine Pausen, keine Buffets und Champagnerbars vor, zwischen oder nach den Stücken, personalisierte Tickets, Mund-Nase-Bedeckungspflicht bis zum und vom Sitzplatz aus, Fächer-Verbot, maximal die 1000 von der österreichischen Regierung genehmigten Sitzplätze in einer Art Schachbrettmuster. Die Krise als Chance? Der beispiellose künstlerische Erfolg der aktuellen Saison gibt den Salzburgern recht.

Etwa Mozarts »Cosi fan tutte«: Christof Loy gilt als einer der profiliertesten Opernregisseure unserer Tage, Johannes Martin Kränzle ist ein herausragender Bariton, er gastiert an den bedeutendsten Opernhäusern, und die Dirigentin Joana Mallwitz wird überall, wo sie auftritt, gefeiert, dürfte aber nach wie vor eher Insidern bekannt sein. Aber Elsa Dreisig? Marianne Crebassa? Andrè Schuen? Bogdan Volkov? Lea Desandre? Und doch sorgen sie alle für eine beglückende Aufführung, was eindrucksvoll zeigt, dass es nicht immer die großen Namen sein müssen, die künstlerische Höhepunkte erzeugen.

Loy und Mallwitz nehmen Mozart und dessen melancholischste Oper ernst. Ein karges Bühnenbild, praktisch keine Kulissen - eine Wand und darin zwei Türen, das reicht Loy völlig aus, mit den sechs Figuren ein »großes Welttheater« zu inszenieren. Die Kammerzofe Despina wird köstlich eingeführt, indem sie lange topfschlagend auf der Bühne Kreise zieht. Mittendrin stockt sie und vertritt ihren Klassenstandpunkt: »Welch ein erbärmliches Leben, Kammerzofe zu sein!« Um danach weiter ihren Topf zu schlagen. »Von morgens bis abends hat man zu tun, schwitzt und arbeitet, und dann ist von allem, was man tut, nichts für uns.«

Bei all dem hat Mozart eine überirdisch schöne Musik komponiert: Traumhafte Quintette und Sextette, tiefschürfende Gesangsstücke wie die große Liebesarie der Fiordiligi (wunderschön: Elsa Dreisig). In Mozarts Musik liegt das Geheimnis dieser Oper, »in der begleitenden Musik, die Raum hat für alles: für die Liebe und deren Widerlegung, für die Sinnlichkeit und die Askese. Nur von Moral weiß sie nichts ...« (Jan Reichow).

Loy und Mallwitz nehmen sich auch Zeit für Mozarts große Fermaten, »den Gedanken wird mehr Zeit und Gewicht gegeben« (Loy): Immer wieder stehen da ratlose Menschen auf der Bühne, die gerade nicht mehr weiterwissen; eine Einladung also zur Kompliziertheit des Lebens. Eine berührende Aufführung - ein Traum, das vollkommene Mozart-Glück!

Und sonst so? Mahlers »Lied von der Erde« mit Kent Nagano, dem ORF-Symphonieorchester Wien und den großartigen Tanja Ariane Baumgartner und Piotr Beczala; ich habe die Tenorpartie live noch nie so klar und eindringlich gehört wie von Beczala: »Dunkel ist das Leben, dunkel ist der Tod.« Naganos Interpretation ist analytisch und setzt auf eine Art kammermusikalische Transparenz, was intellektuell sehr reizvoll ist; manchmal vermisst man aber auch den Kokon aus Schönheit und Schmerz, die verzweifelte klangliche Mondlandschaft, die man zum Beispiel bei Vladimir Jurowski hören kann. Interessant, dass die zwischen dem fünften und sechsten Satz eingeschobenen »Sechs kleinen Klavierstücke op. 19« Arnold Schönbergs in diesem Kontext sehr gut »funktionieren«. Till Fellner moduliert die aphoristischen Miniaturen fein und klangsinnlich, als ob sie dafür komponiert wären, Mahlers »gänzlich ersterbenden« Abschiedsgesang zu verdeutlichen und herauszuzögern.

Der »Jedermann«, dieser depperte Schmarrn, ist wie jedes Jahr ausverkauft, man versteht nicht, wieso. Wem so etwas zusagt, der feiert wohl auch »Mariä Himmelfahrt«, in Österreich und in Bayern gesetzlicher Feiertag. Die Titelrolle gibt Tobias Moretti, der in einem Interview mit der österreichischen Blödzeitung, der »Krone«, bekennt: »Es ist unfassbar wohltuend, dass die Horden von Chinesen heuer ausfallen.« Aha. Natürlich genießt man in Salzburg täglich das beste Kaffeehaus der Welt, das »Café Bazar«, die schönsten Aussichten und Spaziergänge. Und feinste Konzerte mit zeitgenössischer Musik, die heuer noch unmittelbarer an unsere Gegenwart rührt, mit Werken von Salvatore Sciarrino oder Georg Friedrich Haas. Und eine fabelhafte »Elektra« mit Franz Welser-Möst, den grandiosen Sängerinnen Ausrine Stundyte und der sowieso verehrungswürdigen Asmik Grigorian. Was Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker aus dieser eklektischen Partitur rausholen, vom eröffnenden »Agamemnon«-Ruf über die verschiedensten Walzer bis hin zum wahnhaft sich austobenden Finale, ist einzigartig.

Die letzten hundert Jahre haben etliche Ungeheuer geboren. In der kleinen Reihe »Reden über das Jahrhundert« spricht die Cellistin und Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch, Jahrgang 1925, eindringlich über ihre Zeit im KZ Auschwitz-Birkenau, wo sie in der Lagerkapelle den Auszug der Häftlinge am Morgen und ihre abendliche Rückkehr ins Lager mit Märschen und marschartigen Volksliedern begleiten musste, bei jedem Wetter und im Anblick der geschundenen Häftlinge und der pausenlos rauchenden Schornsteine. Im Oktober 1944 kamen Anita und ihre Schwester Renate Lasker zusammen mit anderen Mitgliedern der Kapelle ins KZ Bergen-Belsen. Sie überlebten, anders als ihre Eltern, die 1942 ebenso wie ihre Großmutter und weitere Familienmitglieder ermordet wurden. »Ich bin ganz einfach jemand, der dank der Musik am Leben geblieben ist«, sagt Lasker-Wallfisch, aber auch: »So wenig weiß man, was die nächste Stunde bringen wird.«

Ihre Rede, eine Flaschenpost aus dunklen Zeiten und ein weiterer Höhepunkt der diesjährigen Festspiele, schließt mit den Worten: »Man kann Menschen ermorden, man kann Städte und Kunstwerke zertrümmern, aber Musik ist unsterblich, unantastbar.« Also: »Solange man atmet, hofft man.«

100 Jahre Salzburger Festspiele, Aufführungen bis zum 30. August.
Die Opern und einige Konzerte können in der Arte-Mediathek abgerufen werden.
Die »Rede über das Jahrhundert« von Anita Lasker-Wallfisch ist aufrufbar unter:
www.salzburgerfestspiele.at/a/anita-lasker-wallfisch

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