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Ungarn fährt ab auf den »Lynx«

Der neue Schützenpanzer von Rheinmetall lässt weltweit auf beträchtliche Profite hoffen

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

Vorläufige Zahlen, die Ende Juli veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Umsätze des Rheinmetall-Konzerns im zweiten Quartal 2020 von 1,47 Milliarden Euro auf knapp 1,24 Milliarden Euro gefallen sind. Der operative Quartalsgewinn betrage nur noch 36 Millionen Euro. Im vergleichbaren Zeitraum des vergangenen Jahres hatte man 110 Millionen Euro abgerechnet. Schuld ist Corona. Die Pandemie brachte in der Automotive-Sparte des Unternehmens einen Ergebnisrückgang von 104 Millionen Euro. Börsenanalysten gehen davon aus, dass es zumindest mittelfristig mit einer »deutlich geringeren Wachstumsdynamik« bei der Produktion von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen zu tun hat.

Dagegen brummt die Rheinmetall-Rüstungssparte. Sie erwies sich im zurückliegenden zweiten Quartal als wichtiger Stabilitätsanker für das Unternehmen und steigerte den Gewinn um 33 Millionen Euro. Man bleibe - wirtschaftlich betrachtet - weiter auf Erfolgskurs, heißt es. Dazu trage ein Auftrag aus Ungarn bei. Gemeinsam mit den ungarischen Streitkräften hat der MDAX-Konzern aus Düsseldorf einen Vertrag für ein Gemeinschaftsunternehmen zur Produktion von »Lynx«-Schützenpanzern geschlossen. Das Auftragsvolumen liegt bei mehr als zwei Milliarden Euro.

Ungarn ist der erste Nato- und EU-Mitgliedsstaat, der sich für den neu entwickelten Schützenpanzer entscheidet. Rheinmetall-Chef Armin Papperger ist begeistert über den »Marktdurchbruch« und den deutlichen Zuwachs im Aktiengeschäft. Aus der Firmenzentrale heißt es, der Schritt sei von zentraler Bedeutung für das in Budapest initiierte Verteidigungs- und Streitkräfteentwicklungsprogramm, das darauf abzielt, »die ungarische Armee schnellstmöglich zu einer Streitkraft auf weltweit hohem Niveau zu machen und damit zur Bewältigung der Sicherheitsherausforderungen im euro-atlantischen Raum beizutragen«.

Das Geschäft mit dem »Lynx« reiht sich ein in andere Rüstungsdeals. Ausgerechnet das von dem Autokraten Viktor Orban regierte und von der EU immer wieder wegen seiner Demokratiedefizite kritisierte Land, in dem Menschenrechte scheinbar beliebig außer Kraft gesetzt werden, ist ein bevorzugtes Liefergebiet deutscher Rüstungsgüter. Rheinmetall - im Verbund mit Krauss-Maffei Wegmann - liefert auch 44 Kampfpanzer »Leopard 2« sowie moderne Waffenanlagen, Feuerleittechnik und Fahrgestelle für 24 Panzerhaubitzen 2000. Dazu kommen eine ganze Reihe militärischer Lkw. Die Lieferungen beginnen 2021 und dauern - vorerst - bis 2025. Einsprüche aus dem geheim tagenden Bundessicherheitsrat in Berlin sind nicht zu erwarten, schließlich ist Ungarn ein befreundeter EU-Staat und verlässlicher Nato-Partner.

So wie Tschechien. Auch dessen Streitkräfte wollen veraltete BVP-2-Schützenpanzer aus russischer Produktion durch 200 Schützenpanzer westlicher Bauart ersetzen. Das Beschaffungsvolumen beträgt - wie im Ungarn-Geschäft - rund zwei Milliarden Euro. Jüngst warb Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in Prag für das deutsche Angebot, denn noch sind neben dem »Lynx« von Rheinmetall auch Modelle aus Schweden und Spanien im Rennen.

Auch in Australien muss Rheinmetall noch einen Konkurrenten abschütteln. Dort tritt der »Lynx« gegen einen Schützenpanzer des südkoreanischen Herstellers Hanwha Defense an.

Dass Rheinmetall auch in den USA punktet und den Zuschlag zum Ersatz der aktuell 4700 »Bradley«-Schützenpanzer bekommt, ist eher ausgeschlossen. Das aktuelle politische Verhältnis zwischen Berlin und Washington ist zu gespannt. Offiziell heißt es, dass formale Gründe dazu geführt hätten, Rheinmetall aus dem Bieterverfahren auszuschließen. Doch noch geben sich die deutschen Konzernbosse nicht geschlagen. Zitat: »Unser Team will weiterhin eng mit der US-Army und den für die militärische Beschaffung Verantwortlichen zusammenarbeiten, um mit dem «Lynx» eines der weltweit kampfstärksten und modernsten Militärfahrzeuge für die US-Streitkräfte verfügbar zu machen.«

Auch das deutsche Militär hat bei Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann neue Schützenpanzer bestellt. »Puma« heißt der und ist quasi der Gen-Spender für den nun weltweit angebotenen »Lynx«. Die bestellten »Pumas« wurden auch geliefert, dann immer wieder nachgebessert, doch einsatzbereit sind die Panzer keineswegs. Nun hat die Bundeswehr mit der Industrie Schritte vereinbart, um noch in diesem Jahr wenigstens die Hälfte der rund 200 im Heer verfügbaren Fahrzeuge »in Schwung« zu bringen. Nur so bliebt noch ausreichend Zeit zur Ausbildung für die Very High Readiness Joint Task Force (VJTF), mit der Deutschland als Nato-Führungsnation ab 2023 Russland er- und abschrecken soll. Zugleich wird - so hört man - im Kommando Heer über langfristige Alternativen nachgedacht, sollte im kommenden Jahr die »Puma«-Einsatzreife nicht nachgewiesen werden. Dann käme sogar ein Austausch der neuen Flotte in Betracht. Wobei der »Lynx« von Rheinmetall durchaus ein geeigneter Kandidat wäre. Absurd.

Der Blick auf den weltweit agierenden Panzer- und Munitionshersteller Rheinmetall wäre nicht vollkommen, würde man nur dessen Rüstungsprofite benennen. Der Konzern stellt sich auch in den Dienst der Pandemiebekämpfung. Man produziert Masken, Schutzanzüge und -brillen sowie Einweghandschuhe. Zu Hochzeiten der ersten Coronawelle spendete die in Südafrika tätige Konzern-Tochter Rheinmetall Denel Munition (RDM) zudem 500 Flaschen Handdesinfektionsmittel für chronisch kranke Kinder.

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