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Ungetrübte Freude am Lebendigsein

Best of Menschheit, Teil 34: Das geringere Übel

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist unmöglich zu wissen, ob je in der Geschichte der Menschheit ein größerer Teil der Spezies so etwas wie glücklich war. Glück beziehungsweise ungetrübte Freude am Lebendigsein dürfte ohnehin ein Konzept sein, das erst spät ins menschliche Denken und Fühlen kam. Und dann vor allem als Versprechen, das wiederum irgendeine Art Aufopferung verlangt und damit auch verschiedenen Formen der Ausbeutung zu dienen vermag.

Unter anderem deswegen wird dem »pursuit of happiness« (»Streben nach dem Glück«), den die US-amerikanische Verfassung neben Leben und Freiheit als höchstes Ziel setzt, bis heute mit Skepsis begegnet. Dabei verrät die zurückhaltende Formulierung, die nur das Streben garantieren möchte, schon einiges über das Glück aus Menschensicht. Es ist flüchtig, muss verfolgt werden. Die Formulierung weiß, dass der Normalfall das Unglück ist. Glück ist der Frieden des Geistes in Abwesenheit des Krieges um die Existenz.

Weil Glück ein ferner Traum oder ein süßer Snack bleiben muss, dürfte der Mensch früh, egal ob im Kampf mit der Natur, die ihm so lange überlegen war (bis er sie zur gemeinsamen Niederlage besiegte) oder mit den anderen unglücklichen Homo sapiens, Strategien zum Preisen des geringsten Übels entwickelt haben.

Eine Spezies, die sich in allen Winkeln und Wettern eines durchaus abwechslungsreichen und gefährlichen Planeten durchgesetzt hat, dürfte herausragend darin sein, sich noch den größten Mist, die übelste Gewalt schönzureden. Zur Not als Notwendigkeiten auf dem Weg zu einem jenseitigen Superglück.

Glück ist ohne eine ordentliche Portion Dummheit nicht zu haben. Man kann sie sich eben über religiöse oder esoterische Verblendung zuführen, man kann das über Drogen tun - oder über simple Welterklärung, die einem die Illusion von Berechenbarkeit der Zukunft gibt. Letzteres soll heute mein kurzes Vergnügen sein, indem ich einfach eine Dialektik des geringeren Übels behaupte, die die letzten Jahrzehnte der Menschheit bestimmt und die letzte Chance auf solideres Glück genommen hat.

Gerne würde ich dafür großspurig ausholen, vom Kalten Krieg erzählen und den Wunden, die er bei Siegern wie Besiegten hinterlassen hat. Wie Putin als das geringere Übel gegenüber Bolschewismus und Ausverkauf erschien. Wie China eine Synthese aus den notwendigen Übeln von Kapitalismus und Kommunismus fand, deren Dynamik dem Planeten den letzten Rest gegeben hat. Wie Deutschland in Angela Merkel eine Kanzlerin fand, die über anderthalb Jahrzehnte jeden Erfolg, jede Sympathie nur dem Umstand zu verdanken hatte, dass sie im Vergleich zu allem sie Umgebenden etwas besser erschien (ohne je gut zu sein).

Aber eigentlich genügt mir für die Behauptung, dass die Aufgabe der Utopie und meinetwegen auch Ideologie zugunsten der ständigen Suggestion, alles sei immer das Beste, was gerade möglich sei, zur Sehnsucht nach Faschistoidem führt, die Beobachtung, dass selbst die Wähler Donald Trumps maßgeblich für ihn stimmten, weil sie ihn für das geringere Übel gegenüber der tatsächlich auch schrecklichen Hillary Clinton hielten.

Wer immer nur zwischen Varianten der gleichen Lügen wählen darf, will irgendwann seinen Bullshit ungefiltert und offensichtlich falsch (was natürlich nicht den einhergehenden Hass entschuldigt).

Es ist ein bisschen, wie ein Fußballspiel zwischen Paris Saint Germain und Bayern München zu sehen und sich dabei entscheiden zu müssen, mit welcher der Mannschaften man sympathisiert.

Das einzige, was in einer solchen Situation noch ein wenig Glück verspräche, wäre den Profifußball insgesamt explodieren sehen zu wollen. Wahrscheinlich hat aber auch da wieder das geringere Übel gewonnen und alles geht irgendwie weiter. Noch eine Weile.

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