Werbung
  • Kultur
  • Rockstar über Belarus

»Ich erkenne mein Land nicht wieder«

Wird jetzt alles anders in Belarus? Ein Gespräch mit dem Minsker Rockmusiker Ljavon Volski

  • Von Ingo Petz
  • Lesedauer: 8 Min.

Was ist das für ein lautes Geräusch?

Das sind die Autofahrer, die unten vor unserem Haus vorbeifahren und aus Solidarität mit den Protesten gegen Lukaschenko hupen. Heute ist die Menschenkette, die vom Akrestsyna-Gefängnis im Zentrum des Stadt bis nach Kurapaty geht. Das ist ein Wäldchen nicht weit von uns, wo 1938 zehntausende Belarussen ermordet wurden. Dieses Wäldchen ist ein Symbolort für uns, der uns an den Stalinistischen Terror erinnert. Die Kette ist, glaube ich, über zehn Kilometer lang.

Für jemanden wie Sie, der schon so lange gegen das Regime ansingt und sich auch ansonsten stets kritisch geäußert hat, muss das eine Genugtuung sein.

Ich bin vor allem überrascht, sehr überrascht. Was hier in den vergangenen zwei Wochen passiert ist, überrascht wohl alle, die schon lange an Protesten gegen die Regierung teilnehmen. Ich erkenne mein Land nicht wieder. Früher waren bei den Demos nie so viele Leute dabei. Die Wahlen wurden ja immer gefälscht. Da hat man ein, zwei Tage in Minsk demonstriert, dann kam die Miliz und hat das Ganze auseinandergetrieben, Leute wurden verhaftet und angeklagt. Dann war es wieder still im Land. Wir Kritiker sind in eine große Depression gefallen und wir haben an unseren Landsleuten gezweifelt. Die Unzufriedenen haben in ihren Küchen gesessen und dort ihrem Ärger Luft gemacht. Da war immer so viel Apathie. Und jetzt demonstrieren alle, nicht nur die Intelligenz, sondern Arbeiter, Rentner, Ärzte, die jungen Hipster. Alle haben ihre Angst überwunden. Da ist nun überall diese Euphorie, und gleichzeitig bleiben Skepsis und Sorge.

Weil das Regime doch noch zurückschlagen und die Proteste niederschlagen könnte?

Ja, so war das schließlich immer. Und bis jetzt hat das auch funktioniert, vor allem 2006 und 2010 Doch jetzt macht das Regime einfach die falschen Schritte, wie mir scheint, um die Proteste wieder unter Kontrolle zu bekommen. Vor allem hat die exzessive Gewalt des Staats in den ersten Tagen nach dem 9. August die Wut, den Unmut und die Solidarität noch weiter angefacht und den Protest in weitere gesellschaftliche Schichten getragen. Das hat es wirklich noch nie gegeben. Und natürlich wollen Lukaschenko und seine Leute an der Macht bleiben und deshalb ist es unklar, wohin sich das entwickelt. Aber ich glaube, dass der Protestwille nicht verschwindet. Das geht jetzt schon zwei Wochen. Und man hört ja, wie laut die draußen hupen. Es gibt so viele weiß-rot-weiße Flaggen.

Die Fahnen und Farben, die zwischen 1991 und 1995 Staatssymbole waren und die dann von Lukaschenko ausgetauscht wurden und nun als Symbol der Unabhängigkeit gelten.

Richtig. Ich verstehe nicht, wo all diese Fahnen herkommen. Lange konnte man sie nur an ein, zwei Orten in Minsk kaufen. Schließlich wurde man gleich als Oppositioneller schräg angeschaut, wenn man diese Farben trug. Wahrscheinlich nähen sich die Leute die Fahnen nun selbst oder sie haben sie seit den Neunzigern aufbewahrt. Wie ich schon gesagt habe: Diese Atmosphäre ist sehr inspirierend für uns alle, die so lange gedacht haben, dass unsere Leute so willenlos seien und dass sie lieber alleine in ihrer Hütte am Rande der Welt sitzen. Aber jetzt zeigen sich alle: die Großmütterchen, die alten Männer mit den dicken Bäuchen und die Kinder. Und auch in den Dörfern und kleinen Städten zeigen sie sich. Das ist schon ein Wunder.

Warum hat sich diese breite Bewegung gerade jetzt entwickelt?

Bei vielen Wahlen in der Vergangenheit gab es einfach zu viele Präsidentschaftskandidaten wie 2010 oder diese Pseudokandidaten wie 2015, die niemand kannte. Ich bin selbst auch fast nie zur Wahl gegangen, weil es keinen Sinn machte. Jetzt aber gab es interessante Kandidaten, wie Sjarhej Cichanouski, Viktor Babariko und Waleryj Zepkalo. Und die haben unterschiedliche Bevölkerungsschichten angesprochen. Wenn das Regime clever gewesen wäre, hätte man die drei einfach zu den Wahlen zugelassen. Dann hätte man die Wahlergebnisse eben so gefälscht, dass sie einigermaßen realistisch erschienen wären. Dann hätten alle gedacht: »Nun gut, hat nicht ganz hingehauen.« Und alles wäre wieder still seinen üblichen Gang gegangen.

Stattdessen hat man Chichanouski und Babariko verhaftet und Zepkalo ist nach Russland geflohen.

Und damit fing, denke ich, der große Protest an. Svetlana Cichanouskaja, die Frau von Chichanouski hat sich als Kandidatin aufstellen lassen und sie hat sich mit Maria Kolesnikova und Weranika Zepkalo, den Ehefrauen der beiden anderen zusammengetan. Das Regime hat die Frauen mit Sicherheit unterschätzt. Vor allem, dass sie sich als Einheit präsentieren und dass die Menschen emotional erreichen würden. Und es war auch das erste Mal seit 2001, dass es jemandem gelang, sich als Kandidat einer vereinten Opposition zu präsentieren. Ich habe in meinem Dorf gewählt, wo ich registriert bin. Und da war das ganze Dorf auf den Beinen. Das gab es noch nie. Und mir war sofort klar, dass die alle für Cichanouskaja stimmen würden. Diese 80 Prozent, die Lukaschenko behauptet, bekommen zu haben, sind einfach lächerlich. Das war allen sofort klar, dass wir betrogen wurden.

Welchen Einfluss hatte die Corona-Krise auf die Protestbewegung?

Das war der eigentliche Beginn. Die Menschen waren sich selbst überlassen. Der Staat hat das Virus ja ignoriert und so sein zynisches Gesicht gezeigt. Es gab Äußerungen wie: »Ach, der ist doch nicht an Corona gestorben« oder »Ach, nur 200 Tote. Das ist doch nichts.« Und so musste man sich selbst helfen, mit den Hygieneregeln, mit Masken, mit medizinischer Hilfe. Da ist diese Selbstorganisation entstanden und die Solidarität, die nun auch in den Protesten sichtbar sind. Das Regime hat über die Jahre viel dafür getan, dass die Leute sich isoliert fühlen und keine Einheit zustande bekommen. Das hat sich nun geändert. Aber wir müssen vorsichtig sein. Das ist noch lange nicht der Sieg.

Einer Ihrer bekanntesten Songs »Try Charapachi«, den Sie für Ihre alte Band N.R.M. geschrieben haben, haben sie nun mit ihren Bandkollegen von damals neu eingespielt. War das Ihre Idee?

Ja, das war mir wichtig. Der Song ist ja zu so was wie einer Hymne geworden. Übrigens wollten wir auch eine Wiedervereinigungskonzert auf einer Demonstration für Cichanouskaja geben. Aber das hat aus formell-legalen Gründen leider nicht geklappt. Aber ich habe in der vergangenen Woche bei einigen Protesten gespielt, an der Puschkinskaja und am Jakub Kolas-Platz in Minsk und auch in Hrodna, wo es lange so aussah, dass sich die Stadtoffiziellen dem Druck des Protests ein Stück weit nachgegeben haben. Dort war richtige Karnevalsstimmung. Für das Konzert wurde sogar Strom zur Verfügung gestellt. Wir haben auch keinen einzigen Polizisten gesehen. So etwas gibt es in Minsk nicht. Da sind wir zusammen im Auto mit zwei Musikern von Ort zur Ort gefahren, haben zwei, drei Songs mit unserer mobilen Apparatur gespielt und weiter ging es. Wie die Partisanen halt.

Es sind auch viele Kulturleute in den Koordinationsrat von Chichaouskaja berufen worden, wie beispielsweise die Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch oder der Designer Vladimir Tsesler. Viele haben erwartet, dass man auch Sie fragen würde.

Ehrlich gesagt will ich das gar nicht groß kommentieren. Es ist nicht meine Rolle, in diesem Rat zu sitzen. Es ist gut, dass es diese Institution gibt. Da gibt es sehr gute Juristen, Experten oder Leute wie Latuschka (ehemaliger Kulturminister und Direktor des Janka Kupala-Theaters, der entlassen wurde, nachdem er sich vor sein Ensemble gestellt hatte - Red.). Ich bin Musiker und ich versuche, mit meinen Songs bei den Menschen zu sein. Vielleicht werde ich auch mal einen Roman über diese Zeit schreiben.

Überrascht es Sie eigentlich, dass die Proteste derart friedlich sind? Hat das eventuell etwas mit der Geschichte der Belarussen zu tun, die ja von sehr vielen Kriegen und Katastrophen geprägt ist?

Ich bin kein Analytiker. Was bleibt den Belarussen anders übrig, als friedlich zu sein gegen diese gut ausgestatteten und bewaffneten OMON-Polizisten? Sollen wir uns alle erschießen lassen? Es gab ja bis jetzt schon fünf Tote und viele werden noch vermisst. Ja, vielleicht liegt es auch an unserer Mentalität. Aber ich sehe einfach, dass dieser Weg der einzige ist, der realistisch ist.

Viele Belarussen räumen den Müll bei den Protesten weg, sie gehen nicht über Rot, sie ziehen ihre Schuhe aus, bevor sie sich auf Bänke stellen. Es wird anscheinend peinlich drauf geachtet, dass alles ordentlich und zivilisiert abläuft. Woher kommt das?

Das frage ich mich auch. Klar, viele achten darauf, dass die Propaganda sie nicht als Banditen oder als asoziale Elemente diskreditieren kann, wie das in der Vergangenheit geschehen ist. Ich komme aus einer anderen Generation. Wir wollten Punks sein und wir wollten es krachen lassen. Dieser neue Hang zur Ordnung ist mir persönlich etwas zu viel des Guten, auch wenn ich deutsche Wurzeln in meiner Familie habe. Aber okay. Ich bin auch damit einverstanden, wenn es hilft, das Ziel zu erreichen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln