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Blicke ins Jahr 2048

Bis Sonntag wird auf dem Zukunftskongress in Leipzig über Utopien debattiert

  • Von Haidy Damm
  • Lesedauer: 3 Min.

In den 1980er-Jahren war es in westdeutschen Grundschulen beliebt, Kindern die Frage zu stellen: Wie sieht die Welt im Jahr 2000 aus? Heraus kamen fliegende Autos und glitzernde Unterwasserstädte oder düstere Prognosen versmogter Städte und vermüllter Ozeane. Zukunft ist schwer in Bilder zu fassen.

Heute ist der Jahr-2000-Hype längst Geschichte, die Frage der Zukunft ist es nicht. »Das System, in dem wir leben, ist nicht zukunftsfähig und funktioniert für die allermeisten Menschen auf der Welt bereits heute nicht. Wir müssen jetzt anfangen eine Zukunft für alle aufzubauen. Dafür brauchen wir Vorstellungen davon, wie eine solche Gesellschaft aussehen kann«, sagte Ronja Morgenthaler. »Die Klimakrise und die Folgen der Corona-Pandemie machen deutlich, das aktuelle Wirtschafts- und Gesellschaftssystem versagt. Wir überschreiten planetare Grenzen und zerstören unsere Lebensgrundlagen.«

Antworten auf die Frage, wie Gesellschaft im Jahr 2048 aussehen kann, das ist laut der Pressesprecherin Ziel des Kongress »Zukunft für alle«, der am Dienstag in Leipzig begonnen hat. Debattiert werden soll bis Sonntag etwa über ein nicht an Wachstum ausgerichtetes Wirtschaftssystem, mehr soziale Gerechtigkeit, globale Umverteilung und den Ausbau direktdemokratischer Elemente.

Grundlage der Diskussion ist eine in den vergangenen zwei Jahren in Arbeitsgruppen entwickelte Zukunftsvision 2048, die als Buch veröffentlicht wird und bereits jetzt digital zugängig ist. Für 15 Gesellschaftsbereiche wie Arbeit, Mobilität oder Landwirtschaft wird skizziert, wie diese bedürfnisorientiert gestaltet werden können. Zusammengefasst erscheint darin eine Utopie, die »kein Masterplan« sei, so Mitautorin Nina Treu vom Konzeptwerk Neue Ökonomie, sondern »ein Vorschlag zur Beantwortung der Frage, wie wir leben wollen und wie wir dahin kommen«. Dabei gehe es nicht nur um kleine Schritte wie Arbeitszeitverkürzung oder bessere öffentliche Daseinsvorsorge, sondern auch um die grundlegenden großen Probleme der Gesellschaft wie Bewegungsfreiheit für alle.

Wie auch bei anderen »Krisen« zeigten sich in der Corona-Zeit die strukturellen Probleme und die Irrationalität des vorherrschenden Gesellschaftssystems, heißt es im Vorwort des Buches. »Tausende verlieren ihre Arbeit, während Wichtiges ungetan bleibt. Klimazerstörende Unternehmen werden gerettet, während Krankenhäuser unterfinanziert bleiben. Tausende werden eingeflogen, um zu Hungerlöhnen deutschen Spargel zu ernten, während gleichzeitig Tausenden in den Lagern, an den europäischen Außengrenzen oder auf dem Mittelmeer jede Sicherheit und das Recht zu Leben verwehrt wird.« Gleichzeitig gäbe es politische Entscheidungen, die zuvor undenkbar schienen: Vorschriften für Unternehmen Notwendiges wie Schutzkleidung oder Beatmungsgeräte zu produzieren, Flugzeuge blieben am Boden, die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens werde ernsthafter geführt als jemals zuvor. »Diese Krise, wie viele andere, zeigt also auch: eine ganz andere gesellschaftliche Entwicklung, auch eine andere Politik sind möglich.« Noch sei nicht absehbar, ob sich neoliberale oder autoritäre Kräfte durchsetzten, oder ob es möglich sei, durch die Krisen der kommenden Jahre eine sozial-ökologische Transformation einzuleiten.

Wie es gelingen kann, diejenigen, die vom vorherrschenden Wirtschaftssystem und jahrhundertealten globalen Hierarchien profitieren, von einem neuen Weg zu überzeugen, auch diese Frage wird eine Rolle spielen. »Wir wissen spätestens seit 1968, dass Privilegien überwunden werden müssen«, sagte Werner Rätz vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac. Je länger sich die Konflikte verhärteten, desto schwieriger werde es, sie konstruktiv zu lösen. »Ob sich 2048 eine Utopie oder eine Dystopie bewahrheitet, diese Frage ist nicht entschieden.«

»Wir müssen groß denken«, betonte Nina Treu. Alle großen gesellschaftlichen Errungenschaften seien zu einem bestimmten Zeitpunkt undenkbar gewesen und trotzdem Realität geworden. »Deshalb glauben wir sehr, dass Utopien eine große gesellschaftliche Macht entfalten können.«

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