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Der Preis des Lebens

Wie sieht es aus mit der »Harmonie von Ökonomie und Ökologie«? Über die Tücken der kapitalistischen Logik

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 7 Min.
Der Preis des Lebens

Das Lager der Klimaschützer ist gespalten: Die einen machen die kapitalistische Kalkulation mit Ausgaben und Einnahmen für den Klimawandel verantwortlich und fordern »System Change, not Climate Change!«. Die anderen dagegen sehen den Schutz des Klimas im Kapitalismus gut aufgehoben. Für sie ist der Klimawandel keine Folge der Konkurrenz um Profite und Kostensenkung, sondern ein Fall von »Marktversagen«.
Um dieses Versagen zu korrigieren, brauche die Natur vor allem eins: einen Preis. Denn verursache die Schädigung der Umwelt erst ausreichend Kosten, so werde ihr Schutz zum betriebswirtschaftlichen Ziel und damit zur Realität. Die über die Bepreisung der Natur angepeilte »Harmonie von Ökonomie und Ökologie« hat allerdings ihre Tücken. Denn sie will sich der kapitalistischen Logik bedienen und lässt sie damit gelten.

Kapitalistisch kalkulierende Unternehmen zielen auf möglichst hohe Überschüsse über ihre Kosten. Um die Kosten zu senken, nutzen sie die Umwelt als billige Ressourcenquelle und Schadstoffdeponie: Daher befeuern sie ihr Wachstum zum Beispiel mit kostengünstigen, sicher verfügbaren Energieträgern wie Öl und Kohle, was die CO2-Konzentration in der Atmosphäre und damit den Klimawandel vorangetrieben hat. Denn für die Emissionen und ihre Folgen müssen die Unternehmen nicht oder nur begrenzt aufkommen. Hier setzen Konzepte an, die der Umwelt einen Preis geben und ihren Schutz damit rentabel machen sollen, weil er für das Unternehmen Kosten senkt.

Das Kostenargument nachhaltig in der Debatte verankert hat bereits 2007 der Ex-Weltbank-Vizepräsident Nicholas Stern. Laut seinem »Stern-Report« ist der Klimawandel »das größte Versagen des Marktes, das es je gegeben hat«. Denn mit dem Tempo der globalen Erwärmung nähmen die volkswirtschaftlichen Schäden zu: Steige die globale Durchschnittstemperatur um 2 bis 3 Grad Celsius, so könnten bis zu 3 Prozent der globalen Produktionsleistung dauerhaft verloren gehen. Bei einer Erwärmung um 5 bis 6 Grad Celsius betrage der Verlust sogar durchschnittlich bis 10 Prozent.

Die jährlichen Kosten des nötigen Klimaschutzes lägen dagegen deutlich niedriger. Stern schätzte sie auf etwa ein Prozent des BIP bis 2050. »Dies ist signifikant, steht aber völlig im Einklang mit fortgesetztem Wachstum, im Gegensatz zu einem ungebremsten Klimawandel, der das Wachstum irgendwann erheblich bedrohen wird.«
Einen ähnlichen Ansatz wählte 2008 Pavan Sukhdev, Ex-Investmentbanker bei der Deutschen Bank. Im Auftrag der EU-Kommission und des Bundesumweltministeriums ließ er die ökonomischen Kosten des Artensterbens errechnen. Dazu musste Korallenriffen, Pilzen und Bakterien ein Preis gegeben werden. Diesen Preis errechneten die Ökonomen, indem sie die potenziellen Gewinne aus der Nutzung der Biodiversität hochrechneten. Schließlich stabilisiere biologische Vielfalt nicht nur Ökosysteme, sie sei auch eine unerschöpfliche Quelle neuer medizinischer Wirkstoffe, sichere die Nahrungsversorgung, die Wasser- und Bodenqualität. Der globale Marktwert von pharmazeutischen Produkten, die auf genetischen Ressourcen beruhen, liege bei 75 bis 150 Milliarden Dollar pro Jahr. So verfertigten die Ökonomen aus der Natur eine Form von »Biokapital«.
Die ökonomischen Erträge dieses Kapitals fassten Sukhdev und Kollegen als »Dienstleistungen« der Natur, deren Wert sie allein in den Naturschutzgebieten des Festlandes auf etwa 5 Billionen Dollar jährlich schätzten. Diese ökonomischen Werte würden durch Umweltzerstörung schrittweise vernichtet, was das Wirtschaftswachstum senken werde.

Natürlich bleibt die Frage, ob sich die Vorhersagen von Stern und Sukhdev als zutreffend erweisen – schließlich ist es für Ökonomen schon schwierig, das Wirtschaftswachstum im laufenden Quartal zu prognostizieren. Umso schwerer ist eine Prognose über Jahrzehnte hinweg unter Katastrophenbedingungen. Davon abgesehen jedoch ist die ökonomische Betrachtungsweise bereits folgenreich. In ihr gilt Naturzerstörung zum einen nicht länger als logisches Ergebnis der kapitalistischen Produktion und Kalkulation, sondern als marktwirtschaftlich ineffizient. Unterstellt wird damit, Kapitalismus und Klimaschutz bildeten eigentlich ein harmonisches Ganzes und bedingten einander. Eigentlich.
Zum anderen bedeutet die ökonomische Betrachtung der Umwelt: Natur und Mensch sind nur schützenswert, weil ihre Schädigung Kosten verursacht, die das Wirtschaftswachstum drücken. EU-Kommissar Stavros Dimas, einer der Initiatoren der Sukhdev-Studie, nannte den Erhalt der Biodiversität zwar »eine ethische und moralische Pflicht«. Auf Ethik und Moral verließ er sich aber nicht, sondern stellte als schlagendes Argument für Umweltschutz die kapitalistische Nützlichkeit der Natur heraus.

Dieser Ansatz ist jedoch problematisch. Denn aus ihm folgen drei Bedingungen, wann und inwiefern Arten und Klima überhaupt geschützt werden.
Erstens ist der Schutz der Umwelt kapitalistisch gesehen nur dann rational, wenn seine Kosten unter denen der Umweltzerstörung liegen. Wo Klima- und Artenschutz zu teuer sind, unterbleiben sie, aller Moral und Ethik zum Trotz. Zweitens werden nur jene Teile der Natur geschützt, die ökonomisch verwertbar sind und deren Schädigung daher Kosten verursacht. Welche Kosten für den Klimaschutz akzeptabel sind, hängt also ab vom kapitalistischen Wert der durch den Klimawandel bedrohten Menschen, Arten und Ökosysteme. Und da gibt es große Unterschiede. Man kennt das von Unwetterschäden: Schwere Stürme in armen Ländern verursachen geringere Kosten als kleine Stürme in reichen Ländern, sind ökonomisch also weniger problematisch, obwohl sie mehr Menschenleben fordern.

Für all jene Menschen und Arten, die als ökonomisch schützenswert anerkannt werden, beginnt drittens aber nicht das gute und gesunde Leben. Denn geschätzt und geschützt werden sie nur als verwertbare Teile belebter Natur. Ziel des Klimaschutzes unter Kostengesichtspunkten ist es lediglich, die Existenz von Mensch und Umwelt als Ressource des Wachstums zu sichern. Mehr ist nicht drin.
Mit den ökonomischen Kosten für Naturschutz zu argumentieren, nannte Sukhdev selbst zwar eine »Erniedrigung der Menschheit«, weil es dabei nur um Gewinne und Verluste gehe. Dennoch sei »der einzige Weg, die Natur zu erhalten«, ihr ein Preisschild umzuhängen. Auch für Jianguo Liu von der Michigan State University ist die »Bewertung des Beitrags der Natur der entscheidende Schritt« bei der Berechnung, »den Erhalt von Wäldern, Savannen und Feuchtgebieten erschwinglich zu machen«. Liu kalkuliert derzeit daher ein Bruttoökosystemprodukt als Ergänzung zum Bruttosozialprodukt.

Die Schädigung der Umwelt sinkt, je teurer sie wird – diese Rechnung ist an sich einfach. Drastischer Umweltschutz würde damit sehr hohe Preise bedeuten. Doch schon hier sieht man, dass die Sache so einfach nicht ist. Beispiel CO2-Steuer: Um die nötige schnelle Senkung der Treibhausgasemissionen zu erreichen, müsste der CO2-Preis »extrem hoch sein«, so Patrick Artus von der französischen Bank Natixis. Dies aber würde die Unternehmen und das Wirtschaftswachstum schädigen – und unterbleibt daher. Das Gleiche gilt für das schlichte Verbot zum Beispiel der Emission von Treibhausgasen. »Der Nachteil des Ordnungsrechts liegt in aller Regel in den hohen wirtschaftlichen Kosten«, erklärt Eric Heymann von der Deutschen Bank.

Einerseits soll Naturzerstörung also einen Preis bekommen, damit sie Kosten verursacht und unterbleibt. Andererseits sollen diese Kosten aber nicht zu hoch steigen, weswegen sie niedrig gehalten werden. Ergebnis: Artensterben und Klimawandel schreiten voran. Der Widerspruch zwischen kapitalistischem Wachstum und Naturschutz wird also nicht dadurch gelöst, dass der Natur ein Preis gegeben wird. Diesen Widerspruch dann doch noch zu lösen, erlegt die Politik derzeit der »Technologie« auf. Die »Herausforderung« bestehe darin, dass »bessere technologische Lösungen notwendig sind, um hohe volkswirtschaftliche Kosten zu vermeiden«, so Heymann.

Der Preis der Umwelt soll also ein Wunder vollbringen: Einerseits soll er niedrig genug sein, damit er die Profitkalkulation nicht zerstört oder – wenn er nur national eingeführt wird – den betroffenen Unternehmen Wettbewerbsnachteile gegenüber der Konkurrenz beschert. Andererseits soll er hoch genug sein, um Umweltzerstörung zu verteuern und dadurch die Entwicklung und Anwendung klimafreundlicher Technologie voranzutreiben. Diese Technologie wiederum soll teuer genug sein, um ihren Entwicklern einen Profit zu bescheren und gleichzeitig für ihre Anwender so billig, dass ihr Einsatz unter den Kosten der Umweltbelastung liegt – im Falle des Klimaschutzes unter den Kosten für Treibhausgasemissionen. Und schließlich soll die Technologie auch noch so effizient sein, dass das Verhältnis der Kosten der Umweltbelastung und der Kosten der Technologienutzung zu einer Senkung der Emissionen führt, die den CO2-Zielen entspricht.

Dass das funktioniert, ist unsicher, eher sogar unwahrscheinlich. Schon weil die Bepreisung der Natur die Entwicklung einer Klimatechnologie rentabel machen soll, die es noch gar nicht gibt. Solange es sie nicht gibt, bleibt der Klimaschutz dem Wirtschaftswachstum untergeordnet. Wenn der deutsche Sachverständigenrat derzeit fordert: »Die enormen Mittel, die für die konjunkturelle Wiederbelebung eingesetzt werden, müssen konsequent an den Zielen des Umweltschutzes ausgerichtet werden«, dann liegt die Priorität auf der »konjunkturellen Wiederbelebung« – und die soll dann halt so »grün« wie möglich sein.

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