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Die Wahrheit über Sinti und Unku

Rechte der Minderheit gehören in Brandenburgs Verfassung, aber die Koalition muss selbst darauf kommen

  • Von Andreas Fritsche, Potsdam
  • Lesedauer: 5 Min.

Janko Lauenberg greift am Dienstagabend bei einer Veranstaltung der Linksfraktion im Potsdamer Landtag in die Saiten seiner Gitarre und spielt ein Stück des Musikers und Komponisten Django Reinhardt. Die Melodie klingt schwermütig und fröhlich zugleich - und das hat mit dem Leben von Lauenberg zu tun. Er besuchte in den 1980er Jahren eine Schule im Ostberliner Bezirk Lichtenberg. Eine Mitschülerin fragt ihn dort, ob er vielleicht aus Kuba stamme, er sei »so braun, fast wie ein Neger«. Jemand ruft: »Quatsch, der ist Jude oder Zigeuner.« Ein älterer Schüler will ihm später zeigen, was sein Großvater mit solchen wie ihm gemacht hätte und hält ihn im Klammergriff unter einen Wasserhahn. Das soll die Vergasung simulieren.

Jankos Opa saß im Konzentrationslager. Nur das verrät er, als im Unterricht das 1931 erschienene Kinderbuch »Ede und Unku« von Alex Wedding behandelt wird. Mehr verrät er nicht. Er liest keine Seite und kann bei der schriftlichen Leistungskontrolle trotzdem alle Fragen richtig beantworten. Denn er kennt die Geschichte in allen Einzelheiten. Er ist entfernt verwandt mit der echten Unku, die 1944 im Vernichtungslager Ausschwitz ermordet wurde, so wie fast alle Sinti, die Vorbild für eine der Figuren in dem Kinderbuch waren.

Die Beleidigungen in der Schule führen dazu, dass Janko erstmals in seinem Leben einem Menschen mit der Faust ins Gesicht schlägt. Danach wird er in jeder Pause von mehreren Mitschülern attackiert und muss sich verzweifelt wehren. Doch es sind nicht die Angreifer, die deswegen Schwierigkeiten bekommen. Er gilt wegen der Prügeleien als schwer erziehbar und wird 1987 gegen den Willen seiner Eltern in ein 340 Kilometer entferntes Kinderheim gesteckt.

Am Dienstagabend liest Petra Rosenberg diese Stelle aus den Erinnerungen von Janko Lauenberg vor, enthalten in dem Buch »Ede und Unku: Die wahre Geschichte«, das Lauenberger zusammen mit Juliane von Wedemeyer zur Geschichte seiner Familie verfasst hat. Rosenberg ist Vorsitzende des Berlin-Brandenburger Landesverbandes deutscher Sinti und Roma. Sie hat als Kind im Westen genauso Vorurteile und Diskriminierung erlebt, bloß das Heim sei ihr erspart geblieben, sagt sie. Als sie von Jankos Schicksal erfuhr, wollte sie es erst nicht glauben. Denn ihr Vater hatte immer gesagt: »Wenn hier die Nazis wieder hochkommen, gehe ich über die Mauer.« Otto Rosenberg war fest überzeugt, dass er in der DDR vor Faschisten sicher wäre. Seine sieben Kinder schauten das »Sandmännchen« im DDR-Fernsehen und ihr Vater erzog sie dazu, nicht schlecht über diesen Staat zu denken, über den in den Westmedien wenig Gutes berichtet wurde.

Darum hätte Petra Rosenberg nicht für möglich gehalten, was Janko alles widerfuhr. »In unserer Kultur sind die Kinder und die Alten das Höchste«, erzählt sie. Ohne ihre Kinder könnten die Eltern nicht leben. Aber dass Naziparteien wie die NPD in der DDR verboten waren und Rassismus offiziell nicht geduldet wurde, bedeutet nun einmal nicht, dass es diese Gesinnung in der Bevölkerung nicht gegeben hätte. In der Bundesrepublik zeigte sich das lediglich offener. Zu der jungen Petra Rosenberg hat ein Lehrer mal gesagt: »Fuchtele nicht so mit den Händen herum, wir sind hier nicht im Wohnwagen.« Dabei lebte ihre Familie gar nicht in einem Wohnwagen. Und eine Putzfrau schnauzte das kleine Mädchen, als es versehentlich Kakao verschüttete, mit den Worten an: »Leck das auf!« Petra Rosenberg war damals ganz verdattert und hatte keine Ahnung, woher das kam. Aber ihr Vater Otto wusste es. So war die SS im Lager mit den Sinti und Roma umgesprungen.

Gerade weil ihre Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg in den Schulen wieder Ablehnung erlebten, schickten sie viele Eltern nicht mehr hin, weil sie ihnen das nicht zumuten wollten, erinnert Rosenberg. Überdurchschnittlich oft würden Kinder von Sinti und Roma in Sonderschulen gesteckt und nicht aufs Gymnasium gelassen. »Analphabetismus gehört nicht zu unserer Kultur«, betont Rosenberg. Aber es gehört zu den Irrtümern über Sinti und Roma, dass sie angeblich nicht lesen und schreiben können und es auch gar nicht lernen möchten. Petra Rosenberg ist zwei Mal sitzen geblieben, hat dann aber studiert. Der Vater habe seine Kinder angehalten, trotz allem die Schule zu besuchen und die Hausaufgaben zu machen, sagt sie.

»Sinti und Roma: eine unbekannte Minderheit - unsere Nachbarn in Brandenburg«, lautet das Thema des Dienstagsgesprächs mit Petra Rosenberg, Janko Lauenberger und Linksfraktionschefin Kathrin Dannenberg. Wie viele im Bundesland leben, kann niemand auch nur annährend genau sagen. Schätzungsweise 60 000 Sinti und 10 000 Roma mit deutscher Staatsangehörigkeit wohnen in der Bundesrepublik, dazu kommen vielleicht noch etwa 100 000 Roma vorzugsweise aus Rumänien und Bulgarien, die sich als EU-Bürger hier aufhalten dürfen. Exakter geht es nicht, weil die Bevölkerung der Bundesrepublik statistisch nicht nach ethnischen Kriterien erfasst wird. Und das ist auch gut so, denkt Petra Rosenberg mit Blick auf die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik in der Nazizeit. Ganz gewiss bilden die Sinti und Roma in Brandenburg nur eine kleine Minderheit, ist Rosenberg bewusst. »Aber woran liegt das?« Natürlich daran, dass so viele Familien ausgelöscht worden sind.

Der Landesverband würde sich wünschen, dass der Status der Sinti und Roma als Minderheit, ihr Schutz und ihre Förderung in der brandenburgischen Verfassung verankert werden, so wie es bei den Sorben der Fall ist. Die Sorben unterstützen dieses Anliegen, die Linke ebenfalls. Doch einerseits lassen die Sorben durchblicken, die Sinti und Roma müssten dies vom Landtag selbstbewusst verlangen, andererseits bedauert Petra Rosenberg, dies sei nicht so einfach, nachdem die Volksgruppe in den vergangenen Jahrzehnten schon so viel Zurückweisung erlebt hat. Die Mehrheitsgesellschaft müsste von sich aus mit dem Angebot auf sie zukommen. Das wäre schön.

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