Werbung

Ein Leben in Kalligrafien

Sylvia Vetta schreibt eine fiktive chinesische Künstlergeschichte mit realem Hintergrund

  • Lesedauer: 9 Min.

Das Buch, das ich nie schreiben wollte

Meine geliebte Tochter Sara,

das ist das Buch, das ich nie schreiben wollte. Ich habe den Schmerz zusammen mit meiner Kindheit begraben und ein neues Leben begonnen. Aber dein Vater ist der Meinung, dass du weder dich noch mich verstehen kannst, solange du nicht meine Geschichte kennst, meinen Weg von dem Zuhause meiner Kindheit in der Straße der Millionäre in Peking bis zu diesem Haus in der College Avenue in Berkeley in Kalifornien, dem einzigen Zuhause, das du kennst.

Er sagt, du würdest nur eine Seite deiner Mutter sehen, die amerikanische Winnie. Als ich hier ankam, versuchte ich, Xiaodong hinter mir zu lassen. Aber du hast längst bemerkt, dass sich hinter meiner Fassade etwas Unausgesprochenes verbirgt. Heute, im Jahr 2008, da ich dies schreibe, sehe ich mich in deinem Gesicht, die kleine Xiaodong im Alter von vierzehn Jahren. Aber du heißt Sara Newberry. Dein Vater wollte dir den Namen Su Shan geben. Das ist zwar ein chinesischer Name, aber er ist auch für Amerikaner leicht zu merken, weil er wie Susan klingt. Ich bestand jedoch auf Sara.

Dass du meine Vergangenheit nicht kennst und einen amerikanischen Namen trägst, sollte dich schützen, doch letztendlich hat es dich nur ausgegrenzt. Seit deinem vierzehnten Geburtstag kämpfst du gegen mich an. Nicht mit Fäusten, sondern mit Trotzanfällen. Du warst ein so liebes Mädchen, Sara, aber Kinder mögen es nicht, wenn man ihnen etwas vorspielt. Deswegen wurdest du aufmüpfig, und ich wurde wütend. Dein Vater sagt, ich müsse meine Memoiren schreiben, dann würdest du meine Stimmungseinbrüche verstehen und nicht mehr versuchen, mir wehzutun. Vielleicht verletzt du mich nicht mit Absicht, doch es schmerzt, wenn du nicht mit mir sprichst und meinen chinesischen Akzent imitierst. Dann tobe ich, und das bringt uns nicht weiter. Doch ich habe Angst, meine Geschichte könnte dein Herz ersticken und den letzten Rest von Liebe zerstören, den du für mich empfindest. Ich kann nur hoffen, dass du mich verstehst und mir vergibst, wenn du sie liest.

Heute habe ich ein paar Sätze auf dem Computer getippt. Die Buchstaben erscheinen mir seltsam. Sie fühlen sich falsch an. Also habe ich einen Stift zur Hand genommen, und die Schriftzeichen, die auf dem Papier erschienen, sahen perfekt aus. Die Kalligrafie meines Herkunftslands ist eine Kunstform für sich. In ihr erkenne ich mich wieder. Sara, du verstehst diese Schrift vielleicht nicht, doch in ihr sind selbst hässliche Worte schön. Kunst, Poesie und Kalligrafie sind ein fester Bestandteil von mir.

Ich lese nicht genügend Bücher, Sara. Hier in Amerika erscheinen nur wenige neue Romane auf Chinesisch und auf Englisch lese ich langsam. Bisher hat mich das kaum gekümmert, doch jetzt muss ich meine Geschichte niederschreiben und weiß nicht recht, wie ich beginnen soll. Daher habe ich beschlossen, mit meiner Kindheit zu beginnen und der Reihe nach bis zum heutigen Tag zu erzählen. Ohne schmückendes Beiwerk, wie man hier sagt. Dieses Buch mag nicht so elegant formuliert sein wie das eines Schriftstellers, doch es kommt von Herzen. Eine Mutter schreibt an ihre Tochter. Und genau da werde ich beginnen: Mit meiner Mutter und mit mir, ihrer Tochter.

Berkeley, California, im Juni 2008

Kindheit in Peking (1962)

Freitagabend verschloss Mutter unsere Wohnung in einem Betonklotz, wie es in den Fünfzigerjahren üblich war, und wir stiegen in den Bus. Nach einer vierzigminütigen Fahrt durch die westlichen Vororte von Peking standen wir dann - umgeben von Vogelgezwitscher - in unserem irdischen Paradies: Dem Gelände des kaiserlichen Sommerpalasts. Hier bewohnte mein Vater ein kleines Haus, das ihm aufgrund seiner Stellung zustand. Er war ein hoher Beamter der kommunistischen Partei und arbeitete in der Abteilung für industrielle Entwicklung. Wir besuchten ihn fast jedes Wochenende. Dort hüpfte ich durch den Vorhof in den Garten der Harmonischen Stimmung, wo das kühle Wasser ganz und gar unter leuchtend grünen Lotusblättern versteckt war. Dieser perfekte Spielplatz schien wie von Götterhand geschaffen, doch Mutter meinte, er sei das Werk von Menschen.

»Kaiser Qianlong hat den Sommerpalast für seine Mutter erbauen lassen. Du siehst: Selbst der Kaiser ehrte seine Mutter. Denk daran, wenn du aufstampfst und eine Grimasse ziehst.«

Sie versuchte, herrisch und streng zu klingen, doch nicht einmal die geschlechtsneutrale Kleidung konnte ihre weibliche Gestalt und ihre sanftmütige Natur verbergen.

Nicht weit vom Eingang entfernt fiel mein Blick auf einen großen Ochsen aus Bronze, der auf den glitzernden Kunming-See hinausblickte. Mit dem Finger fuhr ich über das Gedicht, das in seine Flanke eingraviert war. Es bestand aus achtzig Schriftzeichen und war ein weiteres Werk des Qing-Herrschers, den meine Mutter so verehrte. Eines der Gedichte, die sie für mich in einen Fächer schrieb, war ebenfalls von ihm. Doch an schwülen Sommertagen mied ich den weisen Blick des kaiserlichen Ochsen, weil ich es kaum erwarten konnte, in das erfrischende Wasser zu springen. Ich lief durch den längsten Wandelgang der Welt, verziert mit klassischen Motiven wie »Wu Song besiegt den Tiger«, und Szenen aus Erzählungen wie »Der Traum der Roten Kammer« oder »Das Westzimmer«. Ich sah den Hügel empor zum geschwungenen Ziegeldach unseres Wochenenddomizils. Gerillt wie die Stämme der Kiefern schien es mit der Umgebung zu verschmelzen. Hunderte traditionell geformte Schlusssteine bildeten die Enden der Dachbalken. Mama drückte die große rot lackierte Tür auf, und ich rannte in den Innenhof, wo uns Vater empfing. Für einen chinesischen Mann dieser Zeit war er groß gewachsen und wenn er lachte, sah er aus wie ein fröhlicher Buddha. Und er lachte immer, wenn er mich in die Arme schloss. Damals war mir nicht bewusst, dass er etwas Besonderes war. Ich dachte, alle Väter würden ihre Töchter umarmen. Und weil sich meine Eltern stets so über ihr Wiedersehen freuten, dachte ich auch, alle Eheleute würden einander genauso lieben.

Samstags aß ich eine Kleinigkeit zum Frühstück und dann rannte ich nach draußen. Ich hatte mich mit den zwei Kindern aus dem Hofhaus nebenan angefreundet. Der Junge hieß Weiwei, das Mädchen Jia. In China sucht man bevorzugt Namen mit einer besonderen Bedeutung für seine Kinder aus, und Weiwei bedeutet »kultiviert«. Jia bedeutet »schön«, doch Weiweis Schwester war keine gewöhnliche Schönheit. Im Vergleich zu mir waren ihre Züge kantig, und ihre Stirn war etwas schmal, aber genau wie ihr Bruder hatte sie unternehmungslustige, funkelnde Augen. Für mich war sie die beste Freundin der Welt, weil wir so viel Spaß miteinander hatten.

Wenn ich die Augen schließe, höre und sehe ich uns drei noch heute. Wir lachten viel, zum Beispiel weil uns Weiwei überredete, auf das Flachdach der Toilette neben ihrem Wochenendhaus zu klettern. Er hangelte sich an einem Holzbalken nach oben und zog sich auf die gelben Dachziegel. Dann streckte er mir die Hand entgegen, und bald stand ich neben ihm. Jia wollte sich nicht helfen lassen, und wir warteten, bis sie es allein geschafft hatte. Dann sprangen wir jubelnd von einem Dach zum nächsten, bis wir außer Atem innehielten und über den glitzernden See schauten. Entlang der Drachenallee folgten unsere Blicke dem unsichtbaren Rückgrat des großen Drachen bis zu der kleinen Insel im See, die sein Ende bildet.

Vor uns ragte das größte Gebäude des Sommerpalastes empor: Der »Pavillon des Buddhistischen Wohlgeruchs«, ein Turm mit vier Etagen, der seinen Schatten auf den künstlich geschaffenen »Hügel der Langlebigkeit« wirft. Es hatte uns mit Stolz erfüllt, als wir in der Schule gelernt hatten, dass man diesen kaiserlichen Vergnügungspark nach der Revolution für die Nachfahren der Arbeiter öffnete, die ihn einst erbaut hatten. Heute kann ich kaum glauben, dass ich es mit zehn Jahren nicht als Privileg empfunden hatte, an einem solchen Ort spielen zu dürfen.

Jia, Weiwei und ich ließen uns an einer Seitenwand hinab zu Boden gleiten und stiegen die steilen steinernen Stufen empor auf den Pavillon zu. Während einer Verschnaufpause fiel mir auf, dass die Kieselsteine, die in den Pfad eingelassen waren zu einem Muster aus Blumen und Blättern angeordnet waren. Am Nachmittag malte ich das für meinen Vater. Unter das Bild schrieb ich ein Gedicht. Ich versuchte mich mit Kreide in der Kunst der Kalligrafie, lange bevor ich die Bedeutung der Striche verstand. Ich fand heraus, dass man nicht mehr als einen einfachen Pinsel und eine Stange Reibetusche braucht, um ein leeres Blatt in etwas Schönes zu verwandeln. Doch mit zehn war mir noch nicht bewusst, wie eng diese Kunst mit meinem innersten Wesen verknüpft ist. Damals war ich rastlos und wollte auf Bäume klettern, bis mich der Hunger nach Hause trieb. Dann zerrte ich an der großen Tür, die von steinernen Löwen bewacht wurde. Sie waren die starken Beschützer unserer Kindheit.

Samstags aßen wir unser Mittagessen im Ting Li Guang, dem »Saal der gelben Singvögel«, wo einst die Kaiser mit ihrem Hofstaat gespeist haben. Ich besaß eine Fähigkeit, die ich für selbstverständlich hielt: Ich konnte mir Gemälde einprägen und jederzeit wieder ins Gedächtnis rufen - daher hatte ich die detailreichen Darstellungen von kaiserlichen Banketten vor Augen und fragte mich, was der Herrscher Qianlong wohl von unserem Kantinenessen gehalten hätte. Ich belud meinen Teller und setzte mich würdevoll zu meinen Eltern, und Vater lachte und tat, als wüsste er nicht, wie ich gerade noch mit Weiwei und Jia herumgetollt war.

Ich beschreibe das wie eine Fantasie, und in gewisser Weise war es das auch. Es war meine Traumwelt. Ich liebte die Ausblicke vom Wandelgang und vom Hügel der Langlebigkeit. Meine Eltern behandelten mich wie ein kleines Juwel und konnten mir keinen Wunsch ausschlagen. Ich bedrängte sie, bis sie mir Farben kauften, mit denen ich die Bilder aus meiner Vorstellung mit den Farben Blau, Rot, Gold und Grün zu Papier bringen konnte, so wie ich es auf den Bildern im Wandelgang gesehen hatte.

Doch nicht alles war Glückseligkeit. Ab und zu brach Chinas jüngste Vergangenheit in mein Idyll ein.

Sylvia Vetta:
Pinselstriche
Aus dem Englischen von Corinna Vierkant
Drachenhaus Verlag
221 S., kt., 17,00 €

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung