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Die Kybernetik, die Junta und ein Lied

Zur Erinnerung an die Unidad Popular und den Putsch in Chile im September 1973

Von Mario Pschera

»leb wohl neruda / leb wohl poet / eh noch der kondor / an ketten geht / reißt er sich das Bein / mit den Ketten raus / schwingt sich in den Himmel / und blutet aus« heißt es in dem von Kurt Demmler getexteten und Thomas Schoppe komponierten Lied, das im Herbst 1973 als Single der Gruppe Renft erschien. Noch im Sommer des Jahres waren chilenische Musiker wie Inti-Illimani auf den Weltfestspielen der Jugend in Berlin zu Gast, herrschte Optimismus angesichts des demokratischen Aufbruchs in Südamerika. Am 11. September bombardierte das Militär die Moneda, der gewählte Präsident Salvador Allende kam ums Leben.

Carlos Reyes zeigt »Die Jahre von Allende« als Bildgeschichte; eine in Lateinamerika seit jeher populäre Art der Wissensvermittlung. Der Korrespondent John Nitsch wird Ende August 1970 in das Land geschickt, in dem die USA ein »zweites Kuba« verhindern wollen. Trotz massiver geheimdienstlicher Intervention gewinnen die linken Kräfte, allen voran die sozialistische Unidad Popular am 4. September die Wahl und bestimmen in einer breiten Koalition Salvador Allende zu ihrem Präsidenten. John freundet sich mit dem brummigen Taxifahrer Marcelo an, dem die Kommunisten zu radikal und eigentlich alle Politiker egal sind, da sich an der Lage der Armen sowieso nichts ändern wird. Es brodelt im Land, die Ober- und Mittelschicht fürchtet um ihren Wohlstand, während Arbeiter und Bauern große Hoffnungen in die Verstaatlichung der Kupfer- und Salpeterminen und eine Bodenreform setzen. Die Regierung Allende steht unter großem Druck, von rechts wie von links. Manchen kommunistischen Gruppen ist Allende zu zaghaft, sie wollen die große Revolution. Die Rechte will mit Attentaten und »Streiks« das Land destabilisieren. Nitsch gerät zwischen die konfusen Fronten und muss das Land schließlich verlassen. Nach 41 Jahren gibt es schließlich kein Happy End, aber ein Wiedersehen. Reyes’ detailreiche, überbordende Story ist multiperspektivisch und trotz Romanze gänzlich unromantisch erzählt. Die Zeichnungen von Rodrigo Elgueta vermitteln eine zweite und dritte Ebene; es lohnt sich durchaus, genauer auf die Bilder zu schauen und zurückzublättern. Fazit: Ein gelungenes Buch mit einem ausführlichen Glossar.

Sascha Reh schildert in »Gegen die Zeit« die chilenische Tragödie aus Sicht des Studenten für Produktdesign Hans Everding, dem das 68er Revoluzzertum zu konfus ist und der die Chance seines Lebens erhält: als Leiter eines Wirtschaftsprojektes nach Chile zu gehen. Dort soll eine kybernetische Steuerung der Industrieproduktion und -distribution erprobt werden. Ökonomiegeschichtlich Interessierte werden hier aufhorchen, war dies doch ein vielversprechender Ansatz der Neuen Ökonomischen Politik. Digitalisierung als Fortschritt - doch aus dem revolutionären Projekt wird eine Zeitbombe, als die Lage in Santiago eskaliert, ein Comandante Brauer den Supercomputer für das Militär nutzbar machen will und den Spezialisten Hans in ein teuflisches Spiel treibt. Nur eines rettet Hans das Leben: dass die Bänder mit dem Code verschwunden sind. Sascha Reh ist eine erstaunlich gute Komposition gelungen: System- und Computertheorie, Wirtschaftsthriller und ein plastisches Personaltableau zusammenzubringen, dabei mit Ideologiekritik nicht zu sparen - da hat einer seinen Borges gründlich gelesen und verstanden. Unterhaltsam und sehr empfehlenswert.

Der Begriff »Befreiungstheologie« wird wohl zuerst mit Ernesto Cardenal in Verbindung gebracht. Michael Ramminger vom Institut für Theologie und Politik hat mit immensem Aufwand die Spuren jener Bewegung in Chile dokumentiert, die nach dem Putsch von der Amtskirche endgültig exkommuniziert und aus der Geschichte ausradiert wurde. »›Wir waren Kirche ... inmitten der Armen.‹ Das Vermächtnis der Christen für den Sozialismus in Chile von 1971-1973« dokumentiert den Weg jener Priester und Ordensleute, die in den Armenvierteln wirkten und denen Marx und Kapitalkritik genauso wichtig waren wie eschatologische Fragen. Da die Linke hierzulande gern (und immer noch) zwischen fröhlicher Affirmation und verkürzter Religionskritik herumeiert, empfiehlt sich ein Blick auf linke Theorie und Praxis außerhalb abgrenzungsbedürftiger Diskussionszirkel. Dieser ist erhellend.

Es war die Rolle seines Lebens: Dean Read in »El Cantor« als Victor Jara, Sänger der Volksfront, war Reed doch mit ihm befreundet und begleitete wie er 1970 die Wahlkampagne von Allende. Der Film von 1977 spart nicht mit Pathos, entspricht damit aber dem Hochgefühl jener Zeit.

Bedrückend ist die Dokumentation »Colonia Dignidad - Aus dem Innern einer deutschen Sekte« über die Wahnwelt des Altnazis Paul Schäfer. Die »Vorzeigekolonie« war ein Folterzentrum der Pinochet-Zeit, ein Hort von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Ehemalige Kolonisten sprechen über diese Zeit und den Sektenführer, über den bundesdeutsche Stellen lange ihre schützende Hand hielten.

Wer auf die Weltfestspiele 1973 zurückschauen möchte: Wir haben die DVD.

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