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Raus aus dem Bürgertum

»Frau ohne Reue«, der letzte Roman von Max Mohr von 1933, ist neu aufgelegt worden

  • Von Matthias Reichelt
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein Großstadtbohemian läuft mit Posaune durch Berlin in der Nähe des Kudamms. Zwischen Friseur, Blumenladen und einem Geschäft für Damenhüte beginnt er sein Spiel der »Bettelmusik«. Lina Gade, eine selbstbewusste, dynamische junge Frau, kommt vorbei und gibt ihm ein paar Münzen. Sie kommt aus der sogenannten besseren Gesellschaft. Sie ist verheiratet mit einem älteren Bankier, mit dem sie eine kleine Tochter hat.

Der Posaunist und die junge Frau aus so unterschiedlichen Verhältnissen treffen auf den ersten Seiten des Romans »Frau ohne Reue« von Max Mohr aufeinander. Hier die Mittellosigkeit, da der Reichtum. Doch bereits wenige Seiten später wird Lina die Seiten wechseln.

In diesem 1933 bei S. Fischer erschienenen Roman, der am Ende der Weimarer Republik spielt, stellt Mohr eine Frau in den Mittelpunkt, die ihren Mann Knall auf Fall verlässt, und sich in ein Abenteuer mit dem prekär lebenden Journalisten Paul Fenn stürzt.

Lina verlässt den goldenen Käfig der Ehe nach einem Streit mit ihrem Mann. Der Grund ist ausgerechnet Paul Fenn, der sich am Abend in der Villa bei dem Bankier vorstellen muss, denn er bewirbt sich für eine Stelle als Auslandskorrespondent in der Zeitung, die der Bankier finanziert. Der will sich wie immer als stolzer Vater seiner Tochter präsentieren, ein Ritual, das Lina verabscheut. Sie untersagt es ihm charmant, aber bestimmt. Noch einmal, und sie will die Konsequenzen ziehen. Er spielt trotzdem den Patriarchen und lässt dann Frau und Gast alleine. Lina nutzt die Gelegenheit und fragt Paul, ob er eine günstige Pension wisse. Irgendwie muss es zwischen ihnen gefunkt haben. Lina verlässt Mann und Tochter und zieht mit Paul los.

Hier beginnt eine intensive Liebe, ein Abenteuer mit vielen Reisen und finanziellen Sorgen. Zusammen mit Pauls Freunden, allesamt mittellose Lebenskünstler, zu denen auch der anfangs erwähnte Posaunist gehört, entführen sie auch Linas Tochter, nicht ohne falsche Spuren zu legen, um dem einflussreichen Bankier und seinen Privatdetektiven zu entkommen. Angeblich reisen Mutter, Tochter und Paul nach Fernost, während die drei in eine bäuerliche Existenz in Tirol abtauchen.

In seinem letzten Roman ist Max Mohr mit seiner Figur Lina Gade das sympathische Portrait einer emanzipierten und eigensinnigen Frau gelungen, die sich nicht für ein wohlbehütetes Leben korrumpieren lässt. Es ist aber auch ein Roman, der so nur über die bürgerliche Klasse geschrieben werden konnte, in der es nach einem Ausbruch immer auch die Möglichkeit der Rückkehr gibt.

Max Mohr erzählt mit Verve und Humor vom Gegensatz der Welt des Bürgertums und der der Bohème. Das erinnert an den Sound von Kurt Tucholsky in seinen Romanen »Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte« oder »Schloß Gripsholm«. Das Ende von Mohrs Geschichte ist indes nicht glücklich, ganz anders als man es erwartet.

Im Gegensatz zu Tucholsky, der ein genauer Beobachter und hellsichtiger Analytiker der politischen Entwicklungen in Deutschland war, bleibt Mohr eng an seinen Protagonisten und lässt das politische Geschehen völlig außen vor. In keinem noch so knappen Nebensatz findet sich ein Hinweis auf den Aufstieg der Nazis, auf den Antisemitismus oder auf die gesellschaftliche Krise. Das verwundert, wenn man weiß, dass Mohr, der sich 1933 in Berlin und auf Hiddensee in Künstlerkreisen aufhielt, am 13. Juni in einem Brief an seine Frau über Asta Nielsen und Heinrich George befand: »Asta und George sind gleichgeschaltet und öfters mit Hitler zusammen.«

Max Mohr wurde 1891 als Sohn eines des jüdischen Fabrikanten in Würzburg geboren. Er wurde Mediziner und ließ sich mit seiner Frau in Rottach-Egern am Tegernsee nieder. Er verfasste mehrere Bühnenstücke, die in der Weimarer Republik sehr erfolgreich waren.

Als jüdischer Autor wurde er 1935 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, doch war er bereits 1934 nach Shanghai emigriert, wo er 1937 an einem Herzinfarkt starb. Lange Zeit war er völlig vergessen. Dieses Jahr wurde in Würzburg eine Straße nach ihm benannt. Verdienstvollerweise hat der Weidle Verlag in Bonn seinen dritten und letzten Roman, ergänzt mit einer biografischen Skizze von Roland Flade, neu verlegt.

Max Mohr: Frau ohne Reue. Weidle-Verlag, 224 S., brosch., 14 €.

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