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Wie der Kapitalismus sich selbst auffraß

Mit »Der Kaiser von Kalifornien« eröffnet die Berliner Volksbühne ihre neue Spielzeit

Es wird wieder Theater gespielt. In anderen Zeiten hätte diese Nachricht kaum Neuigkeitswert und für viele Menschen hat sie wohl auch heute nur einen geringen.

Wer braucht schon Theater, wenn es Netflix gibt? Man mag den privativen Serienkonsum auf heimischen Sitz- oder Liegemöbeln vorziehen oder nicht. Abseits dessen geht es aber um die Frage, wie sich Menschen öffentlich versammeln können, wenn der pandemische Ausnahmezustand verhängt ist. Noch dazu, um etwas zu tun, was im Gegensatz zum Möbelkauf oder Auslandsurlaubsreise kaum als »systemrelevant« erachtet wird. Die Gegenwart lebt in dem Glauben, der Mensch müsse, um wahrer Mensch zu sein, ins Kaufhaus gehen können, um dort zu shoppen, also Krempel zu kaufen, der mühselig die Illusion aufrechterhält, die ganze Geld-Ware-Geld-Tauscherei würde noch einem vernünftigen Zweck dienen. Und die Kunst? Könnte man doch auch, so heißt es dann, in den viren- und nebenwirkungsfreien Stream verbannen. Doch der Geist verträgt sich nicht mit der Cloud, weil er eben keine idealistische Abstraktion des Kopfes ist, sondern nur dort wirkt, wo auch Körper sind, die sich ins Verhältnis setzen. Wie anachronistisch das wirkt, zeigt schon die Verödung der Innenstädte, die sich immer mehr dem Ideal der Sperrzone annähern. Nicht anhalten, niemanden anschauen, jede Begegnung vermeiden. Gesicht verhüllen, Abstand halten.

Wie man unter solchen Bedingungen Theater macht? In Alexander Eisenachs neuestem Stück »Der Kaiser von Kalifornien«, das am Donnerstag die Spielzeit an der Berliner Volksbühne eröffnete, gibt es eine Szene, in der die Schauspieler in weißen Ganzkörperanzügen sowie mit FFP-Masken und Plexiglasvisieren einen Stepptanz aufführen. Eine ironische Brechung, zwischen dem diskreten Charme eines Labors für biochemische Kampfstoffe und Country Convention.

Es illustriert zugleich ein Dilemma, in dem nicht nur der Theatermacher, sondern auch der Kritiker steckt. Denn die Aufgabe der Theaterkritik kann mitnichten sein, die vorbildliche Umsetzung von Hygieneregeln oder den kreativen Umgang mit bürokratischen Verordnung auf der Bühne zu loben. In erster Linie ist es ihre Aufgabe, das Gesehene und Erlebte ästhetisch einzuschätzen. Und ein halb leerer Zuschauersaal, in dem sich ein paar versprengte Zuschauer verteilen, wo sich kaum eine Spannung einstellt und das auf der Bühne gesprochene Wort wie im unbelebten Raum verendet, ist ästhetisch nun einmal wenig befriedigend. Noch dazu sich der Sinn kaum erschließt.

In Flugzeugen und Bahnen können Menschen stundenlang auf engstem Raum beisammen sein, nicht aber im Theater? Und in welchem Verhältnis stehen die stark in das gesellschaftliche und individuelle Leben eingreifenden Maßnahmen eigentlich noch zu dem offiziell proklamierten Zweck, ausschließlich den Kollaps des Gesundheitssystems verhindern zu wollen? Der unter Schutzatmosphäre gepackte Stepptanz soll ein Schlüsselbild der Inszenierung sein, wenn auch ein disparates. Ob diese Szene zu sehen gewesen wäre, wenn das Stück wie geplant Mitte März zur Aufführung gekommen wäre? Nun, Monate später, funktioniert es als Kommentar.

Doch das Thema des Stücks ist eigentlich ein anderes. Erzählt wird vom Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Der Schweizer Johann August Sutter besitzt eine Kolonie in Kalifornien, die er Neu-Helvetien nennt. Er macht Profit nach althergebrachter Art: Ausbeutung der Natur mittels Ausbeutung des Menschen. Der Kaiser von Kalifornien, so wird Sutter genannt. Die Grundkonstellation der kalifornischen Ideologie, die quasireligiöse lebensreformerische Überhöhung der Geschäftemacherei, die sich bis ins Silicon Valley unserer Tage fortsetzt, zeigt sich in Grundzügen schon bei Sutter. Alexander Eisenach, nicht nur Autor des Stücks, sondern auch sein eigener Uraufführungsregisseur, bringt das im Schwarz-Weiß-Vintage-Look auf die Bühne. Da wird das Holz gehackt, das Korn eingebracht und der Teig geknetet, wie sich der Bürger des 19. Jahrhunderts eben die heile Welt vorstellte. Doch damit ist bald Schluss, weil nun die Suche nach dem Gold einsetzt.

Der sogenannte Goldrausch bringt nicht nur Tausende Enttäuschte hervor, sondern auch eine neue Klasse von Kapitalisten, deren Macht nicht auf Land, sondern Geld beruht. Und die wollen investieren. So entsteht eine Investmentbank, gegründet unter anderem von einem ehemaligen Kopfgeldjäger.

Das Ende der Geschichte ist, dass Sutter mitsamt seinem zur Neuschweiz hochgejazzten Minikolonialsystem untergeht und eine neue Ära anbricht. Das Gesetz der Akkumulation frisst auch jene, die es in Gang gesetzt haben, das ist der Horror der bürgerlichen Klasse seit über zweihundert Jahren. Die von Daniel Wollenzin entworfene Bühne wird von einem riesigen Mühlrad, dem »Rad der Geschichte«, beherrscht, das an Bertolt Brechts »Ballade vom Wasserrad« denken lässt. Die düster-treibende Livemusik gibt den Rhythmus zum sich immer weiter drehenden Rund.

Wie schon in seinem Stück »Der kalte Hauch des Geldes« verbindet Eisenach Gesellschaftsgeschichte mit Elementen des Westerngenres. Doch gelingt es bei »Der Kaiser von Kalifornien« weniger virtuos. Der Abend hat auf seine zweieinhalb Stunden zu viele Längen, die Handlung mit ihren Figuren bleibt abstrakt und die Sprache leblos. Zudem sind die Spielweisen bis zur Erschöpfung bekannt und die monologischen Darbietungen derart misslungen, dass sich selbst im zahlenmäßig minimierten Publikum deutlich vernehmbare Unruhe regt. Diese Dinge hatte man am Theater dann doch nicht vermisst. Aber es wird wieder gespielt.

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