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Selbstversuch im Sonderspielbetrieb

In der Regionalliga Nordost hat der Fußballalltag schon wieder begonnen - sogar mit Zuschauern

  • Von Frank Willmann, Jena
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist ein Drahtseilakt, den coronabedingten Einschränkungen zu folgen und trotzdem einem Rest Zuschauern das Liveerlebnis im Fußball wieder zu ermöglichen. Am dritten Spieltag der Regionalliga Nordost traf der schlecht in die Saison gestartete FC Carl Zeiss Jena daheim auf Lok Leipzig. Für die einen ein Traditionsderby, für die anderen das Spiel zweier abgehängter Ostvereine. Leider war es eins ohne Gästefans. Die Coronaregeln werden streng beachtet - seit die Zahl der Neuerkrankungen wieder ansteigt, spielt die Regionalliga auf Bewährung.

Am 2. Spieltag hatte Tennis Borussia Berlin vor gut einer Woche beim Heimspiel gegen Chemie Leipzig noch bewiesen, wie man eine Partie mit Gästefans im Stadion durchführen kann. Unter den milden Augen zweier Polizisten war es ein nettes Fußballfest. Chemie bestimmte das Geschehen auf dem Rasen und nahm die Punkte mit.

Beide Fangruppen plus diverse Groundhopper aus nah und fern hielten sich weitestgehend an die Abstandsregel, die Zuschauer hatten ihre Masken aufgesetzt. Die von Chemie machten sich verhalten stimmlich bemerkbar, die »TeBe Party Army« freute sich dagegen weitestgehend nach innen. Trotzdem war es für die mehr als 800 Anwesenden bei sommerlichen Temperaturen ein Fest, im Berliner Mommsenstadion endlich wieder nach Bier anzustehen zu können. Selbst die legendären Mettbrötchen mit extra viel Zwiebel warteten auf den Personenkreis, der diese Art Nahrung als erquicklich empfindet.

Besonders wohltuend: Es gab keine Blocktrennung. Man konnte entspannt das Stadion umrunden, ein friedliches Miteinander, trotz nötiger Rivalität auf dem Platz. Vor dem Stadion lauerten ein paar Zivilpolizisten, doch geil auf Gewalt war keiner.

Einen Tag später kickte der BFC gegen Herthas zweite Mannschaft im Stadtduell. Der Jahnsportpark, der schon seit Langem umgebaut werden soll, scheint offensichtlich ewig zu stehen, mindestens bis zu Jahresbeginn 2021, heißt es nun. Ob Berlin nach dem Flughafendebakel eine weitere Baustelle des Grauens erlebt, werden erst die nächsten Jahre zeigen.

Jedenfalls ließ sich der BFC daheim von Hertha den Schneid abkaufen und verlor vor ungefähr 600 Zuschauern, die weitestgehend vorbildlich mit Maske und Abstand auf der Tribüne saßen. Diverse Polizistinnen schützten die nicht anwesenden Hertha-Anhänger indessen vor den Heimfans. Oder schützten sie die Heimfans vor sich selbst? Ein komplett sinnloser Polizeieinsatz war es allemal.

Beim Nachholspiel zwischen Fürstenwalde und Jena am Mittwoch der vergangenen Woche ging die Brandenburger Polizei dann umsichtiger vor. Vier maskierte Kräfte ließen sich entspannt vom Regen verwöhnen, indes etwa 120 Jenaer Fans (maskiert nur beim Betreten des Stadions) ein für sie nicht amüsantes 1:3 erleben mussten. Die Fürstenwalder Anhänger jubelten hingegen unter ihrer Gesichtsbedeckung, auch weil Jena in der Anfangsphase des Spiels mehrfach nur den Pfosten anvisierte.

Am Samstag nun also das Duell zwischen Carl Zeiss und Lok, bei dem die Jenaer Behörden die mögliche Zuschauerzahl nach unten korrigiert hatten. Statt knapp 2000 Menschen wie noch am ersten Spieltag, durften in Thüringen diesmal etwa 700 weniger ins Stadion. Die aktive Jenaer Fanszene verzichtet derzeit aber ohnehin auf die Spielbesuche unter dem solidarischen Motto: Alle oder keiner. Bis coronabedingte Einschränkungen wie die Abgabe der persönlichen Daten und das Verbot von Gästefans beendet sind, wollen sie den Spielen fernbleiben.

Ein Stadion ohne stimmgewaltige und kritische Fans ist ein trauriger Ort. Dem Geschäftsführer des FC Carl Zeiss, Chris Förster, stehen die aktiven Fans kritisch gegenüber, weil er in ihren Augen für die Politik und die Abhängigkeit vom Investor Roland Duchâtelet steht. Einen Trikotsponsor sucht man übrigens gegenwärtig vergeblich auf der Brust der Thüringer. Das ist in einer wirtschaftlich prosperierenden Stadt wie Jena schwer nachvollziehbar.

In Försters Verantwortung fällt auch das klägliche Abschneiden der Jenaer Mannschaft in der letzten Saison, an deren Ende der »souveräne« Abstieg stand. Seit dem Frühjahr fordert die Fanszene auch im Stadtbild die Ablösung Försters und wünscht die Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, was laut Präsident Klaus Berka momentan an den Coronaregeln scheitert.

Der Klubpräsident erwartet, dass sich die Mannschaft in den nächsten Wochen festigt und in der Regionalliga Nordost oben mitspielen wird. Ein zusätzlicher Stürmer solle dafür noch geholt werden. Nach dem Abstieg aus der 3. Liga versucht der FCC also irgendwie zur sportlichen Tagesordnung überzugehen. Das gelang gegen Lok Leipzig noch nicht besonders gut: Nur mit viel Glück schoss der FCC kurz vor Spielende das 1:1. Man sollte der Jenaer Mannschaft noch etwas Zeit lassen.

Vierte Liga heißt kratzen, kämpfen, beißen. Diese Tugenden der robusten Art waren in der Mannschaft des FCC kaum zu sehen. Glanztaten der Fußballkunst sind in der Regionalliga keine Lösung, die Gegner sind vierschrötig und die Schiedsrichter pfeifen nicht grundlos in der vierten Spielklasse.

List und Tücke, viel Gezeter und Leidenschaft zeichnete das Spiel der Leipziger Lok aus. Leipzig hat nach dem gescheiterten Aufstieg im Relegationsspiel zur dritten Liga neuen Mut gefasst. Die Regionalliga scheint sehr ausgeglichen, ein klarer Favorit ist derzeit nicht zu erkennen. Es könnte eine spannende Saison werden, die sich hoffentlich für alle Beteiligten nicht im Coronanebel auflöst.

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