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Aronia kam von Osten

Die dunkelviolette Beere verspricht viel für die Gesundheit und färbt gut. Roh schmeckt sie nur wenigen.

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.
Hier vergrößert: Aroniabeeren haben einen Durchmesser von 6 bis 13 Millimeter.
Hier vergrößert: Aroniabeeren haben einen Durchmesser von 6 bis 13 Millimeter.

Wer schon einmal eine Aroniabeere probiert hat, wird den Geschmack so schnell nicht vergessen: Die dunkelvioletten Früchte, die von ihrer Form an Vogelbeeren erinnern, schmecken so herb, dass sich der Mund zusammenzieht. »Das ist keine Frucht, die man als Frischobst verzehrt, wie etwa Erdbeeren«, sagt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Stattdessen wird die Beere - ähnlich wie Holunder - unter anderem als Saft, Konfitüre, Pulver oder in getrockneter Form angeboten. Das »Superfood« soll zahlreiche positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben: etwa das Immunsystem stärken, vor Krebs schützen und den Blutdruck senken. Davon ist laut Verbraucherzentrale nichts wirklich bewiesen. Allerdings haben die Früchte tatsächlich vielversprechende Inhaltsstoffe.

Ursprünglich kommt die Pflanze, die auch »Apfelbeere« oder »Schwarze Eberesche« genannt wird, aus Nordamerika und wurde offenbar schon von den Ureinwohnern als Heilpflanze genutzt. Nachdem ein russischer Botaniker die robuste Pflanze aus der Familie der Rosengewächse für sich entdeckt hatte, wurde Aronia im Laufe des 20. Jahrhunderts in der UdSSR im großen Stil angebaut, wie der Geschäftsführer von Aronia Original Naturprodukte, Jörg Holzmüller, berichtet. Dort wurde sie vielfältig eingesetzt: Unter anderem hätten Besatzungen von Atom-U-Booten regelmäßig Aroniasaft bekommen, um sich gegen radioaktive Strahlung zu schützen. Auch in Bulgarien, Ungarn und weiteren osteuropäischen Ländern wurde die Pflanze bekannt. In den 1970er Jahren entstanden in der DDR Aronia-Plantagen. »Ziel war zunächst, Farbstoffe für Lebensmittel zu gewinnen«, sagt Holzmüller. Auch heute noch wird Aronia zum Färben verwendet, zum Beispiel von Gummibärchen. Später machte die Beere eine zweite Karriere als Gesundheitsprodukt, berichtet der Geschäftsführer. Nach der Jahrtausendwende wurde sie in ganz Deutschland bekannt. »Von der Nordsee bis Bayern gibt es überall kleinere Anbaugebiete«, sagt er.

Frische Aroniabeeren bestehen vor allem aus Wasser und Kohlenhydraten sowie etwas Eiweiß und Fett. In den Früchten stecken neben B-Vitaminen große Mengen an Vitamin C: So deckt schon ein Glas Aroniasaft (200 Milliliter) 40 Prozent der empfohlenen Tageszufuhr, wie Laura Störing, Sophia Giesen und Gianina Werner in einem Artikel über Aronia in der Fachzeitschrift »Ernährung im Fokus« schreiben. Interessant ist die Beere außerdem wegen ihres hohen Gehalts an Kalium. Vor allem ist das Obst reich an sekundären Pflanzenstoffen, etwa Anthocyanen. Diese wasserlöslichen Substanzen verleihen den Beeren ihre intensive blauviolette Farbe. Sie sind auch in Heidel-, Brom- und Holunderbeeren reichlich enthalten und sollen gut für die Gesundheit sein: So gibt es unter anderem Hinweise, dass anthocyanreiche Lebensmittel das Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten reduzieren.

Klar ist, dass Aroniabeeren viele Antioxidantien enthalten, die schädliche »freie Radikale« neutralisieren können. Gibt es im Körper zu viele dieser Verbindungen, kommt es zu »oxidativem Stress«, der wiederum das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Hautalterung erhöhen kann. Laut »Ernährung im Fokus« hat sich in Labortests gezeigt, dass die Früchte eine wesentlich höhere antioxidative Kapazität haben als Heidelbeeren, Cranberries oder Preiselbeeren.

Außerdem wirkt sich die Beere offenbar günstig auf den Cholesterinspiegel aus. Nach einer aktuellen Metaanalyse von sieben klinischen Studien zur Einnahme von Aroniasaft bzw. -extrakten verändert sich der Fettstoffwechsel innerhalb mehrerer Wochen positiv. Das Team um den Ernährungswissenschaftler Jamal Rahmani von der Universität Teheran stellte fest, dass unter anderem das »gute« HDL deutlich anstieg. Allerdings handelte es sich um Studien mit kleinen Teilnehmerzahlen.

Auch im Kampf gegen Krebszellen wirken die Beeren möglicherweise unterstützend. Bei Laborstudien zeigte sich, dass Aronia-Extrakte bei verschiedenen Krebsarten das Zellwachstum hemmen konnten. Klinische Studien, also mit Testpersonen, stehen nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums aber noch aus. Vor diesem Hintergrund warnt der Ernährungswissenschaftler Stefan Kabisch vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung vor übertriebener Euphorie. »Aronia und andere Beeren wie Holunder oder Heidelbeeren sind von ihrer Zusammensetzung her recht ähnlich«, sagt er. »Sie sind vitaminreich, zuckerarm, enthalten Mineralstoffe und viele sekundäre Pflanzenstoffe. Das alles macht ein Lebensmittel gesund, aber es ist deshalb noch kein Wundermittel.« Eindeutige Beweise dafür, dass Aronia spezifische Krankheitsrisiken reduziert, lägen nicht vor. »Es gibt relativ viele Hinweise, dass da möglicherweise etwas ist, aber nichts, was man sicher sagen kann«, so Kabisch. Daher empfiehlt er, nicht einseitig auf eine bestimmte Frucht zu setzen. »Die Mischung macht’s!«

Ernährungswissenschaftlerin Clausen äußert sich ähnlich: »Die Beeren enthalten gute sekundäre Pflanzenstoffe. Sie können ein kleiner Beitrag zur gesunden Ernährung sein. Zu hohe Erwartungen sollte man aber nicht haben.«

Und was ist mit den angeblich giftigen Stoffen in den Früchten? In der Tat enthalten die Kerne der Beeren geringe Mengen von Amygdalin, das im Körper giftige Blausäure freisetzen kann. Allerdings kann das höchstens dann problematisch werden, wenn man große Mengen Frischobst zu sich nimmt - was wegen des herben Geschmacks sehr unwahrscheinlich ist. Ein regelmäßiger Verzehr verarbeiteter Beeren (in Form von Saft, Marmelade etc.) ist laut dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung unbedenklich. Ansonsten haben Aroniafrüchte gegenüber exotischem Superfood ein ökologisches Plus, sagt Clausen: »Sie stammen aus regionalem Anbau und benötigen keine langen Transportwege.«

Bleibt der Genussfaktor: Wem die Beeren partout nicht schmecken, kann sich nach anderen dunklen Früchten umschauen. Manches davon wächst vor der eigenen Haustür.

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