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  • Corona und soziale Folgen

»Die Pandemie legt die Qualen nur offen«

Der Mitstreiter von Nelson Mandela, Marcus Solomon, stellt Südafrikas Regierung ein schlechtes Zeugnis bei den Kinderrechten aus

  • Von Christian Selz
  • Lesedauer: 8 Min.

Sie hatten gerade angefangen, in Kapstadt als junger Lehrer zu arbeiten, als Sie verhaftet wurden. Sie waren Teil einer Gruppe, die revolutionäre Literatur studierte - das Apartheid-Regime glaubte, Sie hätten sich zum Sturz der Regierung verschworen. Im April 1964 landeten Sie auf Robben Island, verbrachten dort zehn Jahre mit Mitgefangenen wie Nelson Mandela, Walter Sisulu und anderen ANC-Mitgliedern. Hätten Sie damals je geglaubt, dass es in einem befreiten Südafrika einmal ein Gerichtsurteil brauchen würde, um die Regierung zu zwingen, ein Schulspeisungsprogramm für unter Hunger leidende Kinder wiederaufzunehmen?
Nicht in meinen schlimmsten Albträumen hätte ich zu der Zeit gedacht, dass die Dinge einmal so werden, wie sie gekommen sind. Nicht nur in Bezug auf die Schulspeisungen, sondern in jeglicher Hinsicht. Der Afrikanische Nationalkongress (ANC), der für lange Jahre die Hauptbefreiungsbewegung war, der bis 1994 solch eine mächtige internationale Unterstützungsbewegung aufgebaut hatte, mit all der Rhetorik von Sozialismus und Freiheit - dass wir mit dieser Partei heute das Land sind, dessen Kinder die schlimmsten Übel erleiden, die das kapitalistische System hervorgebracht hat. Und dann gehen sie noch vor Gericht, um alles in die Länge zu ziehen!

Neun Millionen Kinder sind in Südafrika auf diese Schulspeisungen angewiesen, für viele von ihnen ist es die einzige richtige Mahlzeit des Tages. Trotzdem wurde das Programm eingestellt, als die Schulen während des Lockdowns Ende März schlossen. Kinderrechtsgruppen haben frühzeitig Alarm geschlagen, aber Bildungsministerin Angie Motshekga zog bis vor Gericht, um ihre Entscheidung zu verteidigen, den Kindern kein Essen bereitzustellen. Das Urteil war harsch: »Ein würdeloseres Szenario, als das Verhungern eines Kindes ist nicht vorstellbar. Die Moral einer Gesellschaft wird daran gemessen, wie sie ihre Kinder behandelt«, erklärte Richterin Sulet Potterill. Wie steht es also um die Moral der südafrikanischen Gesellschaft?
Sie ist komplett unterminiert worden. Es ist eine kapitalistische Moral. Ich habe immer gesagt, dass die ANC-Führung von heute ganz genau weiß, wo sie steht. Es ist nicht so, dass die nicht wüssten, was sie tun. Deren Agenda ist das Gegenteil davon, für die Menschen da zu sein. Es ist eine neoliberale, kapitalistische Agenda. Was immer sie also tun, hat sich dem unterzuordnen. Und ich muss dazu sagen: Das Problem der leidenden Kinder hat nicht mit der Covid-19-Pandemie angefangen. Es hat nie aufgehört nach 1994, nach dem sogenannten Untergang des Apartheid-Staates. Es ging immer weiter. Die Situation der Kinder ist heute sogar in jeglicher Hinsicht schlechter, als sie es vorher war. (schweigt einen Moment) Ja, das muss man sich mal vorstellen!

Das klingt harsch. Woran machen Sie das fest?
Ok. Zehn Millionen Kinder, es sind nicht neun, es sind zehn Millionen Kinder - hungern in diesem Land. Eine große Zahl von ihnen, fast eine Million Kinder hat aufgrund von Unterernährung Wachstumsstörungen, die können nicht mehr lernen. Das passiert jetzt unter einer schwarzen Regierung. 60 Prozent unserer Schulen haben kein Wasser, keine funktionierenden Toiletten. Zwei Kinder sind in Latrinen ertrunken, die Toiletten sein sollten. Unsere Kennzahlen zur Situation von Kindern gehören in jederlei Hinsicht wahrscheinlich zu den schlechtesten weltweit. Zudem haben wir fast den höchsten Pro-Kopf-Konsum von Alkohol. Die Auswirkungen auf Kinder sind grauenvoll. Der gefährlichste Ort für ein Kind ist heute das eigene Zuhause. Das Hungerproblem ist nur ein kleiner - wenn auch bedeutender - Teil der Qualen, die unsere Kinder erleiden müssen. Die Pandemie hat all das nicht verursacht, sie legt es nur offen.

Das Debakel um das Schulspeisungsprogramm ist nur ein Beispiel für die sozialen Missstände. Ein weiteres ist die grassierende Korruption in Verbindung mit den Lockdown-Nothilfemaßnahmen des Staats. Präsident Cyril Ramaphosa verglich die Täter mit »Aasfressern« und »einem Rudel Hyänen, die ein verwundetes Beutetier umkreisen«. Seine eigene Sprecherin und der Generalsekretär seines ANC sind in die Vorwürfe verstrickt. Wann begann alles so schief zu laufen?
Es ist nichts Neues. Die nationalen Befreiungskämpfe im Rest Afrikas sind alle so geendet. Und das liegt nicht etwa daran, dass es Schwarze waren, sondern daran, dass sie von der kapitalistischen Moral unterminiert wurden. Die haben nie ein alternatives Wertesystem verinnerlicht. Es ist also schon vor langer Zeit in falsche Bahnen gelaufen. Es gab ja sogar schon Geschichten, bevor die Leute aus dem Exil zurückkamen, wie sie dort gelebt haben. Ich denke, es hat mit der Macht des kapitalistischen Systems zu tun, der Kapitalismus ist der Maschinenraum der Korruption. Über ein alternatives Wirtschafts- und Sozialsystem, das einen neuen Menschen hervorbringt, wurde nie wirklich nachgedacht. Dabei hätten sie ja nicht einmal Sozialisten sein müssen, um das Bildungssystem oder das Gesundheitssystem zu verändern.

Die Konsequenzen all dessen sind schwerwiegend. Südafrika ist weltweit das Land mit der höchsten Ungleichverteilung von Reichtum. Der Lockdown hat die Lage noch verschlimmert, Millionen Menschen haben ihr Einkommen verloren. Wohlfahrtsorganisationen schätzen, dass 20 bis 30 Millionen Menschen - die halbe Bevölkerung - Nahrungsmittelhilfen benötigen. Oxfam hat vor Kurzem eine Studie veröffentlicht, der zufolge die Konsequenzen des Lockdowns noch verheerender sein werden als die Covid-19-Pandemie selbst. Kinder sind am schwersten betroffen. Wie ist denn derzeit die Situation in den Gemeinden, in denen Sie arbeiten?
Sie können niemals, wirklich niemals, die Auswirkungen der Armut über die vergangenen 30 Jahre messen. Was diese Pandemie getan hat: Sie hat die Dinge beschleunigt. Wir haben ein miserables Bildungssystem, ein miserables Gesundheitssystem, die Kinder leben unter den schrecklichsten Umständen. Und das wird uns jetzt einholen. Das Ausmaß, mit dem Kinder und Jugendliche durch Drogen, Gewalt und andere schreckliche Dinge das Leben in den Gemeinden beeinflussen, wird verheerende Auswirkungen haben in den kommenden Jahren - wenn nicht schon eher. Wir arbeiten dagegen an. Wir haben bereits vor 30 Jahren begonnen, Gemeinschaftsgärten anzulegen, seit fünf Jahren bauen wir unsere Küchen auf. Als der Lockdown verhängt wurde, haben wir in den Gruppen beschlossen, als Suppenküchen für die Straßenzüge zu agieren, in denen wir arbeiten. Ursprünglich sollte das nur für unsere Mitglieder sein, in den Gruppen sind jeweils 30 bis 40 Kinder. Aber unumgänglich mussten wir sechs bis sieben Mal so viele Menschen versorgen, wie ursprünglich vorgesehen. Aber das ist eine kleine Geschichte, wir haben 5000 Mitglieder, ein Bruchteil der Gesellschaft. Eigentlich hätte die Regierung unverzüglich einspringen müssen. Die US-Amerikaner haben 1932 unter Roosevelt mit dem New Deal reagiert - und das war im Mutterland des Kapitalismus. Diese Regierung hier klaut das verdammte Geld.

Noch einmal zurück zu Ihrer Arbeit. Nach ihrer Freilassung von Robben Island haben sie begonnen, das Children’s Movement mit aufzubauen.
Als ich rauskam, wurde ich zunächst noch mal fünf Jahre unter Hausarrest gestellt, aber wir haben unsere Arbeit unmittelbar begonnen, oder besser: fortgesetzt. Denn es gab ja bereits eine wachsende Widerstandsbewegung im Land, die Verjüngung des Struggle, die Generation von 1976 (das Jahr der Schülerproteste zunächst in Soweto und anschließend in weiteren Städten Südafrikas, Anmerkung d. Red.). 1975 kam meine Tochter zur Welt. Wir hatten eine marxistische Studiengruppe und haben einen Kindergarten mit unseren eigenen Kindern aufgemacht. Es ging uns um die Frage, wie wir Kinder aufziehen in diesem - wie wir hofften - neuen Südafrika. Ich war sehr beeindruckt von den Jungen Pionieren in der DDR, von den Kinderorganisationen in der Sowjetunion, in China und vor allem in Kuba. Also haben wir uns belesen. Sagt Ihnen der Name Wygotski etwas? Lew Wygotski kam damals schon in der Sowjetunion zu der Erkenntnis, dass Kinder Mitgestalter ihrer Welt sind. Ich habe mich dann tief gehend mit diesen Kinderorganisationen befasst. Das Modell, das mich am meisten überzeugt hat, war Kuba. In der DDR, in der Sowjetunion und in China sahen sie die Kinder nicht wirklich als Kräfte der Veränderung außerhalb des politischen Apparats.

Weil die Organisationen zu eng an die Parteien gebunden waren?
Ja, aber daraus lernen wir. Es geht darum, dass Kinder Kräfte der Veränderung sind.

Der Ansatz ist, dass Kinder ihr eigenes soziales und politisches Bewusstsein entwickeln?
Der Punkt ist, dass sie Gestaltungsmacht haben. Es geht darum, sie nicht zu belehren, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich entfalten können.

Wie sieht das in der Praxis aus?
Nun, in einem kapitalistischen System werden sie zu Gangstern, Drogenbaronen, Mördern und Dieben. Und das passiert momentan. Sie haben ja nie eine andere Umgebung kennengelernt, weil die Befreiungsbewegung für sie nie zu einer Alternative geworden ist, weil die bestehenden Machtstrukturen nie verändert wurden. »Jetzt sind die Schwarzen an der Reihe.« Einige Spitzenleute im ANC haben das gesagt. »Jetzt sind wir dran!« Dran mit was? Auszubeuten! Reich zu werden! Mein Gott, wirklich, die stehlen, einfach um mehr zu haben. Dass das auf Kosten anderer schwarzer Menschen geht, das interessiert die einen Dreck.

Wie versuchen Sie die Kinder zu beeinflussen, damit sie eben nicht diesen Weg einschlagen?
Der Gedanke ist, sie zusammenzubringen. Es geht nicht um Führungsqualitäten, ich bin vollkommen gegen diesen Leadership-Mist. Die Kinder müssen in den Gemeinden zusammenkommen, nicht um Sozialisten zu werden, sondern einfach um in einer friedlichen Umgebung miteinander zu leben. Es gibt ein großes Verlangen danach, anders zu leben. Denn man darf nicht vergessen: Die am schwersten betroffenen Opfer dessen, was hier passiert, sind die Menschen selbst. Also fangen wir an - unter aktiver Mitgestaltung der Kinder - Frieden zu schaffen, Freundschaft und Solidarität aufzubauen. Dann kommt die Gartenarbeit dazu. Und das Wichtigste wird sein, einen Weg in die Zukunft in Zeiten des Klimawandels zu finden. Denn das wird das große Desaster der Menschheit. Das geht nur mit Solidarität und Empathie für andere. Die Pandemie jetzt ist nur ein Indikator dessen, was mit dem Klimawandel auf uns zukommt.

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