Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Mit den Falschen angelegt

Im Prozess um den Anschlag in Halle kommen nun auch die Opfer zu Wort

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.

Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag. Für ihn sei er sonst »der schönste Tag im Jahr«, sagt Rabbiner Jeremy Borovitz. Gott entscheide an diesem das weitere Schicksal des Jahres. Gebete drehten sich um »das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod, und wie nahe sie sich sind«, erklärte er im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts von Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Dann fügte er an: »Ich werde diese Liturgie künftig sehr anders wahrnehmen.«

Der Grund dafür sind die traumatischen Erlebnisse zu Jom Kippur 2019. Am 9. Oktober war Borovitz dem Tod sehr nahe. Er feierte mit gut 50 Menschen in der Synagoge von Halle gerade einen Gottesdienst, als diese von Stephan B. angegriffen wurde. Dieser hatte aus fanatischem Antisemitismus und Fremdenhass heraus ein Blutbad geplant. Er attackierte das Gebäude mit Gewehren und Sprengsätzen. Nur eine stabile Holztür verhinderte sein Eindringen. Stattdessen erschoss er die zufällige Passantin Jana L. und später in einem Dönerladen den 21-jährigen Kevin S. Seit Juli steht B. vor Gericht. Zum Prozessauftakt hatte er bedauert, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben.

Seit dieser Woche kommen diejenigen zu Wort, die B. töten wollte: Menschen wie Borovitz. Der 33-Jährige war mit Frau, der erst 15 Monate alten Tochter und einer Gruppe Gläubiger aus Berlin nach Halle gekommen. Man habe »ein wenig Energie« in die dortige kleine Gemeinde bringen wollen, erzählt er. Die 30-jährige Ijona B. schildert, wie sie von der Empore aus dumpfe Knallgeräusche wahrnahm, die wachsende Aufregung der Männer am Monitor der Überwachungskamera bemerkte und dann vom Kantor zur Flucht angehalten wurde: »Lauft, lauft! Schnell!« Die Gläubigen, unter ihnen viele Ältere, sammelten sich in entlegeneren Räumen; Türen wurden verbarrikadiert. Er habe am Bildschirm den bewaffneten Täter auf die Tür zustürmen sehen, sagt Roman R., ehrenamtlicher Vorbeter: »Da dachte ich, jetzt ist es gleich zu Ende.« Jeder Schuss, den er hörte, sei »wie ein Schuss ins Herz« gewesen.

Die Zeugen schilderten vor Gericht dramatische Stunden voller Angst und anschließender Ungewissheit in der Zeit, bis die Polizei Entwarnung gab. Etliche litten sehr an den psychischen Folgen des Attentats. Sie habe ihren Job nicht mehr erledigen können, sagte Mollie S., die in Berlin für eine jüdische Nichtregierungsorganisation arbeitet. Bei ihr wurde eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Borovitz, der US-Bürger ist und seit 18 Monaten in Deutschland lebt, sagte, er habe überlegt, ob er noch länger in Deutschland bleiben wolle. Die Babysitterin, die seine Tochter am 9. Oktober in Halle betreut hatte, habe den Anschlag nicht verkraftet und sei mittlerweile ausgereist.

Auch Roman R., der 1999 mit seinen Eltern als Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetunion nach Halle gekommen war, gab an, der Anschlag habe sein Grundvertrauen in die Sicherheit von Juden in der Bundesrepublik zunächst tief erschüttert: »Ich dachte sofort: Wir ziehen nach Israel.«

Etliche Zeugen leiden auch unter dem Gedanken, dass statt ihrer andere Menschen sterben mussten. Sie hege »tiefe Schuldgefühle« wegen des Todes der beiden Opfer, sagte Ijona B., die deswegen Kontakt zur Mutter von Jana L. aufgenommen und auch an deren Beerdigung teilgenommen hat. »Es wäre mir lieber, er hätte auf mich geschossen«, sagte sie. Ihre Trauer steht in eklatantem Gegensatz zur Gefühlskälte des Angeklagten. Zur Empörung von Opferanwälten kommentierte dieser B.s Satz mit der Äußerung: »Mir auch.«

Die Aussagen der jüdischen Betroffenen sorgten im Gerichtssaal immer wieder für dort eigentlich unüblichen Beifall. Mollie S. erinnerte an ihren Großvater, der den Holocaust überstand. Bisher sei er »der einzige Überlebende in unserer Familie« gewesen, die in der NS-Zeit mehr als 100 Angehörige verloren habe. Nach dem Attentat von Halle habe nun auch sie sich in die »Reihen der Überlebenden eingereiht«, sagte S. Sie betonte, sie wolle sich vom Attentäter nicht in eine Opferrolle drängen lassen. »Er hat sich mit der falschen Person angelegt«, sagte sie über den Angeklagten: »Von heute an wird es mir keine Qualen mehr bereiten. Es endet hier und heute.«

Ähnlich unbeirrt äußerten sich auch weitere Zeugen. Borovitz erklärte, er habe sich entschlossen, weiterhin in Deutschland zu bleiben, um an einem »blühenden« jüdischen Leben mitzuwirken: »Wir werden hörbar sein und uns nicht verstecken«, sagte er. Roman R. gab an, den Gedanken an Auswanderung wenige Tage nach dem Attentat verworfen zu haben, als Tausende Menschen zu einer Solidaritätskundgebung vor der Synagoge in Halle kamen. Diese Unterstützung gebe ihm Kraft, sagte er, und fügte in Richtung des Angeklagten an: »Du musst den Rest deines Lebens damit leben, was du angerichtet hast. Es hat nichts gebracht.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln