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Neoliberales Arbeitsmodell in der Krise

Britanniens Regierung startet eine Kampagne gegen das Homeoffice. Die konservative Presse soll dabei helfen

  • Von Christian Bunke, Manchester
  • Lesedauer: 3 Min.

Die britische Regierung und Unternehmerverbände wollen die Wirtschaft in den Innenstädten wieder ankurbeln. »Geht zurück an die Arbeit oder verliert Euren Job«, tönte am 27. August die Titelseite der konservativen Tageszeitung »Daily Telegraph«. Tatsächlich hat die Corona-Pandemie das neoliberale Arbeitsmodell der vergangenen 30 Jahre in die Krise gestürzt.

Eckpfeiler dieses Modells ist, dass täglich Millionen von lohnabhängigen Menschen mehrere Stunden mit dem Auto, dem Zug oder der U-Bahn in die Bürostädte Londons oder Manchesters pilgern, damit sie dort zwischen zehn und zwölf Stunden ihren Arbeitstag absitzen und in ihrer 30-minütigen Mittagspause schnell ein Sandwich, eine Packung Kartoffelchips sowie ein in Plastik verpacktes Mineralwasser abgreifen. Das nennt sich im englischen »Meal Deal« und ist das Geschäftsmodell von Ketten wie zum Beispiel »Pret A Manger«.

Und genau solche Firmen wie »Pret A Manger« leiden unter der Coronakrise. Die Büroarbeiter sind im Homeoffice und kommen nicht mehr in die Innenstädte. Ende August verkündete der Konzern einen Umsatzrückgang von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Konsequenzen kriegen jetzt die Beschäftigten zu spüren: Das Personal soll um ein Drittel abgebaut und zahlreiche Filialen geschlossen werden. 2890 Jobs fallen laut Konzernangaben weg. Damit verschärft sich die soziale Katastrophe im Land. Laut der britischen Statistikbehörde ONS leben inzwischen 5,5 Millionen Menschen in Großbritannien von Sozialhilfe - ein Anstieg von 81 Prozent seit März dieses Jahres.

Die Confederation of British Industry (CBI), Großbritanniens größter und einflussreichster Unternehmerverband, ist inzwischen über die Lage derart alarmiert, dass deren Generaldirektorin, Carolyn Fairbairn, am 27. August einen Leitartikel für das konservative Boulevardblatt »Daily Mail« verfasste. Darin schrieb Fairbairn: »Die britischen Bürogebäude sind lebenswichtige Triebfedern unserer Wirtschaft. Sie unterstützen Tausende Firmen, von Reinigungsfirmen bis hin zu Sandwichgeschäften.« Die wirtschaftlichen Kosten der leerstehenden Büros würden jeden Tag klarer: »Einige unserer geschäftigsten Innenstädte haben sich in Geisterstädte verwandelt.« Deshalb müsse die Regierung handeln: »Der Premierminister und seine Regierung müssen mehr tun, um die Menschen wieder zurück in die Büros und an die Arbeitsplätze zu kriegen.«

Premierminister Boris Johnson zögerte nicht lange, um dieser Anweisung nachzukommen. Schon am 28. August versprach er laut BBC-Angaben den Beginn einer »zurück an den Arbeitsplatz-Kampagne«. Diese ist in Wirklichkeit schon seit Anfang August angelaufen. Schlüsselereignis war die Öffnung der Schulen. Damit fällt nämlich ein zentraler Grund vieler Beschäftigter weg, aufgrund der Pandemie und für die Kinder zu Hause zu bleiben. Doch am ersten September öffneten nur 40 Prozent aller Schulen in England und Wales ihre Pforten. Die restlichen 60 Prozent blieben aufgrund von mangelhaften Hygienemaßnahmen weiter geschlossen. Deshalb läuft auch die Rückkehr an den Arbeitsplatz schleppend an. Am Mittwoch meldete die Londoner Transportbehörde, man habe am ersten September um 72 Prozent weniger Personen befördert als am vergleichbaren Tag des vergangenen Jahres.

Grundlegend gibt es in der britischen Gesellschaft nur wenig Vertrauen darin, dass bald ein Normalzustand herrschen könnte. »Der Premierminister braucht einen glaubwürdigen Plan, der Menschen dabei hilft, sicher zu pendeln. Wir brauchen keine Angstkampagne«, so Frances O`Grady, Generalsekretärin des britischen Gewerkschaftsbundes TUC Ende vergangener Woche.

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