Tour de France

Der Fünfjahresplan geht auf

Die erste Tourwoche wird von zwei Fahrern aus dem kleinen Slowenien geprägt

Von Tom Mustroph

Nicht viel hätte gefehlt, und das slowenische Radsportwunder hätte schon am sechsten Tag der Tour de France einen herben Rückschlag erlitten. Acht Kilometer vor dem Ziel auf dem kahlen Mont Aigoual musste Tadej Pogacar, das 21-jährige Klettertalent aus der Skifahrer- und -springernation, sein Rad wegen eines Defekts wechseln. Ein ungünstiger Moment für solch einen Schaden. Pogacar aber kurbelte sich leichtfüßig wieder zurück. Ihm kam dabei entgegen, dass das Tempo des Bergzugs von Team Ineos eher gedämpft ist. Die einst so dominante Formation wirkt auf die Dimension einer Schmalspurbahn reduziert.

Ineos’ Schwäche steht aber auch in direktem Zusammenhang mit der Stärke eines anderen Slowenen: Primoz Roglic ist derzeit das Nonplusultra im Radsportzirkus. Der Sieger der Vuelta 2019 gewann am Dienstag überlegen den ersten Bergsprint dieser Tour de France, direkt dahinter landete Pogacar. Roglics Team Jumbo-Visma hat Ineos als dominierendes Team abgelöst. Vor allem aber ist Roglic selbst in die Lücke gefahren, die das Fehlen des früher alles beherrschenden Chris Froome geöffnet hat. Für Froomes Nachfolger Egan Bernal als Toursieger scheinen die Fußstapfen aktuell noch zu groß.

Den Anfangspunkt dieser Entwicklung kann man ziemlich genau datieren: auf den Spätsommer 2015. Roglic befand sich im Urlaub, als ihn ein Angebot des World-Tour-Teams Lotto-Jumbo erreichte, mal zu einem Leistungstest in die Niederlande zu kommen. Wie Sauerbier hatte sein damaliger Teamchef Bogdan Fink den Landsmann angeboten. »Ich wusste, er hat das Zeug zur World-Tour. Er hatte in jenem Jahr die Slowenienrundfahrt gewonnen, vor Mikel Nieve, der damals fürs Team Sky fuhr. Nieve wurde daraufhin nicht mit zur Tour de France genommen, weil die dachten, dass er nicht in Form sei«, erzählte Fink dem »nd«. »Sky wollte Roglic aber nicht verpflichten. Die hatten Zweifel, ob er wirklich gut ist.«

Auch andere Teams winkten ab, trauten dem früheren Skispringer nicht über den Weg. Vielleicht dachten sie auch, dass Doping mit im Spiel sei. Slowenische Profis waren häufig unter Dopingverdacht geraten. Tadej Valjavec etwa wurde 2011 wegen verdächtiger Werte im Blutpass gesperrt und eröffnete nach Karriereende ein Sporthotel nahe der Grenze zu Italien, in das der Dopingguru Michele Ferrari einige seiner Klienten geschickt haben soll. Gerüchte umwehten auch Milan Erzen, einige Jahre Sportdirektor bei Finks Team Adria Mobil und später Mitgründer des WorldTour-Rennstalls Bahrain-McLaren. Die Skepsis war also nachvollziehbar.

Die Leistungswerte, die der frisch aus dem Badeurlaub angereiste Roglic aber dann beim Test im Labor von Lotto-Jumbo ablieferte, ließen die Anwesenden aufhorchen. Erstaunen lösten auch die Worte des Testfahrers aus. »Er sagte, dass er versuchen will, die Tour de France zu gewinnen, und dass er sich fünf Jahre Zeit dafür gebe«, erzählte Frans Maassen jüngst der Sportzeitung »L’Equipe«. Damals war er Trainer bei Lotto, jetzt beim Nachfolgerennstall Jumbo-Visma.

Der Fünfjahresplan scheint genau rechtzeitig aufzugehen. Aus seiner Zeit im Skispringen bringt der frühere Juniorenweltmeister Roglic den unbedingten Siegeswillen und die Kunst mit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. »Vom Skispringen hat er zudem die Explosivität. Und sicherlich hilft ihm jetzt bei der Positionierung auf dem Rad auch die Beweglichkeit, die er sich einst auf den Ski antrainiert hat«, erzählte Zwone Pograjc »nd«. Er muss es wissen, er war Roglics erster Skisprungtrainer.

Bei der Entwicklung seines Talents half Roglic vielleicht auch, dass er es verhältnismäßig spät auszubeuten begann. »Er hat zuvor ja vor allem Kraft und Schnelligkeit trainiert. Auf Ausdauer legte er als Skispringer kaum Wert, er fing erst spät damit an. Das kann ein Vorteil sein«, erzählt Sportwissenschaftler Radoje Milic aus Ljubljana. Wird sehr früh auf Ausdauer gesetzt, werden laut Milic manchmal zwei Fehler gemacht: Der Kraftaspekt wird vernachlässigt und zu sehr auf extensives Training gesetzt. Das geht wiederum zu Lasten der Intensität.

Milic hatte Umsteiger Roglic bereits 2013 bei einem Leistungstest untersucht und war von den Werten ähnlich begeistert wie zwei Jahre später Frans Maassen und Co. Ein noch größeres Leuchten tritt allerdings in die Augen des slowenischen Leistungsdiagnostikers, wenn er auf Tadej Pogacar angesprochen wird: »Der hatte bei mir noch bessere Werte als Roglic.«

Pogacar wählte den direkten Weg und kam in ungewöhnlich jungem Alter zu seinem ersten Radprofivertrag. Er profitierte dabei von der internationalen Vernetzung slowenischer Altstars. Bei seinem Team UAE ist Landsmann Andrej Hauptman für ihn zuständig, der in seiner aktiven Zeit immerhin WM-Bronze im Straßenrennen 2001 gewann und auch Roglic bei dessen Anfängen begleitete. Ein weiterer Grund für die Vielzahl slowenischer Radtalente - aktuell nehmen fünf Slowenen an der Tour de France teil - sind die aus sozialistischen Zeiten herübergeretteten Talentsichtungssysteme. Oft führen die zu Karrieren im Skisport. Mittlerweile hat sich der Radsport aber aus einer Nischenexistenz im Land hervorgearbeitet, auch dank der Erfolge von Roglic, Pogacar und Ex-Juniorenweltmeister Matej Mohoric.

Wie groß der Anteil alter wie neuer Dopingstrukturen an dem Erfolg ist, lässt sich nur schwer abzuschätzen. Slowenische Radprofis waren offenbar auch Klienten des Erfurter Dopingarztes Mark Schmidt. Im Falle von Roglic und Pogacar liegen derzeit aber keine Hinweise auf Manipulationen vor. Insofern kann man die Erfolge des kleinen Landes je nach Gemütslage bejubeln, bestaunen oder kritisch zur Kenntnis nehmen. Stand jetzt jedenfalls läuft die kleine Kletterfraktion aus den Mittelgebirgsregionen in Südosteuropa den Hochgebirgskletterern aus Kolumbien ganz deutlich den Spitzenrang ab.

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