Werbung

Nazis und wir

SCHUFA DER LIEBE - zum letzten Mal

  • Von Paula Irmschler
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn Leute sagen, man solle nicht ständig alle als Nazis bezeichnen, meinen sie es meistens relativierend. Sie meinen, dass die Menschen, um die es geht, nicht wirklich menschenverachtende Einstellungen in sich trügen, sondern sie sich nur Sorgen machten um ihre wirtschaftliche Lage, ihre Gesundheit, ihre Familie, die Gesellschaft, das Volk ... Naja, spätestens beim letzten Punkt wird es doch schwierig für sie, sich oder andere da rauszureden, also machen sie dann eben meistens dicht.

Ich sage auch, dass man vorsichtig mit dem Nazi-Begriff sein soll, aber aus einem anderen Grund: Ich habe jahrelang erlebt, dass ich mit Leuten auf Demos stand, die in die andere Richtung »Nazis raus« brüllten, Plakate rumtrugen, auf denen »Bunt statt braun« stand und sich richtig gut aufgeräumt gefühlt haben. Wir, die Guten, da drüben, ganz weit weg, die Schlechten. Das eine normal, das andere unnormal. Das Ding ist: Wir sind auch nicht so richtig gut, teilweise sind wir sogar ziemlich schlecht. Wir sind nicht mehr, wir stecken da alle mit drin. Natürlich gibt es in Wahrheit auch gar kein Wir. Auch Leute, die coole Parolen rufen, belästigen Frauen, sagen Rassistisches, profitieren von Ausbeutung, affirmieren diskriminierende Strukturen, machen Witze über Homosexuelle und transidente Menschen. Auch ich habe richtig viel Scheiße gedacht und gesagt, und ich greife auch heute noch daneben.

Jemanden als Nazi zu bezeichnen, kann auch ein Mittel sein, um sich selbst reinzuwaschen. Mit einem selbst hat das nämlich alles gar nichts zu tun. Nazis, das sind diese komischen Leute am »Rande der Gesellschaft«, die »Verrückten« aus der Spiegel-TV-Reportage, der Onkel, der abgedriftet ist und jetzt AfD wählt, der Steffen aus der Schule, der Springerstiefel trug und Landser hörte, die 90-Jährige, die bis heute den Holocaust leugnet. Und klar: Es gibt einen Unterschied, ob man unorganisiert oder organisiert faschistisch agiert. Wer aktivistisch ist, wer in rechten Strukturen eingebunden ist, ist unmittelbar gefährlicher. Aber was es eben auch gibt - und ich dachte, das sei mittlerweile klar - ist menschenverachtendes Gedankengut in unser aller Köpfe. Aber, dass das vielen nicht klar zu sein scheint, wurde recht eindeutig bei der Empörung und den Witzeleien rund um die »Querdenken«-Demos.

Seit ewiger Zeit machen Feminist*innen, Antirassist*innen und andere klar, dass sich faschistisches Denken durch alle gesellschaftlichen Schichten und politische Positionen zieht, dass Ausbeutung und sonstige Gewalt gegen Menschen strukturell ist. Aber trotzdem geht es immer so weiter: Es wird alles auf die ominöse Gruppe der Nazis projiziert und es sich damit verdammt einfach gemacht. Geht unbedingt weiter auf Demos, seid laut und wütend, positioniert euch, aber macht dabei niemals vor euch selbst Halt.

Dies ist die letzte »Schufa der Liebe« von Paula Irmschler. Wir bedanken uns herzlich für die vielen Jahre der Zusammenarbeit.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung