Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Berlin
  • Folgen der Coronakrise

Krankenhäuser umschiffen pandemiebedingte Krise

Weil die wirtschaftlichen Einbußen bislang moderat blieben, darf Investitionslücke nicht aus dem Blick geraten, fordern Klinikvertreter

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 5 Min.
Das Vivantes-Humboldt-Klinikum in Berlin
Das Vivantes-Humboldt-Klinikum in Berlin

Marc Schreiner zeigte sich so erfreut, wie man den Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) eher selten erlebt: Als ein »großartiges Zeichen« bezeichnete er am Montagvormittag die Ankündigung von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), dass das Land Berlin die Co-Finanzierung der bundesweiten Ausschüttung durch das Krankenhauszukunftsgesetzes für die Berliner Kliniken übernehmen werde. 150 Millionen Euro von insgesamt 4,3 Milliarden entfallen laut den Verteilungsmodalitäten des Königsteiner Schlüssels damit auf die aktuell 86 Krankenhäuser der Hauptstadt. Das Gesetz wurde beschlossen, weil die Coronapauschalen zur Überbrückung der Einbußen durch heruntergefahrene Betten- und Behandlungskapazitäten zum 1. Oktober hin auslaufen.

In vielen Berliner Kliniken werden Beamtmungsgeräte vorgehalten.
In vielen Berliner Kliniken werden Beamtmungsgeräte vorgehalten.

Gesundheitssenatorin Kalayci sagte an Schreiner gewandt: »Ich habe die Zusage gemacht, dass ich mich sehr dafür einsetzen werde, dass die 30 Prozent komplett vom Land Berlin übernommen werden. Das wären 66 Millionen Euro. Wir sind noch in den Verhandlungen senatsintern, aber ich kann Ihnen schon einmal sagen, es sieht gut aus.« Schreiner konnte man im vergangenen Jahr vor allem kämpferisch auf Veranstaltungen der Berliner Klinikoffensive erleben, die beharrlich nicht nachlässt, der Senatsregierung vorzurechnen, dass alle geplanten Investitionssummen lang nicht ausreichen, um die Lücken in der jahrelang kaputt gesparten Krankenhauslandschaft zu schließen. Daran erinnerte der Gesundheitsexperte auch im Zuge der Ausschusssitzung, in der er als Experte angehört wurde, trotz des zuvor geäußerten - verhaltenen - Lobes: »Die zugesagten Mittel für 2020 sind eine tolle Steigerung um 35 Millionen Euro (auf 175 Millionen) und dann für 2021 um 60 Millionen (auf 235 Millionen), aber wir haben jährliche Investitionskosten von 350 Millionen nachgewiesen«, so Schreiner. Die Gesamtinvestitionslücke betrage zwei Milliarden Euro.

Unterschiedliche Investitionen

Vor allem seien die großzügig und schnell zur Verfügung gestellten Mittel zur Ausstattung der Kliniken mit Intensivbetten und Beatmungsmitteln nicht zu verwechseln mit Investitionen in die grundsätzlichen Bedarfe der Krankenhäuser, führte der BKG-Chef weiter aus. So seien die über 900 zusätzlich beschafften Beatmungsgeräte für Covid-19-Patient*innen, und auch die 50 Millionen Euro, die für das Behandlungszentrum in der Jaffésttraße auf dem Messegelände kurzfristig zur Verfügung gestellt wurden, zwar »notwendige Zahlungen«, aber »keine Investition in etablierte Krankenhausstrukturen« gewesen, stellte Schreiner klar. Auch die Freihaltepauschalen in Höhe von 330 Millionen Euro für die Kliniken - laut Kaylayci »beachtlich viel« -, plus 30 Millionen Euro Investitionspauschalen, seien zwar »eine Liquiditätshilfe, aber ein passgenauer Ausgleich für alle Kliniken ist damit nicht möglich«, so der Vertreter der BKG.

Kliniksprecher, die ebenfalls zur wirtschaftlichen Lage in ihren Häusern angehört wurden, gaben ähnlich lautende Erfahrungen zur Lage in ihren Häusern zu Protokoll. Johannes Danckert vom Klinikmanagement der landeseigenen Vivantes-Kliniken berichtet, dass die Ausgleichzahlungen durch das Land nicht abdecken können, was in den neun Kliniken insgesamt an Erlösrückgang zu verzeichnen ist. Es sei immerhin gelungen, weitgehend auf Kurzarbeit zu verzichten. Aber wenn Ende September die Zahlungen eingestellt werden, »müssen wir schlucken«, sagte Danckert. Man schaue skeptisch in die Zukunft, und darauf, was die Bundespolitik beschließe.

Der Vivantes-Vertreter befürchtet durchaus, dass die Häuser unter den anhaltenden Coronabedingungen leiden werden, auch wenn man die erste Infektionswelle ausnehmend gut gemeistert habe. Über 600 Covid-Patient*innen, davon 116 auf Intensivstationen, wurden seit März bei Vivantes betreut, so Danckert. Darüber hinaus hätten die Mitarbeiter*innen intensive Trainingseinheiten absolviert, »mit Herzblut« das Coronazentrum in der Jafféstraße und drei Corona-Teststellen eingerichtet und darüber hinaus ein Corona-Pflegezentrum nur für ältere Menschen geschaffen, um Pflegeheimen beispringen zu können. »Sehr viele Mitarbeiter sind über das Mindestmaß hinausgegangen«, beschreibt Danckert den Zusammenhalt unter den Beschäftigten.

Beschäftigte bewältigen Krise

Egal, auf welche Klinik man schaue, immer seien es die Beschäftigten, denen man es neben einem weitestgehend effektiven Verwaltungshandeln zu verdanken habe, dass »Bilder wie in Italien« vermieden werden konnte. Darin waren sich Danckert, Schreiner und auch Alexander Grafe von den Alexianer Hedwigkliniken einig. In diesen sei man durch die Zahlung der Pauschale ohne finanziellen Schaden durch die Krise gekommen, erklärt Grafe. Alle drei Klinikvertreter sprechen sich dringend dafür aus, dass alle Beschäftigten die 1000 Euro Prämienzahlung als Anerkennung für die enorme Belastung erhalten, die ihnen durch die Arbeit unter Pandemiebedingungen entsteht.

Auch bei diesem Punkt ist es Marc Schreiner zu verdanken, darauf hinzuweisen, dass die vom Bund in Aussicht gestellten 100 Millionen Euro kaum reichen dürften: »Bei 1000 Euro ergeben sich daraus Prämien für 100 000 Kräfte - das sind nicht viel, wenn man davon ausgeht, dass allein 400 000 Pflegekräfte in den Kliniken arbeiten«, moniert der BKG-Vertreter.

Grundsätzlich lässt sich nach Ansicht der Gesundheitsexperten sagen, dass kleinere Kliniken leichter durch die Krise manövrieren als die großen Häuser mit Maximalversorgung. Dennoch entspinnt sich im Ausschuss eine Diskussion um die reale Situation von Krankheitsverläufen in den Kliniken. Schließlich habe man mit 1,5 Prozent der vorgehaltenen Intensivbetten relativ wenige mit Covid-19-Erkrankten belegt. Der Blick auf die Betten allein reiche nicht aus, sagt dazu die Gesundheitssenatorin: »Wir wollen sie ja nicht vollkriegen, sondern verhindern, dass sie in Anspruch genommen werden.« Zumal derzeit die Folgeschäden einer Erkrankung mit dem Coronavirus nicht absehbar seien. Dem Berliner Safe- und Post-Safe-Konzept, einer insgesamt dreistufigen Versorgung, bescheinigt auch Marc Schreiner sehr gute organisatorische Bedingungen für mögliche weitere Infektionswellen. Vom Normalbetrieb werde man noch auf Jahre hinweg weit entfernt sein, ist Schreiner sicher.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln