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Aller Schlaf wird zum Büroschlaf

Best of Menschheit, Teil 36: Schlaf

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Nach der vermaledeiten Sexualität und der elenden Nahrungsaufnahme dürfte der verdammte Schlaf den Menschen in seinen Jahrtausenden der Kulturerzeugung am meisten von sinnvolleren Beschäftigungen abgehalten haben. Nicht nur, weil er biologisch so notwendig ist, dass längerer Entzug von ihm das Sapienshirn zerbrezelt, sondern weil er über Zeit und Planet kulturell höchst diffizile Ritualisierung erfahren hat.

Aus der Sicht des zumeist wohl behüteten und gebetteten Spätmenschen muss einem der Schlaf des frühen Menschen wie der reine Schrecken vorkommen. Wie es wohl war, mit dem jungen Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit in dunkler Nacht ohne Schutz vor der feindlichen Natur dieses besonders wache Bewusstsein zu verlieren? Danach zu urteilen, wie ungern die meisten Kleinkinder ab dem Alter der Ich-Erkenntnis ins Bett gehen und vehement Müdigkeit abstreiten, hat sich eine tiefe Skepsis gegen die lebensnotwendige Regeneration des Körpers im selbigen eingeschrieben. Der man nur mit Ritualen entkommt. Die bösen Geister verjagen, Geschichten erzählen, ein Gebet von sich stoßen, nur mit dem einen Bein zuerst ins Bett steigen, die nackten Füße am Laken wohlig schubbern - was immer hilft, vom warmen Licht ins kalte Dunkel zu gelangen und frohen Mutes wieder heraus.

Die ältesten gefundenen Betten in Höhlen, so berichtet die Suchmaschine, sind 200 000 Jahre alt und bestanden aus insektenabhaltenden Gräsern, wurden regelmäßig abgebrannt und neu bepflanzt und boten wohl Platz für eine Person. Sich mit einem Partner in ein Bett zu zwingen, um sich gegenseitig die Ruhe zu nehmen, wie es der agrarisch geprägte spätere Mensch so gerne tat und tut, scheint nicht des Höhlenmenschen Sache gewesen zu sein. Ob er auch, wie der spätkapitalistische Anhänger faschistischer Pädagogik, die eigenen Kinder in Nebenhöhlen sich in den Schlaf schreien ließ, weil ihnen Ruhe wichtiger als Urvertrauen war, ist nicht bekannt.

Der akute Mensch glaubt, man müsse schlafen lernen und lehren, weil er seinen Körper an Arbeitsanbieter verkauft hat, und mit ihm seinen Schlaf. Gegen den Schaden, den die Individualisierung der Uhrzeit im Zeitalter des Arbeitsfetischs am Schlaf angerichtet, ist das Höhlenungeziefer von einst ein Vergnügen. Selbst die Frondienste der Christusjahrtausende dürften dem Schlaf weniger zugesetzt haben als es zum Beispiel das komplett irre Konzept der Schichtarbeit macht. Man liegt, wie man sich bettet und man bettet sich, wie man schuftet.

Nicht umsonst ist der Langschläfer, der sich zu einem anderen Zweck als zur Kraftsammlung bettende Mensch, ein Feindbild in so ziemlich jeder Ordnung, die sich in den letzten Jahrtausenden ergeben haben. Die freundlich den Kopf in heizungslosen Kammern wärmende Schlafmütze ist bis heute ein deutsches Schimpfwort - obwohl sie doch sogar die Frisur so in Form hielt, dass man ohne aufwendigere Toilette vom Schlaf- zum Arbeitsplatz eilen konnte.

Wer außerhalb der Nacht im Bett liegt, muss krank sein. Das Bett muss tagsüber »gemacht« sein, um den zur Arbeit Verpflichteten abzuweisen. Obwohl - das stimmt so auch nicht mehr: Der Unterschied zwischen Arbeits- und Privaträumen verschwindet, spätestens mit der Pandemie, dem Home-Office-, Team- und Zoom-Zeugs, mit dem der Teil der Menschheit, der eher seine Geistes- als Körperkraft zur Existenzberechtigung veräußern muss, nun neben der permanenten Selbstverwaltung im Weltnetz, beschäftigt ist.

Aller Schlaf wird zum Büroschlaf. Welch unwürdiges Ende für so einen wunderbaren Zustand. Kurz: Es wäre nett, wenn sich die Menschheit noch ein wenig guten Schlaf gönnen würde, bevor sie endgültig »Gute Nacht« sagen muss.

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