Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Kultur
  • »Die Epoche des Menschen«

Das große Maschinenfressen

Wo die menschliche Wirtschaft ihr Wachstum besorgt, wächst kein Gras mehr: Der Dokumentarfilm »Die Epoche des Menschen«

Hannes Jaenicke mag die Natur. So sehr, dass er 2008 für eine ZDF-Doku in ein indonesisches Affenbordell ging. Heute lassen sich von diesem Film und begleitenden Artikeln nur noch wenige Spuren finden, aus irgendwelchen Gründen war der den Beteiligten wohl im Nachhinein peinlich. Aber Schlagzeilen wie »TV-Star Hannes Jaenicke rettet Orang-Utan-Weibchen aus Affenbordell« waren zu schön, um einem Spötter nicht noch 12 Jahre später stets in den Sinn zu kommen, wenn er den Namen Hannes Jaenicke hört. Das ist aber nur einer der vielen Gründe, diesem Mann aus dem Weg zu gehen. Denn Hannes Jaenicke ist auch einer der Menschen, »die erst 50 Jahre alt werden müssen, um festzustellen, dass an einem T-Shirt für drei Euro irgendwas nicht stimmen kann, und die auf jene herabsehen, die es danach nicht für 30 Euro kaufen« (Leo Fischer, Torsten Gaitzsch, einst in der »Titanic«).

Jaenicke ist also medial umweltaktivistisch vorbelastet genug, um dem Dokumentarfilm »Die Epoche des Menschen« eine Stimme zu leihen, die dieser gar nicht gebraucht hätte. Das, was Jaenicke darin mit dramatischer Nasalität erzählt, sind Tatsachen und Begriffserklärungen, die als Texteinblendungen nicht schlechter funktioniert hätten. Denn »Die Epoche des Menschen« will vor allem dokumentieren, was wissenschaftlich noch immer umstritten ist: dass sich die Erde in einem neuen Zeitalter befindet, dem Anthropozän. Dieser Begriff beschreibt wohl vor allem eine Umkehr der Verhältnisse: Die Natur als diffiziles System beherrscht nicht mehr seine erfolgreichste Spezies, sondern der Mensch die Natur. Und zwar so rücksichtslos, wie menschliche Herrschaft stets war.

Eine gewaltige Maschine nach der anderen sieht man sich über und durch die Böden fressen. Ob Kohle in Deutschland, Lithium in Chile, Metalle in Sibirien, Holz in Kanada, überall hauen große Schaufeln und Messer die Natur zu Brei. Dreckiges Wasser schwappt, Menschen schuften eintönig, übrig bleiben Müll und hässliche Löcher in der Schönheit dessen, was in Distanz zum Menschen entstehen konnte.

Die Kamera zoomt langsam durchs Makro- und Mikroskopische, um die gewaltigen Spuren des unaufhaltsamen menschlichen Verbrauchs abzubilden. Nur gelegentlich taucht etwas rätselhafter Kunstwillen auf, wenn etwa die Form des RWEschen Schaufelradungetüms mit der Rosette eines Fensters einer im Abriss befindlichen Kirche parallelisiert wird oder die Fahrt durch den Gotthardtunnel per Kameradrehung an die präfinale Trip-Sequenz aus Kubricks »2001: Odyssee im Weltraum« erinnert. Die Tristesse des menschlichen Daseins in seiner erschufteten Giftwelt ist allgegenwärtig, beim Gejodel und Getanze zur Eröffnung des Gotthardtunnels, auf sibirischen Industrie-Volksfesten, in ghanaischen Müllbergen, die eigentlich »westliche« Müllberge in Ghana sind. Das erzeugt Mitleid oder gar Abscheu, während man die riesigen Fressmaschinen, die der Natur so gnadenlos den Garaus machen, manchmal kindlich bewundert. Die Menschenwesen zwischen und in ihnen erzählen viel von trotzigem Stolz oder darüber, dass man sich daran gewöhnt, in einer Stadt ohne Grün zu leben. Aber man glaubt ihnen nicht so recht.

Es lässt ahnen, wie weit die Menschheit davon entfernt ist, Humanität herzustellen. Wenn es ein Anthropozän gibt, ist es nicht wirklich die Epoche des Menschen, sondern die seiner Maschinen. Was man sieht, ist nicht die Herrschaft des Menschen über die Natur, sondern ein beharrlich expandierender Kontrollverlust. Offenbar wird dabei die grausame Ironie des Begriffes »Wachstum«, denn wo die menschliche Wirtschaft ihr Wachstum besorgt, wächst kein Gras mehr. Eine mächtig bebilderte Binse, die die »Epoche des Menschen« aber nicht politisch macht.

Der Film bräuchte keinen Jaenicke, weil er von naturwissenschaftlich geprägten Menschen gemacht ist. Es gibt eine These, und für die braucht es Belege, Konsequenzen müssen andere daraus ziehen. Es ist ein Plädoyer dafür, eine von Menschen erdachte Kategorie von anderen Menschen anerkennen zu lassen. So, als könne sich der Mensch durch Verobjektivierung den Folgen dessen, was der Begriff Anthropozän umfasst, entziehen. Entsprechend wirkt diese Dokumentation in Sachen Klimakatastrophe kühl resignativ. Zum Beispiel, wenn in China eine weitere Maschine Schutzdämme gegen das steigende Meer auffüllt und der Maschinenmensch die Hoffnung mitteilt, die küstennahe Industrie so noch 50 oder 100 Jahre schützen zu können.

Der Film zeigt auf mehreren Ebenen die Widersprüchlichkeit des Unterfangens, als Mensch für Menschen die kaum zu fassende Schädlichkeit des Menschen abzubilden - ohne ihn dabei zu zwingen, darüber nachzudenken, was Menschsein eigentlich anderes sein könnte als rücksichtsloser Konsum dessen, was sich der Erdkruste rauben lässt. Wo es keinerlei Vorstellung (mehr) gibt, was sein könnte, bleibt nur die traurige Suche nach dem richtigen Begriff für das, was ist.

Oder eher: noch ist. Denn selbst in der Bekämpfung dieses selbstverständlichen Raubes fällt dem Menschen nur wieder Zerstörung ein. Gerahmt ist der Film von Aufnahmen zuckender Flammen, in denen Tonnen Elfenbein in höchstem Marktwert verbrennen. Eine Warnung an Wilderer, so als sei nur deren Handeln und nicht etwa der Handel insgesamt das Problem. Ein kenianischer Soldat, der Reservatgrenzen gegen Wilderer verteidigt, fasst am besten die Paradoxie all dessen zusammen: »Ich fühle mich als Beschützer und Feind der Natur, denn ich bin ein Mensch und Wilderer sind auch Menschen.«

Zum Schluss spricht Hannes Jaenicke ein paar Sätze, die man so mindestens seit Professor Grzimek selig kennt, irgendetwas mit »noch« und »wäre ein Anfang«. Ende. Die Epoche des Menschen wird ein kurzes Erdzeitalter werden.

»Die Epoche des Menschen«: Kanada 2018. Regie: Jennifer Baichwal, Nicholas De Pencier, Edward Burtynsky. Mit: Hannes Jaenicke, 87 Minuten.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln