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Die verflogene Lust am Reisen

Die Pandemie beutelt die Airlines weltweit - ein Ende der Krise ist nicht absehbar

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.
Flughafen München im Zeichen der Corona-Pandemie
Flughafen München im Zeichen der Corona-Pandemie

Am Himmel rund um die meisten großen Airports in Europa ist mittlerweile wieder etwas mehr Betrieb als noch zur Corona-Hochzeit im Frühjahr, doch wenn man Airlines nach ihren Zukunftsaussichten fragt, hört man nur vage Prognosen. Wegen der globalen Reisebeschränkungen sank die Nachfrage im Bereich Luftfahrt im ersten Halbjahr 2020 weltweit um 58 Prozent. Deutschland lag sogar sieben Prozentpunkte über dem Durchschnitt. Während die Passagierzahlen insgesamt um gut die Hälfte sanken, fielen sie laut dem Bundesverband der Deutscher Luftverkehrswirtschaft (BDL) an den einheimischen Flughäfen um zwei Drittel. Bei der Luftfracht ist in Deutschland ein Minus von zehn Prozent zu beklagen.

Frühestens 2024 rechnet der BDL mit einer Rückkehr zum Vorkrisenniveau. Voraussetzung ist, dass es spätestens im kommenden Jahr geeignete Medikamente und Impfseren gibt, die Corona kontrollierbar machen. Außerdem müsse es zwischen der EU und den USA Abkommen darüber geben, wie mit Hilfe schneller Corona-Tests Quarantänezeiten gemindert oder ganz abgeschafft werden können, so der Verband. Ihm zufolge könnten dann wieder Linienflüge in München und Frankfurt/Main starten. In den USA gehe es um die Flughäfen Boston, Chicago, Los Angeles und Newark bei New York.

Der Airline-Dachverband IATA - der global mit rund 70 Milliarden Euro Verlust bei den Fluggesellschaften in diesem und weiteren 13 Milliarden im kommenden Jahr rechnet - setzt auf eine Zusammenarbeit der Nationalstaaten. Das Risikomanagement müsse differenziert und an die jeweilige Situation angepasst werden, sonst drohten eine langanhaltende Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit. Ab einem bestimmten Punkt, so IATA-Generaldirektor Alexandre de Juniac, müsse man sich sogar fragen, wann die Schäden einer tiefen Wirtschaftskrise jene der Pandemie übertreffen.

Es gibt nämlich im Luftverkehr viele Baustellen, die andere gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche einschließen. Pro-blematisch für die Airlines ist unter anderem, dass Unternehmen künftig noch mehr bei Geschäftsreisen sparen wollen, die sich durch digitale Verbindungen ersetzen lassen. Auch im Bereich Tourismus lassen sich keine Wunder erwarten. Viele Urlauber hat erst einmal die Lust am Reisen verlassen. Zumal zu erwarten ist, dass nach einer kurzen Zeit der Lockangebote wieder mit steigenden Ticketpreisen zu rechnen ist.

Derzeit sind Airlines auch eher mit Rückerstattung als mit Verkauf beschäftigt. So hat die Lufthansa zusammen mit ihren Töchtern wie Swiss, Austrian Airlines und Eurowings im laufenden Jahr bislang insgesamt rund 2,6 Milliarden Euro an sechs Millionen Kunden erstattet. Die Anzahl der noch offenen Ticketrückerstattungen sank damit auf 1,1 Millionen Vorgänge.

Der BDL beklagt, dass auch im Juli und August in Deutschland - verglichen mit dem Vorjahr - nur einer von drei Flügen stattgefunden habe. Ändere sich das nicht, sei jeder zweite der rund 1,1 Millionen direkt und indirekt mit der Luftfahrt verbundenen Jobs akut bedroht. Lufthansa, jüngst mit neun Milliarden Euro aus dem staatlichen Rettungspaket unterstützt, plant den Abbau von bis zu 22 000 Vollzeitstellen, die Hälfte davon in Deutschland.

Ohnehin lässt sich international noch kein einheitlicher Trend zum Durchstarten ausmachen. Sicher ist, dass man auf effizienteres Fluggerät setzt. Die Ära der großen vierstrahligen Spritfresser geht ihrem Ende entgegen. Zum Beispiel sortiert Air France neben dem Airbus 380 nun auch den A340 dauerhaft aus. Die Umweltauflagen der Regierung und der Sparzwang wegen der Coronakrise führen überdies dazu, dass die Gesellschaft ihr Angebot in Frankreich um 40 Prozent reduziert. Inlandsrouten, die in zweieinhalb Stunden auch mit dem Hochgeschwindigkeitszug bewältigt werden können, darf Air France laut einer Vereinbarung mit der Regierung künftig gar nicht mehr anbieten. Wird diese nicht eingehalten, gibt es keine Hilfe vom Staat. Das wäre auch in Deutschland ein kluges Modell gewesen, doch die schwarz-rote Regierung vergab die Chance.

Flugplätze in aller Welt werden derzeit oft nur als Dauerparkplatz für überzähliges Fluggerät genutzt. Dieses Schicksal bleibt indes Berlin erspart, denn schier Unglaubliches geschieht: Ende Oktober soll Deutschlands peinlichstes Pannenprojekt, der Airport Berlin-Brandenburg International (BER), eröffnet werden. Als untrügliches Zeichen können nicht nur die in Schönefeld sichtbaren Hinweisschilder für Tegel-Umzugsunternehmen gewertet werden. Arbeiter entfernten zudem zu Monatsbeginn den Schriftzug »Flughafen Berlin-Schönefeld« vom Dach des alten DDR-Abfertigungsgebäudes. Es soll zum Terminal 5 des BER umfunktioniert werden.

Bevor der neue und einzige Hauptstadt-Flugplatz jedoch so richtig in Schwung kommt, braucht er abermals eine kräftige Finanzhilfe aus Steuerkassen. Wie bereits in diesem Jahr muss damit gerechnet werden, dass durch den massiv ausbleibenden Flugverkehr auch in Zukunft zusätzlicher Finanzbedarf besteht. Als »Erfolg« verkauft die BER-Führung, dass der zu Beginn der Pandemie angenommene zusätzliche Bedarf von 300 Millionen Euro für 2020 durch Kurzarbeit, Einstellungsstopp und Budgetkürzung um 50 Millionen reduziert werden konnte.

Doch nicht der schier unstillbare Finanzhunger wird den BER in den Schlagzeilen halten. Um umliegende Gemeinden vor übermäßigem Fluglärm zu bewahren, hat man sich für Starts von der Südbahn eine ganz spezielle Flugroute einfallen lassen. Bei Ostwind müssen die Maschinen, kaum dass sie abgehoben haben, scharf nach rechts abdrehen. Das Manöver trägt intern die Bezeichnung »Kotzkurve«. Vielleicht werden ja so ein paar Abenteuerlustige zusätzlich angelockt - Jahrmarkt-Achterbahnen dürfen ja nicht fahren.

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