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Die Sympathie der Vielen

Eine ambitionierte Graphic Novel über »Die Jahre von Allende«

  • Von Martin Reischke
  • Lesedauer: 4 Min.

Schon auf dem Titelbild wird klar, dass diese Geschichte kein Happy End haben wird: Eine brennende chilenische Fahne, dahinter der zerbombte Präsidentenpalast La Moneda in Santiago. Auf dem Boden davor eine zerborstene schwarze Hornbrille, das Glas zersprungen. Man muss kein Lateinamerika-Experte sein, um zu ahnen, dass es sich hierbei um die berühmte dunkelrandige Brille von Salvador Allende handelt, die in linken Kreisen wohl einen ähnlichen Kultstatus genießen dürfte wie Che Guevaras Baskenmütze - und dass der chilenische Präsident zu diesem Zeitpunkt längst tot ist.

Am 4. September 1970 begann mit der Wahl des Sozialisten Salvador Allende zum chilenischen Regierungschef eines der spannendsten Kapitel der jüngeren Geschichte Chiles, das schon drei Jahre später, am 11. September 1973, durch einen US-gestützten Militärputsch sein jähes Ende fand. Was in der Zwischenzeit geschah, erzählen Autor Carlos Reyes und Illustrator Rodrigo Elgueta in ihrer Graphic Novel »Die Jahre von Allende«. Anders als es der nüchterne Titel vermuten lässt, informiert diese eindrucksvoll von den politischen und sozialen Kämpfen dieser Zeit in klaren, ausdrucksstarken Bildern.

Allende war der Kandidat der Unidad Popular, einem breiten Bündnis aus Sozialisten, Kommunisten, Linksliberalen und kleineren linken Parteien. Der Protagonist des Comics ist ein gewisser John Nitsch - ein fiktiver US-amerikanischer Journalist, der als Korrespondent aus Chile berichtet hat und sich nun an das Erlebte erinnert: Das dramatische Ende der sozialistischen Regierung, vor allem aber an die Höhen und Tiefen der drei Jahre zuvor, in denen die Allende-Regierung versuchte, das südamerikanische Land politisch umzukrempeln.

Mit der Graphic Novel wagen Reyes und Elgueta ein interessantes Experiment. Schließlich versuchen sie nicht nur, den Sound einer Epoche einzufangen, sondern auch die recht komplexen politischen Entwicklungen in Allendes Regierungszeit visuell und mit wenigen Worten zu erklären. Das ist ziemlich ambitioniert, zumal sie in ihrem Werk so viele Ereignisse streifen und politische Akteure benennen, dass Leser*innen manchmal den Überblick verlieren könnten. Doch der Anhang erläutert dankenswerterweise Hintergründe.

Mit Liebe zum visuellen Detail erinnert der Band auch an viele Künstler*innen, die die politischen Ziele der Allende-Regierung unterstützten: an den politischen Liedermacher Víctor Jara ebenso wie an die kämpferische Plakatkunst jener Jahre, die zum Beispiel die Verstaatlichung der chilenischen Kupferminen begleitete. Das große Verdienst dieses Werkes ist es, die Aufbruchstimmung, Hoffnung und Freude dieser turbulenten Jahre wieder lebendig werden zu lassen, ohne die politischen Fakten aus den Augen zu verlieren.

Reporter John Nitsch bemerkt rasch, dass sich die Volksfront-Regierung Allendes nicht nur gegen die konservative Elite des Landes behaupten muss, die genauso wie die USA durch die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien ihre wirtschaftlichen Interessen bedroht sieht und ein zweites Kuba fürchtet. Die Allende-Regierung wird auch von radikal linken Kräften attackiert, denen der sozialistische Präsident zu viele Zugeständnisse an die Konservativen macht.

»Vielleicht stimmte die These, dass der chilenische Weg zum Sozialismus keine wahrhafte Veränderung der Gesellschaftsstrukturen bewirken konnte, solange man bemüht war, den Spielregeln der Demokratie zu folgen«, notiert Nitsch nachdenklich. »Genau damit aber hatte er sich die Beachtung erarbeitet, die man ihm schenkte - die Sympathie der vielen.« So sitzt Präsident Allende ständig zwischen den Stühlen, wie der Band am Beispiel des Staatsbesuchs von Fidel Castro treffend erläutert. Während die Linke den kubanischen Revolutionsführer bejubelt, schürt der Besuch bei der Rechten die Angst vor einer kommunistischen Herrschaft im Chile. Als Geschenk hat Castro eine Kalaschnikow mitgebracht, darauf eingraviert der Spruch: »Meinem Freund Salvador Allende, der mit anderen Mitteln dasselbe Ziel zu erreichen versucht.«

Doch dem Präsidenten rennt längst die Zeit davon. Am 11. September 1973 übernimmt das Militär die Macht, die Luftwaffe bombardiert den Präsidentenpalast. Dramatische schwarz-weiße Bildsequenzen zeigen, wie Allende trotz der Übermacht bis zum Schluss die Stellung hält. Ein Radiosender überträgt seine letzten Worte: »Werktätige meines Vaterlandes! (…) In diesen düsteren und bitteren Augenblicken, in denen sich der Verrat durchsetzt, sollt ihr wissen, dass ihr früher oder später, sehr bald, erneut die großen Alleen aufstoßen werdet, auf denen der würdige Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht.« Angesichts der politischen Massenproteste in Chile gegen die neoliberale Regierung im Herbst vergangenen Jahres wirken die pathetischen Worte fast prophetisch.

Mit der Kalaschnikow, die ihm Castro geschenkt hat, nimmt sich Salvador Allende in aussichtsloser Lage das Leben. Da ist sie wieder - die bekannte Hornbrille des Präsidenten, wie sie am Ende des Buches wie in Zeitlupe zu Boden fällt: Zerbrochen und zersplittert wie der politische Traum eines demokratischen Sozialismus, der abrupt und blutig zu Ende geht.

Carlos Reyes / Rodrigo Elgueta: Die Jahre von Allende. A.d. Span. v. Lea Hübnder. Bahoe books, 144 S., geb., 24 €.

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