Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Wir waren nicht genügend darauf vorbereitet«

Orlando Mardones, ein chilenischer Arbeiter, erzählt von einer Zeit der Hoffnung und des Terrors

Am 11. September 1973 spricht er auf einer Gewerkschaftsversammlung. In Talca sei noch alles ruhig gewesen, berichtet Orlando Mardones. »Abends sahen wir im Fernsehen die Ereignisse in Santiago, die Flugzeuge über dem Präsidentenpalast.« Freunde raten ihm: »Verschwinde, versteck dich!« Doch er meint: »Warum? Ich habe keine Verbrechen begangen.« Und ahnt doch, was auf ihn kommen könnte: Verhaftung, die Trennung von der Familie, vielleicht der Tod.

Der 1946 geborene Sohn eines chilenischen Landarbeiters und der Tochter eines Gutsverwalters, die zu jung geheiratet haben und deren Ehe früh zerbricht, wächst bei seiner Großmutter in einer ärmlichen Hütte ohne Strom, ohne sanitäre Anlagen auf, verlebt dort trotzdem die »glücklichste Zeit« seiner Kindheit, die ansonsten »ohne Wärme, ohne Liebe« war. Nach dem Tod der Großmutter kommt er bei Onkel und Tante unter, muss mit 14 sein eigenes Geld verdienen, ist Handlanger, Tagelöhner. Mit 18 tritt er seinen Militärdienst an, findet ihn »ziemlich trostlos«, ärgert sich über das »patriotische Getue«. 1965 beginnt er bei der Empresa Nacional de Electridad (ENDESA), der größten chilenischen Elektrizitätsgesellschaft, für die auch Onkel Cándido arbeitet, und ist am Bau des Kraftwerkes am Rio Rape beteiligt; in Akkordarbeit. Er politisiert sich. In den wenigen Jahren, in denen er bei seinem Vater lebte, hat er Kraft und Risiko der Solidarität erfahren. Der Vater war entlassen worden, nachdem er einem willkürlich gekündigten Holzfällerkollegen beigestanden hatte. 1966 wird Orlando Mitglied der KP Chiles, zwei Jahre darauf zum ersten Mal in den Gewerkschaftsvorstand bei der ENDESA gewählt, eine ehrenamtliche Tätigkeit. Er kämpft um Tarife und Mindestlöhne, Arbeitszeiten, Betriebsrenten und Sicherheit am Arbeitsplatz. Es gibt unsittliche Angebote seitens des Unternehmens: »Einmal sagte einer der Chefs beiläufig: ›Sie fordern immer irgend etwas für Ihre Kolegen - verlangen Sie doch mal was für sich selbst. Wir können da schon etwas für Sie tun.‹« Orlando geht auf die Bestechungsversuche nicht ein. »Sehr wichtig war für mich das Bewusstsein, Teil der internationalen kommunistischen Bewegung zu sein. Die Sowjetunion - das war für mich das Land der ersten sozialistischen Revolution, das Land, das den Faschismus besiegt hatte, die antikolonialen Bewegungen unterstützte. Zugleich hatte ich eine idealisierte Vorstellung von der sowjetischen Gesellschaft«, gesteht Orlando Mardones.

Lateinamerika ist in den 60er Jahren ein Kontinent im Aufbruch: die kubanische Revolution, die Tupamaros in Uruguay ... »Die Linke war in der Offensive, und auch in Chile schienen die Chancen für radikale Veränderungen immer größer zu werden.« Ein Generalstreik der chilenischen Arbeiter vereitelt den Putschversuch des ultrarechten Generals Roberto Viaux 1969 gegen die Regierung unter dem Konservativen Eduardo Frei, der seine Reformversprechen geggenüber dem Volk dann doch nicht einhält. Schon 1964 hat Orlando die Präsidentschaftskandidatur des Sozialisten Salvador Allende unterstützt, der 1970 mit 37 Prozent der Stimmen gewählt wird. Während eines internationalen Gewerkschaftskongresses im Oktober des Jahres in Lima beglückwünschen Delegierte anderer Staaten Orlando zum Wahlsieg der Unidad Popular (UP) - »das war sehr bewegend«. Heute resümiert er: »Ich glaube, manche haben damit sogar mehr Hoffnungen verbunden als wir selbst.« Noch in Lima erhält er die Nachricht von der Ermordung des UP-loyalen Generals René Schneider: »Das war ein schlimmes Vorzeichen.« Orlando Mardones beklagt zugleich: »Die Gewerkschaften, die Linke waren nicht genügend darauf vorbereitet, eines Tages die politische Mach in unsere Hände zu nehmen.« Der Spagat zwischen den Interessen der Beschäftigten und denen des Staates sei nicht geglückt. Der Gewerkschaftsfunktionär spricht von »politischer Unerfahrenheit der Arbeiter, aber auch Fehlern der Regierung, die ihre Politik nur unzulänglich vermittelte«.

Tragisch und folgenreich die Streiks in der Kupfermine El Teniente. Fabrik- und Minenbesitzer unternehmen alles, um die Arbeiter zu spalten und gegeneinander aufzubringen. Ende 1972 boykottieren Transportunternehmer und Ladenbesitzer die UP-Regierung. Die Lebensmittel werden knapper. Obwohl keiner hungern muss, kommt es zu »Demonstrationen der leere Töpfe«, organisiert von Frauen aus begüterten Schichten. »1973 spitzte sich die Situation im Land zu. Die Rechte wurde aggressiver.« Dennoch gewinnt die Unidad Popular im März sogar 43 Prozent Zustimmung. »Das war wie ein Plebiszit«, ist Orlando Mardones überzeugt.

Am Morgen des 12. September ’73 wird der Kommunist und Gewerkschafter verhaftet, verhört und geschlagen, mit Elektroschocks traktiert: »Die Folterungen waren schlimm. Einmal stand ich im Flur einer Kaserne neben einem Mädchen, das zur MIR, einer linksradikalen Gruppe, gehörte. Die Soldaten hatten ihr eine Flasche in die Vagina gestoßen und ihre Brüste mit Zigaretten verbrannt. Sie konnte sich kaum noch bewegen. Sie blutete stark.« Orlando muss an seine Tochter denken und fragt sich, ob er auch noch schweigen würde, wenn Pinochets Büttel sie vor seinen Augen vergewaltigen würden. Er wird in das berüchtigte Lager von Chacabuco verschleppt, der »Salpeterstadt«, zwei Jahre darauf ins KZ Tres Álamos. Nach seiner Entlassung findet er nirgends eine Anstellung. Dank Amnesty International kann er 1978 in die Bundesrepublik emigrieren, ist als Metallarbeiter in Westberlin tätig, betreibt heute ein lateinamerikanisches Restaurant in Neukölln und wird noch immer von Alpträumen geplagt.

Orlando Mardones erzählte seine Geschichte dem Journalisten Winfried Roth. Die Erinnerungen illustrieren private Fotos und Arpilleras, folkloristische Stoffbilder von Frauen politischer Häftlinge der Junta.

Orlando Mardones: »Mensch, du lebst noch?« Ein chilenischer Arbeiter erzählt von der Zeit Allendes und Pinochets. Edition AV, 101 S., br., 14 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln