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Der zweite Sonntag im September

Mahnung und Erinnerung

  • Von Hans Coppi
  • Lesedauer: 3 Min.

An diesem Sonntag ist es wieder soweit. Seit Jahren erinnern sich an jedem zweiten Sonntag im September in Berlin und weiteren Orten Demokraten und Antifaschisten verschiedener weltanschaulicher und politischer Positionen sowie sozialer Herkunft der Opfer des deutschen Faschismus, verbunden mit dem Gedenken an die Opfer rechtsradikaler Gewaltakte heute. So wird es auch am kommenden Sonntag sein. Der Tag der Erinnerung und Mahnung, heute zugleich Aktionstag gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus, hat eine lange Tradition. Überlebende der Konzentrations- und Vernichtungslager hatten bereits im Juli 1945, zwei Monate nach der Befreiung vom Faschismus, vorgeschlagen, in Berlin mit einer großen Veranstaltung der Verfolgten des Naziregimes zu gedenken. Nach Genehmigung seitens der vier Besatzungsmächte rief der Berliner Magistrat dazu auf, am 9. September 1945 den »Tag der Opfer des Faschismus« zu begehen.

Bereits am Vortag fanden in allen Stadtbezirken, an vielen Schulen und in Betrieben Gedenkfeiern statt. An Häuserruinen, in Straßen und an Zugängen zu U-Bahnschächten - überall waren Transparente angebracht und wehten Fahnen mit Trauerflor. Gottesdienste der Evangelischen und Katholischen Kirche leiteten den Gedenktag ein. Vor Häusern, in denen ermordete Nazigegner gewohnt hatten, erinnerten Blumen sowie kurze Texte und Fotos an deren Leben, Widerstand und Sterben. Am frühen Nachmittag des 9. September zogen dann 30 Demonstrationszüge durch die Stadt. Ihr Ziel war die »Werner-Seelenbinder-Kampfbahn«, das Neuköllner Sportstadion, in dessen Mitte sich ein vom Baustadtrat Hans Scharoun entworfenes Ehrenmal mit der Inschrift »Die Toten mahnen die Lebenden« erhob, umrahmt von 14 Flaggen der von Nazideutschland jahrelang besetzten und aufgeplünderten Staaten Europas. An die 100 000 Menschen, darunter viele einst Verfolgte, Verschleppte, Vertriebene sowie Hinterbliebene der Ermordeten, standen dicht gedrängt beieinander, als der Trauermarsch von Frédéric Chopin erklang. Der Schauspieler Ernst Wilhelm Borchert rezitierte Johannes R. Bechers »Kinderschuhe von Lublin«, eine berührende Hommage an die jüngsten Opfer des dortigen Ghettos, von den Nazis kurz nach dem Überfall auf Polen eingerichtet. Schließlich wurden »Unsterbliche Opfer« - ein russisches Revolutionslied - und das Moorsoldaten-Lied, »Hymne« der Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor bei Papenburg im Emsland, angestimmt.

Der Tag der Opfer des Faschismus, kurz OdF-Tag, war in den frühen Nachkriegsjahren der erste gesamtdeutsche Gedenktag für für alle Ermordeten, Verfolgten und Vertriebenen, auch jener in den von Hitlerdeutschland überfallenen und besetzten Ländern. Die Erinnerung an sie bildete ein Gegengewicht zu dem unter den Deutschen weit verbreiteten diffusen Gefühl der »Katastrophe« und vermittelte Anstöße für ein Nachdenken über das Ausmaß der von der Mehrheitsgesellschaft geduldeten Verbrechen.

Mit Beginn des Kalten Krieges und endgültig nach der Gründung beider deutschen Staaten teilte sich das bis dahin von einem breiten antifaschistischen Konsens getragene, emotional berührende Gedenken in zwei konträre Erinnerungskulturen. 1990 verständigte sich dann ein breites Bündnis in Berlin, den zweiten Sonntag im September als Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung weiterzuführen.

Unser Autor, Sohn ermordeter Hitlergegner, ist Ehrenvorsitzender der Berliner VVN-BdA.

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