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Schwerer Abschied

Janine Wissler strebt an die Spitze der Linkspartei und hängt gleichzeitig sehr an ihrer Arbeit in Hessen

  • Von Hans-Gerd Öfinger, Wiesbaden
  • Lesedauer: 4 Min.

»Ich habe mir sehr lange und gut überlegt, ob ich kandidieren soll und weiß, dass dies eine große, große Veränderung in meinem Leben wird«, erklärte Wissler, deren Bewerbung um den Parteivorsitz der Linken quer durch die Partei viel Zuspruch gefunden hat. Auch eine Doppelspitze mit der ebenfalls kandidierenden Thüringerin Susanne Hennig-Wellsow könne sie sich »sehr gut vorstellen«, betonte sie. Beide kennen sich seit Jahren aus der Runde der Fraktionschefs und aus dem intensiven Austausch der beiden benachbarten Landesverbände.

Sie sei »immer noch begeistert vom Projekt und der historischen Errungenschaft einer linken Partei, in der verschiedene Strömungen und Traditionen unter einem Dach gemeinsam handeln«, so Wissler, die nach sechs Jahren als Vizechefin auch die Bundespartei gut kennt. Schließlich ist sie landauf landab seit Jahren gefragte Rednerin bei Parteitagen, Wahlkämpfen und Aschermittwochstreffen. Doch wenn ihr Engagement als Parteichefin längerfristig und nachhaltig sein soll, wird sich ihre Aktivität zwangsläufig von Hessen auf die Bundesebene verlagern.

Dieser Abschied scheint ihr schwer zu fallen. Hessen ist das einzige größere westdeutsche Flächenland, in dem die 2007 gegründete Partei viermal in Folge in den Landtag einzog. Wissler gehört zur »Erstbesetzung« der Fraktion, die sich im April 2008 konstituierte. Gleich in der ersten Stunde outete sie sich damals im Plenum als jüngste Abgeordnete und Schriftführerin zum Entsetzen gestandener Parlamentarier mit einem bunten T-Shirt der Bewegung gegen Studiengebühren. »Ich hänge an der Arbeit im Landtag und mache das gerne«, so die 39-Jährige über ihren »sinnvollen Einsatz in Hessen«. So will sie den Fraktionsvorsitz mindestens bis zur Bundestagswahl 2021 behalten. Auch den Vorsitz im Wirtschaftsausschuss werde sie nicht aufgeben. »Nachdem ich in der ›FAZ‹ gelesen habe, dass meine Personalie Neoliberale und Kapital in Angst und Schrecken versetzt, konnte ich nicht zurücktreten«, so die Abgeordnete, die einst bei Bürgerlichen als »Trotzkistin« verpönt war und sich über Jahre bei Freund und Feind einen Ruf als schlagfertige Debattenrednerin erworben hat. Ob sie sich 2021 um ein Bundestagsmandat bewerben werde und als Spitzenkandidatin bereit stehe, ließ sie offen. »Alles zu seiner Zeit. Ich schließe das nicht aus. Es muss mit allen Beteiligten geklärt werden«, so ihre Antwort.

Auch den Ko-Vorsitz im Frankfurter Linke-Kreisverband will Wissler regulär bis Anfang 2021 behalten. Einen vorzeitigen Rückzug mitten in der Vorbereitung der Kommunalwahl im März 2021 wolle sie der Partei nicht zumuten. Auf jeden Fall werde sie Frankfurter Erfahrungen in die Bundespolitik einbringen. Schließlich habe der Kreisverband kürzlich die 750-Mitglieder-Marke geknackt. »Die Linke muss Mitgliederpartei sein und die meisten Mitglieder sitzen nicht in Parlamenten.« Noch stärker als bisher müssten die Milieus zusammengeführt werden - Industriearbeiter, Gewerkschafter, Hartz-IV-Empfänger, Seebrücke- und Klimaaktivisten und andere. Die Partei sei »für die kleinen Leute da, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen und sich täglich um ihr Überleben, Miete, Altersarmut oder Finanzierung des Studiums ohne Bafög sorgen«, so ihre Überzeugung. Die Partei müsse einen »Pol der Hoffnung von links« bilden und dürfe das Ziel einer »grundlegenden Veränderung der Macht- und Eigentumsstrukturen niemals aufgeben«, mahnt sie. Auch die Klimakrise lasse sich »ohne Beschneidung der Macht der Konzerne nicht lösen«, so ihre Botschaft.

Und wie hält es die designierte Parteichefin mit Rot-Rot-Grün im Bund und der von Gregor Gysi jüngst geforderten Kompromissfähigkeit? »Die hessische Erfahrung zeigt, dass wir auch aus der Opposition heraus und durch Druck von unten Veränderungen erreichen können«, ist sie überzeugt. So hätten SPD, Grüne und Linke 2008 ohne Koalition die Studiengebühren an staatlichen Hochschulen abgeschafft. Doch auch für eine Regierungsbeteiligung zeigte sie sich offen und erklärte, dass man natürlich kompromissfähig sein müsse. »Aber der Kompromiss muss in die richtige Richtung gehen und am Ende müssen Verbesserungen rauskommen«, so Wissler. »Auf jeden Fall werden wir Wahlkampf mit eigenen Ideen und nicht mit Kompromissen führen«, stellt sie klar. Bei Kriegseinsätzen der Bundeswehr sehe sie allerdings keine Kompromisslinien. »Krieg verschärft die Probleme und ein bisschen Krieg gibt es genau so wenig wie ein bisschen schwanger«, so ihre Überzeugung.

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