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  • internationale Beziehungen

Lieber Peking als Washington

China wird in der deutschen Bevölkerung mehr und mehr als Partner betrachtet. Das Ansehen der USA unter Trump fällt deutlich

  • Von Jens Brückner
  • Lesedauer: 4 Min.
Donald Trump, Präsident der USA, äußert sich neben Liu He, Vizepremier von China, vor der Unterzeichnung des Handelsabkommens.
Donald Trump, Präsident der USA, äußert sich neben Liu He, Vizepremier von China, vor der Unterzeichnung des Handelsabkommens.

Man kann schwerlich behaupten, in der deutschen Öffentlichkeit würde ein zu positives China-Bild gezeichnet. Sicher gibt es Ausnahmen, die bei aller angebrachten Kritik an den politischen Umständen des autoritär geführten Landes auf eine dennoch differenzierte Betrachtung Wert legen. Der vorherrschende Tenor der Berichterstattung allerdings heizt eher ein Denken neuer Systemkonkurrenz zwischen »dem Westen« oder »Europa« und dem chinesischen Modell an.

Umso auffälliger sind Ergebnisse von jüngeren Befragungen in der Europäischen Union und der Bundesrepublik, die auf ein deutlich wachsendes Ansehen Chinas hindeuten. Im Mai machten Zahlen einer von der Körber-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie die Runde, laut denen 36 Prozent der Bundesbürger*innen meinen, die Beziehungen zu China seien wichtiger als die zu den USA – ein Anstieg von 12 Prozentpunkten gegenüber September 2019. Umgekehrt sagten nur noch 37 Prozent, dass die USA wichtiger als China als Partner außerhalb Europas seien. Im vergangenen September waren es noch 50 Prozent.

Dass das transatlantische Band ziemlich ausgeleiert ist, seit Donald Trump dort seinen autoritär-isolationistischen Rechtskurs durchsetzt, überrascht dabei weniger als der Ansehensgewinn Chinas. Dass unter den 18- bis 34-Jährigen sogar 46 Prozent angaben, dass die Beziehungen zu China wichtiger seien als die zu den USA, lässt erahnen, dass sich der Trend auch künftig fortsetzen könnte.

Interessant sind Hinweise darauf, welche Rolle die Covid-19-Pandemie dabei spielt. So sagen 36 Prozent der Befragten, sie würden China kritischer als zuvor sehen; was in der die Studie begleitenden Berichterstattung auch auf – in der hiesigen Presse stark zum Thema gemachte – Versuche der chinesischen Behörden zurückgeführt wird, zu Beginn der Krankheitswelle den Ausbruch zu vertuschen. Auf der anderen Seite sagen 25 Prozent, ihr Bild von China sei positiver geworden. Ob dabei die erfolgreichen Lockdown-Maßnahmen eine Rolle gespielt haben oder Pekinger Hilfslieferungen, ist genau nicht zu ermitteln. Indizien, dass sich darin auch ein verbreitetes Bild von China als einflussreichem Weltakteur niederschlägt, gibt eine im Juni 2020 vom German Marshall Fund, der Bertelsmann-Stiftung und dem Institut Montaigne beauftragte Studie.

Für diese waren in Frankreich, Deutschland und den USA Befragungen unter anderem zum Chinabild unternommen worden. Ergebnis: In allen drei Ländern hat sich die Meinung über Peking gegenüber dem Januar stark verändert. Sahen zu Beginn des Jahres 12 Prozent der Befragten in Deutschland, 13 Prozent in Frankreich und 6 Prozent in den USA China als das einflussreichste Land an, waren es im Mai bereits 20, 28 und 14 Prozent. Martin Quencez vom German Marshall Fund verwies zu dieser Dynamik darauf, dass der chinesische Einfluss in der Welt vor der Corona-Krise »eine Art abstrakte Idee« gewesen sei. »Wenn man an die Abhängigkeit von China zum Beispiel bei Masken und medizinischer Ausrüstung denkt, ist dies aber sehr viel konkreter geworden.«

Europas Blick auf China war bereits im Herbst Thema einer EU-weiten Meinungsumfrage, die von der Bertelsmann-Stiftung initiiert wurde. Rund die Hälfte der befragten Europäer*innen gab dabei an, dass in ökonomischen Belangen ihr jeweiliges Heimatland sowohl mit China als auch mit den USA Interessen teile. In der Bundesrepublik lag ihr Anteil mit 58 Prozent klar über dem europäischen Durchschnitt.

Dass hierzulande das China-Bild von dem in anderen als westlich bezeichneten Staaten abweicht, zeigt auch die Tatsache, dass 32 Prozent der Bundesbürger*innen China als Partner ansehen während es im EU-Schnitt lediglich ein Viertel ist. Auch die Sichtweise, in der China vor allem als Wettbewerber betrachtet wird, ist hierzulande weniger verbreitet (38 Prozent) als im europäischen Schnitt (45 Prozent). Auch bei den mit China geteilten »politischen Interessen« liegen die bundesdeutschen Werte (12 Prozent) über denen des EU-Durchschnitts (9 Prozent).

»Die Umfrage zeigt außerdem, dass die China-Debatte in der Öffentlichkeit bisher emotional nicht sonderlich stark aufgeladen ist«, heißt es weiter in der Studie. Von den in der Bundesrepublik befragten Personen sagten zwei Drittel, ein Gespräch über China im Bekannten- oder Freundeskreis verlaufe positiv oder neutral. Das ist umso auffälliger, weil sich solche Unterhaltungen meist um Menschenrechtsfragen (53 Prozent), um ökonomische Fragen (52 Prozent) oder um Chinas »Aufstieg zur globalen Macht« (40 Prozent) drehten. Zum Vergleich: Über Reisen (17 Prozent) oder Chinas Kultur (26 Prozent) sprachen weit weniger Bundesbürger*innen laut dieser Umfrage.

Gefragt wurde auch nach einer Einschätzung des Einflusses Chinas auf das persönliche Arbeits- und Berufsumfeld. Während auf den Wirtschaftsseiten großer Zeitungen oft von einer starken oder gar gefährlichen Tendenz die Rede ist, scheint das in der Lebensrealität der allermeisten Menschen ganz anders auszusehen. 81 Prozent der Befragten in der BRD gaben an, China spiele in ihrem Berufsleben keine Rolle – nur 12 Prozent meinten, in ihrer Berufsbranche spiele China eine Rolle.

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