Jeja nervt

Ich komme nichtbinär in dein Gesundheitssystem

Mann? Frau? Seit Ende 2018 gibt es den Geschlechtseintrag »divers«. Diese Realität der Vielfalt ist aber längst noch nicht in den Behandlungszimmern der Ärzt*innen angekommen.

Von Jeja Klein

»Kein April-Scherz - AfD deckt auf: Nackte Zahlen entlarven «drittes» Geschlecht als GenderGaga!«. So jubelte die Hauptstadt-AfD zum ersten April dieses Jahres über eine Antwort des Berliner Senates zum Geschlechtseintrag »divers«. Erst 43 Berliner*innen hatten da die seit Ende 2018 existierende Geschlechtsmöglichkeit bei sich eintragen lassen.

Ich bin Jeja Klein und von nun an nerve ich ein mal die Woche via Kolumne. Und was nervt am meisten? Na klar, dieses »Gender«! »Offiziell« bin ich nicht Jeja Klein. Um so heißen zu dürfen, brauche ich ein Attest, das mir das Vorliegen einer »Variante der Geschlechtsentwicklung« bescheinigt. Der Gesetzgeber fand, »Variante«, das sei ein gutes Wort, um die »Anderen« zu markieren. Als seien handelsübliche Männer oder Frauen keine »Varianten«. Wer erklärt es dem Horst im Innenministerium?

Warum wollen so wenige Leute jetzt diesen Geschlechtseintrag, wenn doch vorher auf allen Kanälen für die verrückten Bedürfnisse queerer Minderheiten getrötet worden war? Ich zum Beispiel habe mich von Anfang an mit dem Gedanken herumgeschlagen, auch auf meinen Papieren aus dem Schutz eines der zwei »eigentlichen« Geschlechter heraus zu treten und »divers« zu sein. Ich verstehe mich als nichtbinär. Das heißt: weder bin ich ein Mann, noch eine Frau. Allein: Angst hielt mich zurück. Das Verfassungsgericht hatte 2017 geurteilt: ja, auch solche Menschen wie ich haben ein Recht auf Anerkennung ihres Geschlechtes. Es hatte nämlich festgestellt, »dass sich das Geschlecht nicht allein nach genetisch-anatomisch-chromosomalen Merkmalen bestimmten oder gar herstellen lässt«. Der Körper gibt also keine hinreichende Auskunft über die zu schützende Identität. Man muss im Zweifelsfall nachfragen. Sah meine Hausärztin neulich nicht so. Sie fand, ich müsse erst mal auf den Gynäkologenstuhl, es brauche einen »körperlichen Befund«. Die sozialen und psychischen Faktoren, von denen das Gericht sprach, sollten sich also mit einem geschulten Blick zwischen meine Beine klären lassen. Sah ich nicht so. Half mir aber nicht.

Also die eigene Würde auf »lautlos« gestellt, dem Befund geklärt und eingereicht. Wieder in der Praxis ließ sich meine Ärztin urlaubsbedingt von ihrer Kollegin vertreten. Ich erklärte aufs Neue die Situation. »Transsexuelle«, sagte die Kollegin darauf, die sehe man ja ab und an in Fernsehshows, beim Tanzen oder beim Singen. Frauen, Männer. Ob das denn nichts für mich sei. Die seien mit ihrem Geschlecht zufrieden. Ich: »Nein.« Hm. Das ist ja interessant. Das hat man ja nicht jeden Tag. Ich sage ihr, dass ich das jeden Tag habe. Fand sie nicht einleuchtend. »Nein, ich meine, ich als Ärztin!« Sie wird wütend. Ich bin ihr wohl nicht demütig genug. Sie fragt mich zu meinen Genitalien aus, obwohl alles im Befund steht. Ich sage ihr, dass ich‘s nicht so pralle finde, mein Leben lang immer »interessant« zu sein und dass ich eigentlich keine Fragen zum Inhalt meiner Unterhose beantworten will. Ob ich mich nicht als Frau fühle? Ne, deshalb bin ich ja hier. Ob ich mich denn »wirklich« als »divers« fühle? Ich gucke wie ein Auto. »Wieso gehen Sie damit nicht zur Gynäkologin oder Endokrinologin?« Auf mal will sie, dass ich die Tür öffne: »wegen Corona«. Ich öffne sie. Jetzt soll ich raus gehen. Sie berede sich kurz. Sie und eine Arzthelferin bitten mich wieder rein. Sie dürften das gar nicht ausstellen, das gäbe Ärger. Ich will ihnen sagen, dass das nicht stimmt, aber ich komme nicht weit: beide fallen mir gleichzeitig schreiend ins Wort. Ich sage, dass ich‘s nett fände, wenn sie mich ausreden ließen. Das Attest habe ich bereits abgeschrieben. Ich biete Ausfahrten, das Gespräch gütig zu beenden. Doch sie sehen sich im Recht. »Frau Klein!«, so fangen ihre Sätze an.

Einige weitere Kommentare über meinen Körper später verlasse ich die Praxis. Ohne Attest, dafür mit Tränen in den Augen. Ich fühle mich mal wieder wie ein Aprilscherz. Warum nur wollen so wenige Leute »divers« sein?

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