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Wollte nach dem Spiel keine Fragen von nd-Reporter Eckhart Galley (2.v.l.) beantworten: Matthias Sammer
DDR

Und der Zukunft zugewandt

Vor 30 Jahren sagte die DDR-Elf mit einem 2:0 in Belgien Adieu. nd-Reporter Eckard Galley erinnert sich

Von Eckard Galley

Wir machten uns am frühen Morgen des 12. September mit einem Wartburg auf den Weg Richtung Belgien: zwei nd-Reporter und zwei Kollegen von der »Jungen Welt«. Für uns war es die Abschiedstour vom internationalen Fußball, denn am Abend wurde im Anderlechter Constant-Vanden-Stock-Stadion die DDR-Nationalelf zu ihrem letzten Auftritt gebeten. Genau gesagt war es eine DDR-Vierzehn, denn mehr Spieler hatte Trainer Eduard Geyer nicht mehr zusammentrommeln können.

Seine Vorzeigefußballer Andreas Thom, Thomas Doll, Rainer Ernst, Ulf Kirsten und Matthias Sammer hatten - aus heutiger Sicht verständlich - längst bei Bundesligaklubs unterschrieben. Die DDR-Elf war ihnen nicht mehr wichtig. So verpassten die meisten von ihnen die vom Stadiontechniker eingespielten drei Strophen der DDR-Nationalhymne: »Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland!« Für dieses Abschiedspiel der passende Begleittext!

Diese elf Fußballer schickte Geyer auf den Rasen: Tor: Jens Schmidt. Abwehr: Detlef Schößler, Heiko Peschke, Andreas Wagenhaus. Mittelfeld: Heiko Scholz, Jörg Schwanke, Jörg Stübner (†), Dariusz Wosz. Angriff: Heiko Bonan, Uwe Rösler, Matthias Sammer. Eine B-Elf? Nicht ganz. Einige Namen sind noch heute geläufig. Vor allem natürlich der von Sammer. Er war damals einer der gefragtesten Spieler. Aus Dresden führte ihn sein Weg über den VfB Stuttgart, Inter Mailand, Borussia Dortmund, den DFB und Bayern München heute zurück nach Dortmund - als Berater der Klubführung.

Beim Adieu-Spiel gegen die Belgier, die damals wie heute zu Europas Spitze zählen, legte sich der 23-jährige »Rotschopf« mächtig ins Zeug. Er traf in der 72. Minute zum 1:0. Es war der 500. Treffer der DDR-Auswahl. Vielleicht war dem Torschützen die Zahl zu rund, denn er setzte mit seinem 2:0 in der 89. Minute noch einen drauf.

Jubel bei den DDR-Schreibern

Die kleine DDR-Schreibermeute auf der Tribüne war happy, noch mehr natürlich die 14 Nationalspieler da unten auf dem Rasen. 14? Ja, denn Geyer hatte allen, die zu diesem Spiel mitfuhren, ein Versprechen gegeben: »Jeder spielt«. So kamen noch Stefan Böger, Torsten Kracht und Torwart Jens Adler aus Halle an der Saale ins Spiel. Letzterer war somit der letzte Fußballer in 293 Länderspielen des Landes. Adler bestritt danach noch ein Spiel für Hertha BSC in der zweiten Bundesliga. Sein Sohn René sollte später als Bundesligakeeper (Leverkusen, HSV) und Nationaltorwart Berühmtheit erlangen.

Nach dem Abpfiff - unsere Berichte hatten wir längst in die Heimatredaktionen durchgegeben - wartete die kleine »Wartburg«-Schar vor der Kabine von Geyers Elf auf die Spieler. Vornehmlich natürlich auf den Doppeltorschützen Matthias Sammer. Ich hatte meine Fragen für ein Interview längst im Notizblock und keine Eile, gleich als erster an die Reihe zu kommen. Dann, als auch die belgischen Kollegen mit ihm fertig waren, wollte ich mit dem Gespräch beginnen. Auf meine erste Frage antwortete Matthias jedoch nur: »Von mir kriegen Sie nie mehr eine Antwort!« Oha. Das saß. Ich war konsterniert. Wir kannten uns doch gut! Und während ich rätselte, warum er gegenüber dem nd--Journalisten so schroff und abweisend war, stellten meine Kollegen ihre Fragen. Ich schrieb mit.

Oft schon habe ich über diese Szene nach dem 2:0-Sieg in Brüssel nachgedacht. Ich vermute, die Ablehnung 1990 hängt mit einer Episode im November 1988 zusammen. Die DDR-Elf unter Trainer Bernd Stange trat in Istanbul an, WM-Qualifikationsspiel. Man verlor 1:3. Tags zuvor hatte bereits die Nachwuchsauswahl ihr EM-Qualifikationsspiel in Istanbul bestritten, mit dem jungen Matthias Sammer als bestem Mann auf dem Platz. Im Hotel wohnten nun beide Mannschaften zusammen. Abends in der saßen in der Hotellobby drei Jungs aus der Nachwuchself, darunter Matthias Sammer. Ich gesellte mich zu ihnen, ein Bier in der Hand. Wir kamen ins Quatschen.

Als sich Sammer 100 Westmark für eine Lederjacke borgte

Plötzlich überraschte mich Sammer mit einer Bitte. Er fragte mich, ob ich ihm 100 DM borgen könnte, er wolle sich eine Lederjacke kaufen, habe aber nicht genug Westmark dabei. Nun saß ich in der Zwickmühle: Von meinem Valuta-Spesengeld für drei Tage hätte ich sie ihm leihen können. Aber würde ich das Geld je wiedersehen? Ich dachte positiv: »Gut, aber wann bekomme ich das Geld zurück?«, fragte ich und seine Antwort klang plausibel: »Dynamo Dresden spielt übernächsten Sonnabend beim 1. FC Union. Kommen Sie 45 Minuten vor Anpfiff zum Trainingsplatz. Dann kriegen Sie die 100 DM zurück.« Ich darauf: »Gut, dann machen wir das so.« Ich borgte ihm also das Geld, hatte aber in den Tagen danach ein mulmiges Gefühl: Würde der Jungspund Wort halten?

Ja, er hielt es! Meine Menschenkenntnis trog nicht. Umso überraschter war ich nun 1990 in Anderlecht, als mich Sammer derart brüskierte. Warum nur? Ein Grund könnte sein Vater gewesen sein. Der hatte 1986 als Trainer von Dynamo Dresden im Europapokal der Pokalsieger nach einem 2:0-Heimsieg gegen Bayer Uerdingen im Rückspiel eine 3:7-Schlappe erlitten und war vom DTSB gefeuert worden. Logisch, dass er angefressen war. Im Hause Sammer hatte man mit der DDR womöglich nicht viel im Sinn. Und zwei Jahre später kommt nun der Sohn mit dieser Lederjacke heim. Er dürfte seinen Eltern von den Umständen des Kaufs in Istanbul erzählt haben. Vielleicht ging die Geschichte so: Ein Genosse vom »nd« hat soviel Geld dabei, dass er mal locker 100 DM aus der Jackentasche ziehen kann! Während Matthias so gut wie kein Westgeld vom DDR-Fußballverband bekommt! Im Nachhinein könnte der Junior sauer über die Ungerechtigkeit gewesen sein und sich gesagt haben: »Wenn ich diesem nd-Mann noch mal begegne, schweige ich!«

War es so? Wir begegneten uns ein paar Jahre später noch einmal bei einer DFB-Festivität. Als ich ihn fragte, ob er sich an unsere Türkei-Geschichte von 1988 erinnere, erwiderte er kühl »Nein« und ließ mich stehen.

Die Zeiten waren verrückt, damals, vor 30 Jahren. Für mich ist das Kapitel Matthias Sammer abgeschlossen. Ich habe es hinter mir gelassen. Vergessen, so gut es geht..

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