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Antirassismus

Der Mythos von der Gegenwelt

Wie hierzulande einige Linke antimuslimische Klischees bedienen.

Von Fabian Goldmann

Wussten Sie, dass die nd-Redaktion voll von Rechtsradikalen ist? Vordergründig gibt man sich links, doch schon der Name der Zeitung zeigt: Am Franz-Mehring-Platz arbeitet man an der nationalistischen Umformung der Gesellschaft!

Sie wollen Beweise? Kein Problem. In einer Rezension neulich wurde der Philosoph und NS-Fan Martin Heidegger unkritisch erwähnt. Der Gründer des rechten Magazins »Compact« arbeite einmal beim »nd«. Einige Autorinnen sollen schon für Springer-Medien geschrieben haben. Um von der Geschichte der Zeitung in einem autoritären Regime gar nicht erst anzufangen.

Tendenziöse Stimmungsmache? Politische motivierte Irreführung? Totaler Blödsinn? Stimmt. Die Geschichte vom rechtsextremen »nd« ist reiner Quatsch. Sie verdeutlicht aber, wie hierzulande häufig über marginalisierte Gruppen berichtet wird. Abstruse Anschuldigungen, die sonst zu Kopfschütteln führen würden, sind gang und gäbe, wenn es um Muslime und Migrantinnen geht.

Ein schönes Beispiel hierfür ist neulich im »nd« erschienen. Unter der Überschrift »Links auf Deutsch, rechts auf Türkisch« schreibt Ilkay Çiçek über ein doppeltes Spiel türkeistämmiger Publizistinnen in Deutschland. Entgegen der Überschrift erfährt man im Text nur wenig über linke Deutsche oder türkische Rechte. Stattdessen liefert der Beitrag unfreiwillig ein Lehrstück über die Mechanismen rassistischer Stimmungsmache.

Eine der Beschuldigten: Die Publizistinnen Kübra Gümüşay. Diese gelte in der deutschen Öffentlichkeit als linksliberal, während sie, wie Çiçek nahelegt, auf Türkisch für rechtsautoritäre Positionen offen sei. Richtig ist daran, dass Gümüşay von vielen Linksliberalen tatsächlich gefeiert wird. Für ihr unermüdliches feministisches und antirassistisches Engagement. »Edition F« kürte sie zu einer von »25 Frauen, die unsere Welt besser machen«, das Forbes-Magazin führt sie als eine von 30 führenden jungen Medienpersönlichkeiten Europas. Der Grund: unzählige Kolumnen, Blogbeiträge, Vorträge und Hashtagkampagnen.

»Rechtsautoritär« ist nichts davon. Auch Çiçek hat offenbar keine konkreten Belege gefunden - außer einer einzigen Stelle in Gümüşays jüngstem Buch »Sprache und Sein«. Dort verweise sie auf den »Aleviten- und Judenhasser Necip Fazil Kisakürek«, moniert Çiçek. Eine unüberlegte Erwähnung, für die sich die Autorin entschuldigte. Bräuchte es nicht deutlich mehr, um eine der engagiertesten antirassistischen und feministischen Akteurinnen und in dritter Generation in Hamburg geborene Deutsche zur rechtsautoritären Türkin zu erklären?

Problematischer noch als dieses Othering selbst ist der Kontext, den diese dünne Argumentation voraussetzt. Es hat einen Grund, warum nicht ständig weiße Feuilletonistinnen aufgrund unkritischer Erwähnungen antisemitischer deutscher Dichter und Denker zur Persona non grata erklärt werden: Bei Mehrheitsdeutschen sind wir bereit zu differenzieren, abzuwägen, nachzufragen. Für Vertreter marginalisierter Gruppen gilt hingegen meist die Schuldvermutung. Der Flüchtling bleibt kriminell. Der Muslim frauenfeindlich und der Türke autoritär. Çiçek muss kein Rassist sein. Aber seine löchrige Argumentation funktioniert nur gegenüber einem Publikum, das nur allzu bereit ist, das Klischees vom autoritären Türken bedient zu sehen und im Gegenzug gern auf die nötigen Fakten verzichtet.

Auch im zweiten Beispiel bedient sich der Text dieses Effekts. Nun macht er den deutschen Journalisten Tarek Baé zum rechtsautoritären Türken. Dass es sich beim »türkischstämmigen« Baé in Wahrheit um einen in Berlin geborenen Sohn syrischer Eltern handelt, stört die Erzählung ebenso wenig, wie dass sich der Gescholtene auf seinen Kanälen überwiegend für Integrationsthemen stark macht. Und erneut hält sich Çiçek nicht mit der Analyse von Baés unzähligen Texten, Youtube-Videos oder Instagram-Posts auf, anhand derer man einschätzen könnte, wofür er wirklich steht. Erwähnt wird allein seine einstige Tätigkeit für die türkische Stiftung SETA. Diese wiederum habe Linke und Journalisten in einer ihrer jüngeren Studien in ein »PKK-Netz« eingeordnet. Nun steht SETA völlig zurecht wegen politisch motivierter Publikationen wie dieser und wegen ihrer Nähe zum AKP-Establishment in der Kritik. Dass aber auch Baé selbst SETA für ihre Katalogisierung von vermeintlichen oder tatsächlichen PKK-Anhängern kritisiert hat, erwähnt Çiçek ebenso wenig wie den Umfang von Baés früherem SETA-Engagement: zwei Texte und ein Workshop zu den Themen Moscheeangriffe, Pressefreiheit und Geschichte von Muslimen in Deutschland.

Dass es an Bewusstsein für die von ihm behauptete türkischsprachige Gegenwelt linker Publizisten mangele, habe einen einfachen Grund, erklärt Çiçek: »Wer in Deutschland versteht schon diese Sprache?« Tatsächlich ist der Grund noch viel einfacher: Es gibt dieses »doppelte Spiel« nicht. Gümsüay publiziert keine Bücher, in der sie auf einer für Deutsche unverständlichen Sprache Erdoğan huldigt. Baé betreibt keinen geheimen zweiten Youtube-Kanal, auf dem er auf Türkisch gegen Kurden hetzt. Çiçek inszeniert sich als Enthüller, wo es nichts zu enthüllen gibt.

Auch die linke Kritiklosigkeit ist ein Mythos. Texte wie »Links auf Deutsch, rechts auf Türkisch«, die mal diese, mal jene marginalisierte Gruppe zum Problem erklären, gehören zu den Konstanten deutscher Migrationsdebatten. Auch in linken Medien. Anders als von Çiçek dargestellt, müssen sich die von ihm gescholtenen Akteure ständig rechtfertigen. Gegenüber links und rechts, zu recht und zu unrecht. Und regelmäßig sind sie wegen irreführenden Anschuldigungen rassistischen Anfeindungen durch echte rechte Akteure ausgesetzt.

Über weite Strecken erinnert »Links auf Deutsch, rechts auf Türkisch« eher an eine private Abrechnung als an eine seriöse Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich relevanten Problem. Das ist umso bedauerlicher, als dass menschenverachtende Einstellungen natürlich auch vor migrantischen Communities nicht Halt machen. Von Dschihadisten bis türkisch-nationalistischen Grauen Wölfen gäbe es genügend, was sich kritisieren ließe. Doch anstatt das zu tun, bedient Çiçek in diesem Text rechte deutsche Islamisierungsparanoia und erklärt Linke und Muslime zum eigentlichen Problem.

»Ein rechtsislamisches Netzwerk« versuche Debatten zu monopolisieren, heißt es in dem Text an einer Stelle. Von einer »islamischen Rechten« an der »Vorfront antirassistischer Diskurse« an einer anderen. Am Ende landet der Autor beim richterlich gekippten Kopftuchverbot und kritisiert deutsche Linke für ihre Kritik an Berlins »Neutralitätsgesetz«. Was solche »linke Islamkritik« von rechten Verschwörungsmythen unterscheidet, wonach ein Bündnis aus Linken und Islamisten an der Islamisierung der Gesellschaft arbeite, ist dann am Ende nicht viel. Ein abstrakter Appell zu »säkularer Staatlichkeit« ist Çiçeks Versuch, die Forderung, Musliminnen ihre Grundrechte zu verweigern, für Linke anschlussfähig zu machen. Mit den realen gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen marginalisierte Gruppen auch aufgrund von Positionen wie dieser täglich mit Ausgrenzung und Gewalt konfrontiert werden, hat das alles nichts zu tun.

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