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Alternative Fakten

Alle reden vom Dax. Wir nicht! Vorschläge für alternative Fakten, über die Funk und Fernsehen öfter berichten könnten

Von Stephan Kaufmann, Eva Roth und Regina Stötzel

Über Funk und Fernsehen erreichen uns regelmäßig Neuigkeiten von zweifelhaftem Wert. So erfährt man mehrmals täglich, wie es dem Deutschen Aktienindex geht. Wieso eigentlich? Die meisten Menschen leben doch nicht von ihren Kapitalerträgen, sondern von ihren Löhnen.

Auch das Lottospielen wird medial gefördert. Dabei hatte ein SPD-Politiker schon in den 1950er Jahren gute Argumente gegen die FDP-Forderung, in Baden-Württemberg das Zahlenlotto einzuführen. Formel-1-Raser werden als Helden gefeiert und Raser auf öffentlichen Straßen vor Blitzern gewarnt. Diese Meldungen gehören zu dem »Verstaubtesten, was Radiosender zu bieten haben«, urteilt der Fahrradclub ADFC und hat viele Ideen für weniger altmodische Informationen.

Wir wollen auch nicht nur kritisieren, sondern ein paar Vorschläge machen für alternative Fakten, über die Funk und Fernsehen öfter berichten könnten: Nachrichten über echte Entwicklungen und Fakten, die wir echt relevant finden. Vorstellbar wäre auch, alternative Fakten zu schaffen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Lohnindex, den man jeden Abend kurz vor acht im Fernsehen betrachten kann?

Der arme Dax!

Der Rundfunk berichtet von vielen Orten auf der Welt, von einem jedoch regelmäßig: vom Aktienmarkt. »Guten Abend, herzlich willkommen an der Frankfurter Börse«, so hieß es auch Anfang August kurz vor der Tagesschau, im Hintergrund war wie immer der Verlauf des Deutschen Aktienindex (Dax) zu sehen. Wesentliche Aufgabe der Sendung scheint zu sein, den Menschen vor dem Bildschirmen beizubringen, dass der Aktienmarkt sie etwas angeht, auch wenn sie gar keine Aktien haben.

»Dass Politik und Wirtschaft und Finanzen miteinander zusammenhängen und Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft und auf einzelne Bürgerinnen und Bürger haben, das ist klar«, so begann der Börsenbericht, der im Weiteren die US-Sanktionen gegen China und Kanada thematisierte. Diese Sanktionen würden die »gebeutelte Wirtschaft« hart treffen, auch für die deutschen »Unternehmen und ihre Beschäftigten ist das schwierig«.

Damit hat die Berichterstattung kunstvoll alle Deutschen in ein großes Kollektiv verwandelt, das Partei für »die Wirtschaft« nehmen soll. Es gibt keine Gegensätze mehr zwischen Konkurrenten, zwischen Unternehmen und Gewerkschaften, zwischen Arm und Reich – alle sind vereinigt als Mitglieder eines Standortes. Und dessen Erfolg oder Misserfolg ist »auch an der Börse ablesbar« (Zoom auf den Dax-Chart). »Dort sorgten gute Exportzahlen für einen erfreulichen Wochenschluss, beim Deutschen Aktienindex stehen zum Schluss 12.658 Punkte an der Tafel.«

Was leistet die Börsenberichterstattung hier? Aus dem Auf und Ab der Aktienspekulation filtriert sie einen Sinn, indem sie Gründe für steigende oder fallende Kurse sucht und nennt. Zwar kaufen Börsianer in der Realität beispielsweise eine VW-Aktie wahrscheinlich nur, weil sie erwarten, dass die anderen Börsianer erwarten, dass der VW-Kurs steigen wird. Aus dem daraus resultierenden Kursanstieg verfertigt die Börsenberichterstattung ein zwar wildes, prinzipiell aber vernünftiges Geschehen, bei dem zum Beispiel steigende Exporte zu steigenden Kursen führen. In diesem Geschehen wiederum sollen die Spekulanten ebenso wie »die Bevölkerung« abhängig sein vom Wohlergehen der Wirtschaft nach dem Muster: Geht es mit ihr bergauf, gibt es höhere Kurse und mehr Arbeitsplätze. Vom Hartz-IV-Bezieher bis zum Großspekulanten sitzen also alle in einem Boot und müssen dem Dax die Daumen drücken.

Spielerisch lernen
Spielerisch eingeübt wird damit die Sicht der Börse auf die Welt, also die der Finanzanleger. Ihre Nöte sind bestimmend. Auch am 12. August, als »Börse vor acht« von den Staatshilfen für TUI berichtete. Diese Hilfen seien nötig, um einen »weiteren Aderlass bei den Jobs« zu vermeiden. Das Beispiel TUI zeige wie schon bei der Lufthansa, »dass Investoren in der Coronakrise nicht mehr bereit sind, in Firmen, denen die Einnahmen wegbrechen, zu investieren. Angesichts der Investoren-Schockstarre bleibt nur der Staat. Hier sagt ein Blick auf die TUI-Aktie eigentlich alles.« Zwar hoffe man bei TUI derzeit auf ein anziehendes Geschäft. »Weitere Einschnitte bei den Arbeitsplätzen können dennoch folgen.« Ja, da kann man ja nichts machen, wenn die Investoren in »Schockstarre« verfallen sind. Der arme Dax!

Hier kommt der Lux
Nachdem die Wünsche und Nöte der Finanzanleger ausreichend gewürdigt wurden, bietet sich künftig ein Blick auf die Wünsche und Nöte von Beschäftigten, Erwerbslosen und Menschen im Rentenalter an. Der Vorteil: Die meisten Zuschauenden und Zuhörenden sind Beschäftige, Erwerbslose und Menschen im Rentenalter! Wie haben sich die Gehälter in Zeiten von Corona entwickelt (Zoom auf Chart), wer muss bangen, wer kann hoffen? Haben die deutschen Rentenansprüche und die Hilfen für Arbeitslose im europäischen Vergleich aufgeholt (Visualisierung per Grafik)? Was sagt der Deutsche Gewerkschaftsbund dazu?

Oder wie wäre es mit einem ganz neuen Index? Pünktlich zum 1. Mai könnte der Radiomoderator dann zur Börsennachrichtenzeit in Küchen und Autos funken: »Liebe Hörerinnen und Hörer, heute berichten wir zum ersten Mal über den Lux, den Lohn- und Gehaltsindex des Statistischen Bundesamts. Hilmar Helfer in Frankfurt, wie hat sich der Lux denn zum Start geschlagen?«

Helfer: »Leider nicht so gut. Der Lohnindex ist im zweiten Quartal um zwei Prozent eingebrochen. In einzelnen Branchen sind die Monatsverdienste regelrecht abgestürzt. Minus 18 Prozent im Beherbergungsgewerbe, minus 17 Prozent in der Autoindustrie. Das staatliche Kurzarbeitergeld dämpft die Verluste, gleicht sie aber nicht vollständig aus. Corona hinterlässt tiefe Spuren.

Die Gewerkschaften verweisen darauf, dass die deutschen Arbeitskosten schon vor der Krise zu niedrig waren und seit der Jahrtausendwende im EU-Ranking auf Platz sechs abgerutscht sind. Jetzt komme man nicht mehr um einen massiven Personalabzug herum. Der Ausstand sei unvermeidlich, um die internationale Attraktivität deutscher Arbeitsplätze wieder zu stärken. Höhere Löhne, erklärt die IG Metall, wirken auf Unternehmen wie eine Produktivitätspeitsche: Firmen müssen ihre Anlagen modernisieren, um produktiver zu werden. Nur so könnten sie höhere Arbeitskosten stemmen und nur so könne Deutschland Hochlohnland bleiben.

Bei mir ist John Keins, Chefvolkswirt der Krompmann-Stiftung. Herr Keins, ist es nicht dreist, wenn Gewerkschaften höhere Gehälter durchdrücken, auf Kosten der Unternehmensgewinne?«

Keins: »Gewerkschaften sind ihren Mitgliedern verpflichtet. So ist das nun mal in der sozialen Marktwirtschaft. Ein Aspekt wird übrigens oft vergessen: Wenn die Löhne steigen, steigen auch die Mitgliedsbeiträge, und das ist dringend nötig. Schauen Sie: Für Gewerkschaften arbeiten nur ein paar Volkswirte, für Banken und andere Unternehmen Hunderte. Damit haben letztere einen erheblichen Vorteil beim Kampf um die Meinungshoheit. Die Gewerkschaften brauchen schleunigst qualifizierte Fachkräfte – Heterodoxe, Keynesianer, Marxisten und Neoklassiker – damit ein fairer Wettbewerb überhaupt erst möglich wird. Das ist am Ende gut für alle. Konkurrenz belebt das Geschäft.«
Helfer: »Das waren die Einschätzungen von John Keins von der Krompmann-Stiftung. Und damit zurück ins Funkhaus.«

Glauben, Spielen, Hoffen

Die Fernsehnachrichten berichten von Unglücken aus aller Welt, aber immer auch vom Glück beziehungsweise einer speziellen Form des Glücksspiels: die Ziehung der Lottozahlen. So erfreulich ein Gewinn für die Gewinner sein mag, so ist die ganze Veranstaltung jedoch ziemlich zweifelhaft. »Wollen wir unsere parlamentarische Aufgabe als Abgeordnete darin sehen, ... den Spieltrieb, also den Versuch, rasch und ohne ehrliche Arbeit viel Geld zu erhalten, zu fördern?«, argumentierte bereits Ende 1957 der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Stuttgarter Landtag, Alex Möller, gegen die Forderung der FDP, auch in Baden-Württemberg das Zahlenlotto einzuführen.

Rein rechnerisch, so Möller, lohne sich das Lottospiel für die Spieler niemals. Denn die Gewinnwahrscheinlichkeit sei viel zu gering. »Wer jede Woche einmal spielt, hat der Wahrscheinlichkeitsrechnung zufolge Aussicht, im Verlaufe von 268 891 Jahren einmal die sechs richtigen Zahlen der ersten Klasse zu treffen.« In der zweiten Klasse komme man immerhin ›schon‹ in 1042 Jahren zum Zuge. »Die wirtschaftliche Unvernünftigkeit für den einzelnen«, folgerte der SPD-Politiker, »kann nicht bestritten werden.« Gelockt würden die Menschen daher mit einem »imposanten Spitzengewinn in der faszinierenden Höhe einer halben Million«. Die Spielerinnen und Spieler wiederum erhöhen ihre subjektiv empfundenen Gewinnchancen durch Aberglauben, indem sie spezielle »Glückszahlen« wählen oder nur an bestimmten Wochentagen den Wettschein ausfüllen.

Besonders beliebt ist Lotto bei Leuten, die eher wenig Geld haben. Der »Tagesspiegel« berichtete von einer Studie der Carnegie-Mellon-Universität, in der die Finanzexpertin Emily Halsley die Versuchsteilnehmer unter subtilen »finanziellen« Druck setzte. Das Ergebnis: Je ärmer sich die Teilnehmer daraufhin fühlten, umso eher waren sie bereit, die ihnen angebotenen Lotterielose zu kaufen.

Statt sich um die gesellschaftlichen Gründe ihres Geldmangels und ihrer begrenzten Einkommenschancen zu kümmern, spielen sie Lotto, wo die Chancen auf Reichtum zwar minimal, aber immerhin vorhanden sind. Bleibt der Erfolg aus, wird nächste Woche neu gespielt und erneut gehofft.

Chancenjagd und Wohlbefinden
Unser Vorschlag wäre, dass sich die Nachrichten statt auf das Lottoglück auf andere Formen der Verteilung und Umverteilung des gesellschaftlichen Wohlstands konzentrieren: Wer hat wie viel Vermögen, wer ist arm, wer ist reich, wer zahlt wie viel Steuern und durch welche Maßnahmen wäre die daraus folgende Ungleichheit zu mindern? Schließlich besteht der Zugang zu Wohlstand weniger in Chancen als in Rechten, also in Ansprüchen und nicht in bloßen Möglichkeiten.

Eine weitere Alternative bestünde in der Verbreitung von Nachrichten, die das soziale Engagement unterstützen: Wann finden Aktionen gegen Rechtsradikale statt? Wo werden Helfer in der Flüchtlingshilfe gesucht? An welchen Orten wird für mehr Klimaschutz mobil gemacht, und wo wird gegen Mieterhöhungen demonstriert? Das wären sinnvolle Informationen für jene Menschen, die wissen, dass das eigene Wohlbefinden nicht nur in der individuellen Chancenjagd besteht, sondern eine abhängige Variable der gesellschaftlichen Zustände ist.

Abgeblitzt

Mehrmals am Tag verrät Radio ffn, wo in Niedersachsen »Flitzer Blitzer« stehen. Auch andere Sender warnen Raser und Eilige vor Kontrollen.

Mehrmals am Tag müssen Menschen ins Krankenhaus, weil ein Autofahrer zu schnell gefahren ist. Im vorigen Jahr erlitt im Schnitt alle 38 Minuten eine Person nach einem sogenannten Geschwindigkeitsunfall schwere Verletzungen. Alle neun Stunden starb ein Mensch, eine Tochter oder ein Bruder, ein Partner oder eine Freundin, ein Kollege oder eine Mutter.

Und das ist nicht nur in Deutschland so: In den USA »sind die Autos immer sicherer geworden, für die anderen Verkehrsteilnehmer dagegen ist die Unsicherheit gestiegen«, erklärt der Finanznachrichtendienst Bloomberg die rekordhohe Zahl an Unfallopfern in den Vereinigten Staaten.

In Berlin verrät die Polizei seit 2007 nicht mehr, wo Blitzer stehen. »Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es überhaupt keinen Sinn hat, Raser zu warnen«, sagte Polizeipräsident Dieter Glietsch damals dem »Tagesspiegel«. Recht hat er. Radioeins hat im letzten Jahr in Berlin die Blitzermeldungen eingestellt, viele andere Sender warnen weiter. Die meisten Unfälle bleiben in den Medien unerwähnt.

Als Ersatz für den Raser-Service wären in Städten Push-Meldungen fürs Smartphone denkbar: »Soeben sind Kontrolleure in den vorderen Wagen der U8 eingestiegen. Danke an Sahra. Allen eine gute Fahrt!« Oder seriöse Service-Meldungen für Menschen, die sich umweltfreundlich fortbewegen wollen: Wann ist der Schauer vorüber, wo gibt es in ländlichen Regionen neue Mitfahrbänkchen für Leute, die im Auto mitgenommen werden möchten? Der Fahrradclub ADFC hat da jede Menge Ideen.

Für Berlin haben wir noch eine einzige Wunschmeldung: »Achtung Autofahrer, ab heute haben im gesamten Stadtgebiet Fußgänger und Fahrradfahrer Vorfahrt vor Autos. Es gilt ein generelles Tempolimit von 20 Stundenkilometern. Laut Polizei werden die neuen Regeln von einem Großaufgebot kontrolliert.«

Dafür müsste der Senat mitspielen. Aber warum sollte Rot-Rot-Grün nicht hinkriegen, was die Stadt Brüssel ausprobiert hat? Erst recht in Zeiten von Corona. Sollte die Politik Bedenken haben, empfehlen wir die Meldung für den 1. April. Wir würden nachschauen, ob mit der Fakenews alternative Fakten zu schaffen sind.

Formel 1

Als Automotoren noch »brumm, brumm« machten, war es vielleicht anders. Heutzutage produzieren Rennwagen ein verkniffenes Heulen, das unangenehme Reaktionen hervorrufen kann, sobald man es hört – eine Art Formel-1-Allergie: schauriges Frösteln, aufgestellte Nackenhaare, Laune im Keller. Und heftige Abwehrreflexe: »Schalt sofort um!« Nun ist zwar selbst aus gut funktionierenden Diktaturen nicht bekannt, dass Menschen dazu gezwungen werden, den »Großen Preis von Irgendwo« in voller Länge anzuschauen. Doch kann man solchen Ereignissen auch in einem angeblich zivilisierten Land nicht ganz entkommen. In den Nachrichten zu bester Sendezeit werden, untermalt von besagtem Geheul, die platten Dreckschleudern gezeigt, wie sie im Kreis herumheizen. Geplatzte Reifen oder ein gelegentliches »gscheites Bumsera« (Rainhard Fendrich) bilden die Höhepunkte der Berichterstattung zu einer Sache, von der es nichts zu berichten gibt. Dann steigen von oben bis unten mit Werbung vollgeklebte Millionäre aus den Seifenkisten für Erwachsene und verschütten Schampus statt ihn einer sinnvollen Verwendung zuzuführen. Seit sich nicht mehr regelmäßig einer die Rübe abfährt, ist die Formel 1 nur noch eine riesige, gesponserte Werbeveranstaltung für die Autoindustrie, die im vorigen Jahr fast die Hälfte der Deutschen einer Umfrage zufolge für unzeitgemäß hielt.

Mag sich Lewis Hamilton auch vegan ernähren und Sebastian Vettel schon einmal mit der Bahn nach Monza gereist sein, mag der Treibstoff auf 100 Kilogramm pro Auto und Rennen begrenzt und das unerträgliche Heulen von hocheffizienten Hybridmotoren stammen, so bleibt »Klimaneutralität« in diesem Zirkus dennoch ein Witz, dem Chase Carey, CEO des Eigner-Unternehmens Liberty Media, eine Pointe gab: »In ihrer über 70-jährigen Geschichte hat die F1 als Pionier vieler Technologien und Erfindungen positiv zur Gesellschaft beigetragen und geholfen, Kohlenstoffdioxidausstoß zu bekämpfen.« Formel 1 for Future also? Dumm nur, dass Rennfahrer Max Verstappen die Anti-Greta gab und sagte: »Ich mag Benzin.« Sein Kollege Kimi Räikönnen nannte die Ökodebatte um die Formel 1 ein »verrücktes Thema«. Denn wenn man das weiterdenke, »dann müssten wir alle zu Hause bleiben und das Racing vergessen«. Ersteres ist eine gute Idee, zweites nicht nötig. Während die gewonnene Sendezeit für drängende Umweltthemen genutzt werden kann, dürfen sich Vettel, Verstappen und Co., so lange sie wollen, das Geheul ihrer heißen Geschosse anhören.

Ganz nah dran

Was denkt Donald Trump? Worüber streitet sich die Große Koalition in Berlin? Wie sicher sitzt Wladimir Putin im Sattel? Die Korrespondenten klären uns auf. Sie berichten von Vorder- und Hintergründen, von Ränken und Debatten. Wenn sie im Fernsehen dieser Tätigkeit nachgehen, ist in ihrem Hintergrund meist ein Gebäude zu sehen, das das entsprechende Thema symbolisiert: im ersten Fall das Weiße Haus in Washington, im zweiten der Bundestag, im dritten der Kreml. Dieser Bildhintergrund soll belegen, dass die Korrespondenten vor Ort sind. Ähnlich bei Naturkatastrophen, Bombenanschlägen und Kriegen, wo die Berichterstatter sich vor Trümmerlandschaften stellen.

Der Aufenthalt am Ort des Geschehens soll bei den Zuschauern vermutlich die Annahme kräftigen, die Korrespondenten verfügten über eine besondere Kenntnis der lokalen Vorkommnisse. Für die puren Fakten mag das vielleicht zutreffen, keinesfalls aber für Zusammenhänge und Kausalitäten. Warum etwas geschieht und wozu, dazu braucht es keine räumliche Nähe, die zuweilen auch den Überblick verstellen kann. »Klar sieht, wer von Ferne sieht«, sagt ein chinesisches Sprichwort, »nebelhaft, wer Anteil nimmt.«

Statt Regierungssitzen könnte der Rundfunk daher künftig auch andere Hintergründe für ihre Korrespondenten wählen. Neben Katzenbildern gehören Sonnenuntergänge oder die Meeresbrandung zu den dauerhaft beliebtesten Fotomotiven der Deutschen. Oder Babyfotos. Oder einfach ein hübsches Blumenmuster. Das würde zwar an der Autorität der Berichterstatter kratzen. Doch das muss kein Nachteil sein.

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