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»Wir müssen Vielfalt auch erzeugen«

Die Akademie der Künste fragt in ihrer neuen Ausstellung, wie die Stadt das 21. Jahrhunderts aussehen kann

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 5 Min.

Was aussieht wie eine leere Box, erweist sich als eine Art Simulator des Klimawandels. Nachdem man hineingeschlüpft ist, streicht ein leichter, warmer Wind um den Körper. Das fühlt sich ein wenig wie Urlaub an - oder wie einer der vielen Tage eines heißen, nicht enden wollenden Sommers, wie wir ihn in den letzten Jahren erlebten und den es in Zukunft noch häufiger geben wird. Unter dem Titel »Caution: HOT!« (Achtung: HEISS!) zeigt die Installation, wie sich Berlin im Jahr 2050 anfühlen wird. Das Klima wird - so die Hypothese - mediterran sein.

Mehr als 30 Beiträge sind in der Ausstellung »urbainable - stadthaltig« in der Akademie der Künste (AdK) am Berliner Hanseatenweg zu sehen. In der neuen Exposition beziehen Mitglieder der Sektion Baukunst Position zur Stadt des 21. Jahrhunderts. Es überrascht nicht, dass der Klimawandel ein zentrales Thema ist. Das Team um Thomas Auer, Professor für Gebäudetechnologie und Bauklimatik an der TU München, wollte wissen, was es für Folgen hat, wenn sich Berlin wie Rom anfühlt. Eine Herausforderung für die Stadtplanung sei, angenehme, kühle Orte im öffentlichen Raum zu schaffen. Dies sollen Climatewalk-Experimente untersuchen. Beispielsweise wird bei solchen Stadtspaziergängen gemessen, wie Bäume das Mikroklima beeinflussen. Auch der Besitz und die Versiegelung von Boden, die voranschreitende Digitalisierung, zunehmende Mobilität oder das Artensterben sind Themen, die hier verhandelt werden.

An der interdisziplinär konzipierten und kuratierten Schau sind Architekten, Ingenieure, Landschaftsgestalter und Stadtplaner beteiligt. 34 Sektionsmitglieder und Gäste präsentieren ihre Ideen in halboffenen Séparées, die sich über die gesamte Ausstellungsfläche verteilen. Fotografien, Entwürfe, Installationen, Modelle, Filme sowie Text-Bild-Collagen geben Einblicke in die Stadt der Zukunft. Visioniert werden europäische Metropolen wie Bordeaux, Budapest, London, Paris, Rom und Zürich. Eine große, verbindende Erzählung gibt es nicht. Es handelt sich hier eher um ein Kaleidoskop. Wie bei einer Messe können Bersucher*innen an jedem Stand etwas Neues entdecken. Das ist abwechslungsreich, aber auch anspruchsvoll.

Der Kunstbegriff »urbainable« setzt sich aus »urban« (städtisch, aber auch kultiviert oder weltgewandt) und »sustainable« (nachhaltig) zusammen. Damit sei gemeint, »dass die Frage der Nachhaltigkeit keine rein technische, sondern eine kulturelle ist«, sagt der Architekt Matthias Sauerbruch, Kurator der Ausstellung und Direktor der Sektion Baukunst der Akademie der Künste. Es gehe darum, dass eine nachhaltige Stadt nicht durch von oben gesteuerte Maßnahmenbündel entwickelt werden kann, sondern nur durch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen.

Stadt an sich wird in der Ausstellung nicht als Problemfeld gedacht. Im Gegenteil: Diskutiert wird, ob diese selbst Teil von Lösungen sein kann. Das Bild dreckiger, ungesunder Moloche scheint passé. Dennoch prägen soziale Konflikte, Lärm, Stress, Müll und Feinstaub noch oder gerade heute urbanes Leben. Die Ausstellung bekräftigt, dass die Stadt trotzdem entscheidende Vorteile gegenüber anderen Siedlungsformen bietet - ebenso viele ungenutzte Potenziale.

Im ersten Raum werden die Besucher*innen von Momentaufnahmen des Berliner Fotografen Erik-Jan Ouwerkerk empfangen: Häuser, die abgerissen werden, Blumengeschäfte in Kreuzberg, kleine Kiez-Läden, flanierende Menschen und Füchse, die hinter Büschen hervorlugen. Ergänzend werden Fakten präsentiert. Beispiel: Auch in prosperierenden Städten gibt es viel Leerstand, meist durch Spekulationen und Steuerabschreibungen verursacht. Allein in Frankfurt am Main stehen 10 000 Wohnungen leer.

Gemessen an der Einwohner*innenzahl steige die Zahl der Interaktionen in Städten exponentiell, erklärt Tim Rieniets, ebenfalls Kurator der Ausstellung und Professor für Stadt- und Raumentwicklung in einer diviersifizierten Gesellschaft an der Leibniz-Universität Hannover. Das bedeutet: Wer in einer Stadt wohnt, hat mehr Kontakt zu anderen Menschen. Das hat viele Vor- wie Nachteile. So sei bei Städtern das Risiko höher, Opfer eines Taschendiebstahls zu werden. Menschliche Nähe ist aber auch seit der Coronakrise negativ behaftet. Aus stadtplanerischer Sicht sei Dichte jedoch wünschenswert, betonen die Kuratoren. »Wir brauchen dichte Besiedlung, weil wir die Reibung und Berührung unterschiedlicher Gruppen brauchen«, sagt Jörn Walter, der 18 Jahre lang Oberbaudirektor in Hamburg war und Stellvertretender Direktor der Sektion Baukunst der AdK ist. Er stellt die HafenCity in der Hansestadt an der Elbe vor: ein Versuch, ein Viertel mit sozialer Durchmischung zu planen. Erreicht werden soll dies etwa durch einen Mix von Eigentumswohnungen, Genossenschaftswohnungen, Baugruppenprojekten, Läden, Gastronomie, Büroräumen, Schulen und kulturellen Einrichtungen. Soziale Mischung stelle sich nicht von selbst ein, betont Walter: »Wir müssen Vielfalt auch erzeugen.«

Wenn von »Stadt« gesprochen wird, ist das europäische Modell gemeint. Ob in Italien, Großbritannien oder Deutschland - große Dichten werden durch mittelhohe Bauten erzeugt, erklärt Sauerbruch. In dieser Tradition werde im 21. Jahrhundert weitergedacht, ist er sich sicher. Das betrifft auch die Nachverdichtung. Die Schau zeigt viele interessante Beispiele für Bau- oder Umbauprojekte, die ökologische und soziale Fragen einbeziehen.

Unter dem Motto »Bestand als Ressource« wird ein Projekt in der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg vorgestellt. Ein ehemaliges Frauengefängnis soll dort zu einem Gästehaus umgebaut werden. Eine 180-Grad-Wende vom geschlossenen Raum zum offenen, nennt Walter diese Idee. Aus einem antisozialen Raum soll ein einladender Raum gestaltet und ungenutzte Fläche im Sinne einer Nachverdichtung neu belebt werden.

Eine große Rolle spielt die Begrünung von Städten. Über Jahrzehnte gewachsene urbane Wildnis wird nicht beseitigt, sondern durch einen Staudengarten erweitert. Ein ambitioniertes Projekt radikaler Umnutzung ist die »Eco City« in Wünsdorf, ein Ortsteil von Zossen im brandenburgischen Landkreis Teltow-Fläming. Dort könnte ein ehemaliges Kasernengelände in einen grünen Campus umgewandelt werden - mit Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen mit und ohne Fluchthintergrund. Ausbilder*innen und Auszubildende leben und lernen zusammen. Theater, Ateliers, Waldgärten, eine international besetzte Akademie und ein Forschungszentrum sollen die Militärbrache beleben. Fossile Energieträger werden verabschiedet, erneuerbare Rohstoffe genutzt. Ökologisch nachhaltig sind auch die kurzen Wege, die Arbeits-, Lern, Wohn- und Freizeitstätten verbinden.

Eher am Rande wird in der Ausstellung auf ein aktuelles Problem eingegangen, das eine Herausforderung für alle Lebensbereiche darstellt: Covid-19. »Weil Corona uns unterwegs überrascht hat«, begründet Sauerbruch. Es wäre nicht klug gewesen, vorschnell Positionen zu entwickeln, wie sich die Pandemie auf Stadtentwicklung auswirken könnte. Denn: »Das ist ein Phänomen, das wir momentan noch gar nicht überblicken können.«

»urbainable - stadthaltig«, Akademie der Künste, Hanseatenweg, bis 22. November 2020, Di-So 11-19 Uhr; der Kauf eines Zeitfenster-Tickets wird empfohlen

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