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Nicht wirklich grüner Treibstoff

Frankreichs Wasserstoffstrategie ist bei Umweltschützern umstritten

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.

Mit einer Wasserstoffstrategie, die in der vergangenen Woche in Paris vorgestellt wurde, will man das heute noch aufwendig und teuer produzierte Flüssiggas »grüner« herstellen und es zu Frankreichs Treibstoff der Zukunft machen. Wie Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire erklärte, sollen dazu aus dem 100-Milliarden-Euro-Plan zur Wiederankurbelung der Wirtschaft nach der Coronakrise 7,2 Milliarden Euro - verteilt über den Zeitraum bis 2030 - bereitgestellt werden, davon zwei Milliarden Euro bereits bis Ende 2022. Ziel sei eine massive und rentable Produktion von »grünem« Wasserstoff und sein Einsatz sowohl in der Industrie als auch in allen Formen von Verkehr.

»Wir werden in kurzer Zeit einen französischen Wirtschaftszweig für die dekarbonierte Aufspaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff schaffen, der international konkurrenzfähig ist,« betonte Umwelt- und Verkehrsministerin Barbara Pompili. »2030 werden wir jährlich 600 000 Tonnen Wasserstoff produzieren und durch seinen Einsatz den Ausstoß von sechs Millionen Tonnen CO2 vermeiden.« Ihr Amtsvorgänger Nicolas Hulot hatte 2018 bereits 100 Millionen Euro in Forschungs- und Entwicklungsprojekte und in die Erprobung von Verfahren zur Gewinnung und zum Einsatz von Wasserstoff eingesetzt. Indem jetzt Milliarden Euro investiert werden, sollen die französischen Unternehmen in die Lage versetzt werden, den großen Schritt vom Stadium der Forschung, Entwicklung und Erprobung zur massiven industriellen Produktion zu gehen, betonte Bruno Le Maire. Damit könnten direkt 50 000 und indirekt weitere 150 000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Frankreich wolle eng mit Deutschland kooperieren, das auf diesem Weg schon einen Schritt voraus ist und sich das Ziel gesteckt hat, auf diesem Gebiet zu den Weltmarktführern zu gehören. »Wir können uns auf Unternehmen stützen, die auf diesem Gebiet zu den industriellen Spitzenreitern gehören«, sagte der Minister. Er nannte als Beispiele den Bahntechnikkonzern Alstom, der mit der und für die Staatsbahn SNCF leichte Nahverkehrszüge mit Brennstoffzellenantrieb entwickelt und gebaut hat, die bereits im In- und Ausland erfolgreich im Einsatz sind, sowie Unternehmen wie Safra, Faurecia und Symbio, die Brennstoffzellen, Tanks, Pumpen und andere Technik für wasserstoffgetriebene Fahrzeuge bauen. Bei der Produktion von »grünem« Wasserstoff gehören französische Konzerne wie Air Liquide und Schlumberger zu den internationalen Spitzenreitern.

Absoluten Vorrang habe die Produktion von Wasserstoff unter Einsatz von Elektrizität, die ihrerseits aus erneuerbarer Energie oder aus Kernkraft gewonnen wird. Der Wirtschaftsminister räumte ein, dass dies die teuerste Technologie ist, die den größten Energiebedarf hat. Um die Kosten zu senken, sind im Plan 1,5 Milliarden Euro für die Entwicklung von Elektrolyseaggregaten mit einer Kapazität von 6,5 Gigawatt vorgesehen, und weitere 1,5 Milliarden Euro für große Fabriken in Frankreich, die diese in Zukunft bauen werden.

Es gehe darum, die Kosten für die Wasserstoffproduktion so weit zu senken, dass er in großem Umfang in der Chemieindustrie und anderen Zweigen der Wirtschaft und nicht zuletzt im Verkehr zum Einsatz kommt, wo heute noch in großem Umfang CO2 entsteht. »Morgen werden Züge, Lastwagen, Busse und selbst Flugzeuge mit Elektroenergie angetrieben werden, die an Bord mit billigeren und leistungsfähigeren Brennstoffzellen aus Wasserstoff gewonnen wird«, sagte Bruno Le Maire. Der Minister verwies darauf, dass Frankreich - anders als Deutschland - keine Projekte für den Einsatz von Wasserstoff mit öffentlichen Mitteln fördert, wenn sie nicht »grün«, sondern »grau« sind, also auf der heute noch preisgünstigeren Wasserstoffgewinnung aus Erdöl oder Kohle basieren.

Die Vereinigung der Atomkraftgegner Sortir du nucléaire verurteilt den Versuch, die öffentliche Meinung zu manipulieren und »Kernkraft salonfähig zu machen, indem man sie auf eine Stufe mit den erneuerbaren Energien stellt, um Wasserstoff zu produzieren«. Die Partei der Grünen begrüßt zwar prinzipiell die Absicht, stärker Wasserstoff in Industrie und Verkehr einzusetzen, betont aber ihr Misstrauen einer Regierung gegenüber, die erneuerbare Energien bisher wie das fünfte Rad am Wagen behandelt hat. Davon zeuge, dass Frankreich, das über die längste Küste Euroas verfügt, immer noch keinen Offshore-Park vorweisen kann. Begründet wird das damit, dass dafür wie auch für Windkraftparks an Land und für große Sonnenenergieanlagen jeder Einwand und jede bürokratische Spitzfindigkeit gut genug ist, um solche Projekte auf die lange Bank zu schieben.

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