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Wirtschaft sucht Fachkräfte in aller Welt

In zehn Jahren fehlen in brandenburgischen Unternehmen 210 000 Personen im erwerbsfähigen Alter - das Land will mit verstärkter Zuwanderung dagegen halten

  • Von Wilfried Neisse, Potsdam
  • Lesedauer: 3 Min.
Immer mehr Alte und Kranke werden vor allem von weiblichen Fachkräften aus dem Ausland versorgt.
Immer mehr Alte und Kranke werden vor allem von weiblichen Fachkräften aus dem Ausland versorgt.

Der Arbeitskräftebedarf steigt und steigt. Angesichts dessen setzt die Landesregierung jetzt auch auf die Werbung von Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern. Es könne sich dabei aber nur um »einen Baustein« zur Lösung dieses Problems handeln, sagte Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) bei der Vorstellung entsprechender Maßnahmen am Freitag im Potsdamer Landtag. Hauptsächlich müsse es weiter darum gehen, dass einheimische Unternehmen nicht darin nachlassen, Nachwuchskräfte heranzuziehen und heranzubilden.

Fast ein Viertel der brandenburgischen Unternehmen sucht jetzt schon Fachkräfte (23 Prozent). Hinzu kommt, dass durch die Ansiedlung der Tesla-Autofabrik in Grünheide, durch das Bahnwerk in Cottbus und die geplante Batterieproduktion in Schwarzheide ein zusätzlicher Bedarf entstehen wird.

Tesla-Chef Elon Musk hat just um Mitarbeiter für Grünheide geworben. Der US-Amerikaner schrieb auf Deutsch im Kurznachrichtendienst Twitter: »Bitte arbeiten Sie bei Tesla Giga Berlin! Es wird super Spaß machen!!« Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) hält es für möglich, dass die Autofabrik perspektivisch je nach Marktsituation bis zu 40 000 Mitarbeiter haben könnte. »Wir benötigen in vielen Bereichen mehr ausländische Fachleute - ob das nun in der Pflege ist oder in Folge von industriellen Neuansiedlungen«, stellte der Minister fest.

Ab 1. Oktober öffnet im Landkreis Dahme-Spreewald eine Zentralstelle der Ausländerbehörde, die die Möglichkeiten des seit dem 1. März gültigen Fachkräfteeinwanderungsgesetzes nutzen soll. Diese Aufgabe sei sehr anspruchsvoll und vertrage keinerlei »operative Hektik«, sagte Steinbach. Doch könnten auf diesem Wege gut 1500 Menschen pro Jahr für eine qualifizierte Tätigkeit in Brandenburg gewonnen werden.

Entsprechende Informationen werden inzwischen auf allen Kanälen verbreitet: In den Sprachen Deutsch, Englisch, Russisch und Polnisch. Mit seinem Angebot sei Brandenburg keineswegs allein, inzwischen werben auch andere Bundesländer verstärkt im Ausland um Arbeitskräfte, so der Minister.

Die Wirtschaftsförderung Brandenburg (WFBB) hat derweil einen »International Talent Service« eingerichtet. Wie Geschäftsführer Steffen Kammradt versicherte, werden hierzulande Unternehmen dabei unterstützt, Fachkräfte und Studierende aus Nicht-EU-Staaten nach Brandenburg zu »locken«. Und er erläuterte, wie zwei Ärztinnen aus Mexiko für eine Klinik im brandenburgischen Perleberg geworben werden.

Aber kann der Wirtschaftsminister guten Gewissens Ärzte aus Staaten abwerben, die diese Mediziner vielleicht selbst benötigen? Steinbach sagte, dies sei nicht die Absicht. Vielmehr richte sich das Angebot an Fachkräfte, die in ihrer Heimat keine Arbeit finden. »Knackpunkt ist die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse«, räumte Steinbach ein. Er verwies auf die beiden neu eingerichteten Informationszentren für Fachkräfteeinwanderung Süd-Ost und Nord-West, die sich darum kümmern, Interessierte zu beraten und an kleine und mittelständische Unternehmen zu vermitteln. Das Fachkräfteproblem sei bedeutend und keineswegs allein durch Migration zu lösen, warnte der Minister. »Bis zum Jahr 2030 erwarten wir einen Rückgang der Personen im erwerbsfähigen Alter um 13,3 Prozent, das sind etwa 210 000 Menschen.« Gelinge es nicht, das Fachkräfteproblem zu lösen, »würde dies auf Dauer den Wohlstand der Gesellschaft gefährden«.

Debora Aus, Leiterin des Informationszentrums für die Fachkräfteeinwanderung Süd-Ost schilderte, wie ein Tiefbauunternehmen händeringend eine Stelle in der Bauleitung besetzen wollte und in der Ukraine fündig wurde. Eine Ingenieurin von dort durchlaufe gerade den Prozess der Anerkennung ihres Studienabschlusses. »Wir hoffen, dass sie demnächst ihre Arbeit in Brandenburg aufnehmen kann«, sagte Aus.

Alle Beteiligten unterstrichen die Notwendigkeit, dass Fachkräfte aus dem Ausland für ihre Arbeit nicht nur gut bezahlt werden müssen, sondern dass auch die sonstigen Umstände für die angestrebte Einwanderung günstig sein müssten. Fachkräfte aus dem Ausland müssten sich in Brandenburg auch wohlfühlen können. Warum das so wichtig sei, erklärte Steffen Kammradt: »Wenn sie wieder gehen, bleiben sonst nur ein hoher Aufwand und Enttäuschungen.«

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