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Wie der Herr, so das G’scherr

Sonntagsschuss: Solidarität im Fußball ist etwas Ähnliches wie der Yeti im Himalaya. In Leipzig gilt das für Klub und Fanszene.

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 3 Min.

Wie gut, dass wenigstens auf Hertha BSC Verlass ist. Als einziger Profiverein - sieht man einmal von Aue ab, das gegen den Viertligisten Ulm verlor - zeigten die Berliner an den ersten beiden Pokaltagen das Verantwortungsbewusstsein, das es braucht, um den Zuschauern eine DFB-Pokal-Erstrunde zu liefern, die diesen Namen auch verdient. 5:4 verlor der Erstligist bei den zwei Klassen niedriger kickenden Braunschweigern. Ansonsten waren der Freitag und der Samstag in fußballerischer Hinsicht so ereignisreich wie die Sommerpause. In 13 von 15 Spielen gewann der Favorit, oft mit Ergebnissen wie 0:6, 0:7 oder 0:8.

Nun ist es nicht wirklich überraschend, dass der FV Engers dem VfL Bochum unterliegt, oder dass Altglienicke gegen Köln verliert. Die Tatsache allerdings, dass 11 von 17 unterklassigen Vereinen sich gezwungen sahen, ihr Heimrecht zu tauschen, hatte ihre Chancen noch mal heruntergeschraubt. So bestritt Altglienicke sein vermeintliches Heimspiel aus dem gleichen Grund in Köln, aus dem Engers aus dem Südwesten auch ins Ruhrgebiet reiste: Um die eigenen Plätze dem Hygienekonzept anzupassen, Ordner zu stellen, Umkleidekabinen um- und Kamerapodeste aufzubauen, wäre so viel Geld nötig gewesen, dass die mühsam errungene Teilnahme an der DFB-Pokal-Endrunde (fünf Siege im Landespokal) eher zur Strafe denn zur Belohnung geworden wäre.

Doch selbst wenn bei den meisten Spielen nur wenige hundert Zuschauer zugelassen waren - dass Feierabendkicker mit mehr Adrenalin kicken, wenn sie angefeuert werden, ist klar. Wie es auch ein enormer Wettbewerbsnachteil für die wackeren Oberligakicker aus Rielasingen-Arlen war, dass sie vor ihrem Sonntagsspiel in Kiel 13 Stunden Busfahrt hinter sich bringen mussten. Der DFB hatte ihnen dringend geraten, nicht den ICE zu nehmen - nicht einmal einen separaten Waggon - schließlich hätten sich die Amateure beim Umsteigen infizieren können (ärgerlich) und danach die eigentlichen Rennpferde in der Arena, die Profis, anstecken können (ein Desaster). »Der Ball rollt, euer System bleibt krank«, stand beim Kick des Karlsruher SC gegen Union Berlin auf einem Transparent hinterm Tor zu lesen. Kann man so sehen.

Spannender als die Tatsache, dass die sich im April noch so nachdenklich gebende Branche längst wieder »business as usual« betreibt, ist die Feststellung, wie leicht sich nicht nur die Klubs, sondern auch die Fans spalten lassen. Aus medizinischer Sicht mag es geboten sein, die maximal mögliche Zuschauerzahl je nach lokalem Infektionsgeschehen zu bemessen. Um einen fairen Wettbewerb aufrecht zu erhalten, hätten die Klubs, die von ihren Gesundheitsämtern gnädig behandelt wurden, etwas weniger egoistisch handeln können. Denn natürlich ist es ein Unterschied, ob RB Leipzig am kommenden Wochenende 8400 Zuschauer ins Stadion lassen kann, oder das Gros der Konkurrenz vor 500 spielt - Journalisten, Ordner und Gästedelegation inklusive.

Das Gegenargument von Freiburgs Trainer Streich - von einem gelungenen Feldversuch an einem Standort profitiert später die ganze Branche - mag kurzzeitig zutreffen. Doch wenn Corona noch ein paar Monate oder Jahre grassiert, entsteht die Situation, die der stets hellsichtige ehemalige DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig schon skizziert hat: Das Relegationshinspiel findet vor 25 000 Zuschauern statt, das Rückspiel vor leeren Rängen. Wer da wohl einen Wettbewerbsvorteil hat?

Es ist keine Sensation, dass sich RB Leipzig keine Gedanken um sportliche oder finanzielle Fairness macht. Würden solche Erwägungen eine Rolle spielen, gäbe es das Konstrukt gar nicht. Interessant ist allerdings, dass auf Seiten der Fans ähnliche Tendenzen der Spaltung zu beobachten sind. Während fast alle aktiven Szenen dem Fußball so lange fernbleiben, bis jeder wieder ins Stadion darf, haben wenige andere Gruppen beschlossen, dass sie doch wieder dabei sein wollen, wenn sie im Kampf um die wenigen Tickets Glück (oder Beziehungen) haben. Dann allerdings schweigend. Und es gibt doch tatsächlich eine Fanszene, die schon am kommenden Wochenende wieder mit Megaphon und Capo ihr Team unterstützen will. Und jetzt dürfen Sie raten, welchem Erstligisten die als Kulisse dient.

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