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Inszenierte Nächstenliebe

Best of Menschheit, Teil 37: Nicht Europa

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.
Moria: Inszenierte Nächstenliebe

In Moria auf Lesbos, unweit der Wiege des europäischen Denkens, der Demokratie werden Menschen, die nichts anderes getan haben, als Krieg und Not zu entfliehen, gefangen gehalten, gedemütigt und gequält. Es geschieht offensichtlich, auch wenn die Details der Grausamkeit von Uniformierten energisch versteckt werden. Während europäische Politiker, die diese Situation planvoll erzeugt haben, mit Alibi-Almosen »praktizierte Nächstenliebe« (so der Heimatminister des europäischen Hegemons) inszenieren, erzählen die kritischen Beobachter des Schreckens eine andere Variante der gleichen Lüge: »Das ist nicht Europa!«

Doch, genau das ist Europa.

Die schöne Idee der Demokratie ist die Erfindung misogyner Sklavenhalter, und die egomane Exklusivität der Teilhabe »aller« an basalen Rechten ist sie nie ganz losgeworden. Immer dann, wenn sich die schöne Idee als militärisch unpraktisch erwies, wurde sie ruckzuck aufgegeben. Als die antiken Römer sie zugunsten einer gierigen männlichen Alleinherrschaft beseitigten und noch die seehofersche Nächstenliebe integrierten, konservierten und verbreiteten sie zwar schöne Ideen, aber als Nebenprodukt einer brutalen lokalen Weltherrschaft.

Als diese zusammenbrach, hatten die Europäer erst mal damit zu tun, sich in zig arrogante Epigonen des römischen Irrtums aufzuteilen und in Stammeskriegen in neue rohe Gewalt und religiöse geistige Armut zu verfallen. Mit diversen technischen Fortschritten entdeckten sie aber später die alten schönen Ideen wieder, die gerade recht kamen, um sie gemeinsam mit der Nächstenliebe in die ganze Welt zu prügeln. Hehre Ideale halfen, die rücksichtslose Ausbeutung des ganzen Planeten für gerecht zu halten.

Ein paar Portugiesen und Spanier annektierten den halben Planeten, zerstörten jahrhundertealte Zivilisationen (wenn auch oft nicht minder brutale, aber schlechter bewaffnete); ein paar Briten bauten sich ein Kolonien ausquetschendes Imperium auf, und sogar ihre Kriminellen unterjochten nebenbei einen fernen Kontinent. Auch die in Europa selbst Verfolgten eroberten dank der Energie europäischen Handels einen ganzen, nämlich den nach einem dieser Händler benannten amerikanischen Kontinent. Sie quälten und töteten dabei nicht nur die Menschen, die dort zuvor gelebt hatten, sie taten es regelrecht antik: als misogyne (und nun auch rassistische) Sklavenhaltergesellschaft, die die Freiheit aller propagierte, während sie Afrikaner prügelte.

Die zu Hause gebliebenen Europäer steigerten sich alsbald aus Nächstenliebe in einen Weltkrieg bis dahin ungeahnten Menschenschlachtens hinein. In den Ruinen wuchsen zähe Versuche, die alten schönen Ideen konsequenter anzustreben, manch einer glaubte sogar, die Philosophen müssten fortan verändern statt interpretieren. Doch dann brachten die deutschen Verlierer den nächsten Weltkrieg und setzten noch eine industrielle Menschenvernichtung obendrauf.

Am Ende ihres bisschens Moral einigten sich die Europäer darauf, in Konkurrenz zu den (leider auch brutalen) Veränderungsphilosophen, die Welt fürderhin primär unkriegerisch auszubeuten. Zu diesem Zweck gründeten sie unter anderem eine »Europäische Union«. Und die ist nun zuständig dafür, den auch aufgrund der europäischen Ausbeutung Heimatlosen zu zeigen, was sie von Europa erwarten können.

Europa ist Moria, weil Europas Ideale stets nur Begleitmusik seiner Gewalt waren. Europa ist die Westspitze Asiens, die sich nicht nur für einen eigenen Kontinent, sondern gleich für die ganze Welt hält. Es ist hypothetisch, ob andere Regionen ungestört bessere Gesellschaften hervorgebracht hätten oder ob das europäische Denken, das auch die Werkzeuge der Kritik seiner Praxis hervorgebracht hat, doch noch etwas nicht Menschenverachtendes schaffen könnte.

Historisch sicher ist, der Menschheit würde es nicht so ergehen, wie es ihr ergeht, wenn es öfter geheißen hätte: »Nicht Europa!«

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