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Das Team gewinnt

Jumbo-Visma dominiert mit Primoz Roglic die Tour de France

  • Von Tom Mustroph, Isére
  • Lesedauer: 4 Min.

Radsport ist ein Teamsport, und das führt dazu, dass nicht immer der stärkste Fahrer die Tour de France gewinnt. Das war schon 2012 so, als nur die interne Taktik des Teams Sky den besser aufgelegten Chris Froome davon abhielt, seinen Kapitän Bradley Wiggins vom Thron zu fahren. Drei Jahre später sorgte lediglich das Ausnutzen des Seitenwindes durch Sky dafür, dass ein in den Bergen wesentlich stärker wirkender Nairo Quintana gegen Froome verlor. 2018 war der Kolumbianer Egan Bernal der souveränste Fahrer, er musste aber immer wieder seinen schwächelnden Kapitänen Froome und Geraint Thomas helfen. Er tat es, und Thomas siegte in Paris. Hauptsache, das Team gewinnt.

Vom Sieger zum Edelhelfer

In diesem Jahr macht der Slowene Tadej Pogacar einen besseren Eindruck als sein Landsmann Primoz Roglic. Gesamtführender ist dennoch der ältere Slowene, weil die Kraft seiner Helfer im Team Jumbo-Visma dazu führte, dass Pogacar auf der 7. Etappe 1:21 Minuten auf Roglic verlor. Auch da war eine Seitenwindkante Auslöser der Unterschiede. »Diese Etappe wird rückblickend immer wichtiger, es ist vielleicht die entscheidende dieser Tour«, meint auch Roglics Helfer George Bennett. Der exzellente Bergfahrer aus Neuseeland ist eine wichtige Lokomotive im schwarz-gelben Zug, aber längst nicht mehr die mächtigste. Auf seinem Niveau fährt noch der niederländische Altmeister Robert Gesink. Vor zehn Jahren war der mal Fünfter der Tour, galt lange als Sieganwärter. Seit einigen Jahren aber stellt Gesink sein Können in die Dienste der noch Besseren: Steven Kruijswijk, Primoz Roglic und Tom Dumoulin. Letzterer war einst Kapitän beim Team Sunweb, gewann 2017 den Giro, ist nun aber zum Edelhelfer degradiert. Hinzu kommt noch der US-Amerikaner Sepp Kuss, der - wenn von der Leine gelassen - schon mal die Königsetappe der schweren Dauphiné-Rundfahrt gewinnt. Das könnte er locker auch bei dieser Tour schaffen. Jetzt aber strampelt er fleißig für Roglic.

Nicht zuletzt verfügt das Team noch über den Wunderburschen Wout van Aert. Der Belgier knallte am Sonntag nicht nur derart wild in den Grand Colombier rein, dass Kolumbiens Klettergrößen Bernal und Quintana schummrig vor Augen wurde. Er scheint von all seinen Hilfsdiensten auch noch so unausgelastet, dass er selbst bei dieser Tour schon zwei Tagessiege holte. Dass er dort überhaupt mitsprinten durfte, ist ein Zeichen der Teamstärke. Andererseits ist die Freiheit, die van Aert bei solchen Gelegenheiten gelassen wird, aber auch der Leim, der alle Egos in der Mannschaft fein zusammenhält.

Verdoppelter Etat

Bislang war eine gute Balance der Egos die große Kunst des britischen Rennstalls Sky, heute Ineos. Ein Weltmeister wie Michal Kwiatkowski aus Polen fügt sich in die Helferrolle, so einst auch Topkletterer wie der Australier Richie Porte oder Spaniens Mikel Landa. Beide fahren anno 2020 selbst als Kapitäne anderer Teams unter die Top Ten. Ein gewichtiges Argument spielte bei diesem Real Madrid des Radsports immer das Salär. 45 Millionen Euro umfasst das Jahresbudget von Ineos. Jumbo Visma hat zwar mit etwa 20 Millionen nicht einmal die Hälfte. Das Team legte finanziell allerdings im Vergleich zu 2019 gewaltig zu. Damals war der Etat mit »nur« neun Millionen nicht mal halb so groß. So erklärt sich auch die gewachsene Stärke. Die restlichen 25 Millionen Euro Differenz kompensiert man offenbar mit dem psychologischen Treibstoff, den Helfer wie van Aert durch ein paar Freiheiten bekommen.

Das darf man als Lektion aus den Erfahrungen des einstigen Branchenführers Sky werten. Den verließ eine ganze frustrierte Helferschar, auch weil sie im mit den Toursiegern Bernal, Froome und Thomas vollgestopften Kader keinen Platz mehr für eigene Ambitionen entdeckte. Das macht Jumbo-Visma aktuell besser. Die Helfer schinden sich, als gäbe es kein Morgen - und sind sogar glücklich dabei. »Es passt im Team, wir machen unsere Arbeit, Primoz seine«, meint George Bennett. An seinem Kapitän schätzt er, dass er immer ruhig bleibe und abseits der Rennen auch nie das Alphatier markiere.

Gegen Pogacar freilich, weiß Bennett, kann es trotzdem knapp werden: »Er ist seit den Pyrenäen der Rivale Nummer 1.« Gut für Bennetts Anführer, dass Pogacar - von seinem Team nur mäßig unterstützt - auf der Windetappe weit zurückfiel. So gesehen wurde diese Tour vielleicht schon an Tag sieben entschieden.

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