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Böse real und realistisch kaputt

Regierung, Gefängnis, Hades: »Reich des Todes« von Rainald Goetz im Schauspielhaus Hamburg

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.
»Reich des Todes«: Böse real und realistisch kaputt

Zwei Clowns bilden eine Gesellschaft eigenen Rechts. Keine Rücksicht auf die Welt! Die übermalen sie mit langen Pinseln, glucksend, kindlich, tänzelnd. Die Welt ist ein großes Bild: ein leidgekrümmter, nackter Mensch im irakischen Gefängnis Abu Ghraib, gefesselt, schwarze Papiertüte überm Kopf. Die Spaßmacher mit roter Pappnase malen ihm ein Smiley auf den Körper, da ein paar lustige Striche, dort ein witziges Zeichen. Klecksereien-Komik am schmerzgebogenen Folteropfer. Schließlich noch ein Schriftzug: »Wo bleibt Fun?«

Die Szene peinigt, wie nur Wahrheit es kann: Information ist Unterhaltung, Dokumentation hat Quotenpflicht, Beweise sind Zirkus. Das Niedrigste beansprucht höchsten Rang. Dem nackten Geschundenen gehört ein Stempel der Aufheiterung auf die brennende Haut: Wir haben vor dem Gebot des Erschauerns ein Recht auf Grinsen.

Die Clownsszene ist eines der bösen, bitteren Sinn-Bilder in Karin Beiers Inszenierung »Reich des Todes« von Rainald Goetz, das am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt wurde. Über vier Stunden Porträt eines Gruselkabinetts: Eine allegorisch bezeichnete Regierung - deutsche Namen fürs US-amerikanische Urbild - wird von Explosion und Nebel erschüttert. Der 11. September 2001, das Attentat auf die Türme, »erschreckend schön«. Aus dem Chaos des Moments erwächst ein Brodel der Barbarei.

Bushs »Krieg gegen den Terror« als Vernichtung demokratischer Rechtsnormen. Politik mehr und mehr als Finesse, um die Folter gleichsam als neues Staatsrecht zu etablieren; unterm Deckmantel der Friedensmissionen wächst eine totalitäre Unverborgenheit der Gewalt, die sich weltweit einfrisst. »Wir müssen in die Finsternis hinein.« Ein Kernsatz dieser im Hellen sich spreizenden Finsteren. Geben Sie Gedankenfreiheit? »Geben Sie die Rede her, die ich halten soll!« Lüge lauert nicht, sie herrscht.

Was auf den ersten Blick grob und wie eine nachzeichnende Dokumentenfolie erscheinen mag, wird bei Goetz zu einem erregenden, quälenden, fragescharfen Triptychon (Regierung, Gefängnis, Hades) dramatischer, essayistischer Assoziationen. Auf der weiten Bühne von Johannes Schütz taumelt, tanzt, tastet, tobt ein grandioses Ensemble. Pathos und Peinlichkeit als Politik. Die Argumente tragen Nebelmäntel. Elektroschocks choreographieren Zittern und Beben. Coca-Cola-Werbung tänzelt singend. Videobilder lassen Masse stampfen. Burghart Klaußner spielt mit klobigem Selbstbewusstsein und in Hitler-Frisur Luftgitarre: Der Mensch, nicht gesund, nur siegheil.

Der Abend ist ein fiktiver Mahlstrom - von dem wir doch alle ahnen, dass wir realer Teil sind. Jede Zukunft tritt ein durch die Pforte eines Schreckens. Stacheldraht oder Engstirnigkeit: Beides blutet dich aus. Unmerklich läuft er ab, dieser Aufstieg abgrundwärts. Man muss bloß immer wieder die Gespräche mit dem eigenen Gewissen ausschlagen. Im Dienste der Sache, die stets die gleiche bleibt - wie jeweilig anders sie auch hieß und heißt. Der Weltenlauf, das ist eine hochneurotisch gewordene Kampfgesellschaft geworden, die zusammen mit den ganz alltäglichen moralischen Ermüdbarkeiten ein undurchdringliches Netz bildet. In dem oft nur noch gezappelt werden kann. Politischer Tatendrang gerät zum Irrwitz eines verfluchten Sieges - des fortwährenden Sieges des Menschen über sein eigenes Vorwarnsystem.

Politik? Der Revolutionär legt an, der Reaktionär legt um, das Kapital legt an, die Krise legt zu. Alles in der Geschichte beginnt lange vor jenem Zeitpunkt, da wir glauben, es habe begonnen - und alles endet weit später, als wir meinen, es habe geendet. Das ist fleischfressende Vorzeit: Jede Gewalt will die letzte sein - und ist nur die nächstfolgende in der Kettenreaktion von Auslöschung zu Auslöschung. Der Engel der Geschichte schlägt mit den Flügeln. Es ist ein Engel des Todes, der mit den Flügeln applaudiert.

Faszinierende Schauspielerinnen und Schauspieler (Markus John, Holger Stockhaus, Wolfgang Pregler, Eva Bühnen!) porträtieren, was man unter dem Begriff Administration fasst: Figuren, fahrig aufgepulvert, lächerlich tränenlos. Was sind das für verquält motorisch angelegte Existenzen, sie zucken, zappeln; sie stieren - gespenstische Organismen. Als habe ein Gott seinen achten Schöpfungstag erhalten - ein zynischer Tag für böse Experimente mit Marionetten der Haltlosigkeit. Die ihre Sätze spucken wie Auswürfe. Die Reden rutschen wie Zombies sehr dunkler Zusammenhänge über die Atemstöße der Spieler. Das schwatzt und schwärt; der Monolog marodiert. Lästermaul trifft Revolverfresse. Die Fenster ins Grauen lassen sich nicht schließen. Sie sind das schwarze Loch, das bleibt, darin die Augen der Toten - Irak, Afghanistan, Guantánamo - wie Fragenblitze.

Sebastian Blomberg ist als Vizekanzler ein Posen-Poet im weißen Bademantel, in aller Fitness-Gier doch schon ein schleichend krampfiger Nosferatu, angefiebert von der Karrieretemperatur, von fahriger Furcht durchbohrt, die sich später ins unrettbar Halluzinatorische steigert. Der Rollstuhl als letztes Refugium, um halsbrecherisch nah an der Rampe Bewegung zu lügen. Maximilian Scheidt als Privatsekretär: die Motorik der Dienstbarkeit als berauschend umherjagendes Energiepaket. Lars Rudolph ist ein Geheimdienstchef, der von einer irrsinnsnahen Erschöpfung getrieben wird. Erschöpfung, die hier überhaupt allwaltet, sie kommt aus Choreographien der Angst. Es ist die Angst, die keiner freiwillig zugibt.

Eine Frage wird an die Hinterwand der Bühne projiziert: Ob die Armen denken können? Im Berliner Schnodder kommt die Antwort: »Ja, aber sie wollen nicht.« Und die »Biederkeit des Mittelbaus« wird zur »Bastion der Vernunft« erklärt. Ein einziger Satz zerreißt den Schleier der beliebten Verklärung: politische Hoffnung, sie läge in einer Bewegung von unten auf. Nein, dort tanzen sie noch zum Marsch, der ihnen geblasen wird.

Der Autor Goetz ist ein Räudiger. In einer Poetikvorlesung hatte er vom »rentneroiden« Geist all jener gesprochen, die angeblich wissen, was die Welt zusammenhält. Nichts wissen diese Logik-Lemuren, sie schrauben sich ein Weltbildlein dürftig zusammen und stopfen sich damit das Bewusstsein voll. Goetz spricht damit auch von den Zeitungsmachern, von der »Gewalttätigkeit ihrer Produktionsgewissheiten«. Die Gesinnungsroboter, wie sie schnurren. Und: »Wo bleibt Fun?«

Über vier Stunden Theater wie jener Eisenhammer, der auf der Bühne in Abständen hell und nervend auf einen Amboss geschlagen wird. Kunst als Rivale der Realität. Zuständig für Bilder ohne Scham, für Geist ohne Übergang. Kunst muss die Wirklichkeit unmöglich machen. Sagte Heiner Müller. Muss deren »ganzen Erfahrungsdreck« brachial blamieren. Sagt Rainald Goetz. Demokratie bedeutet Entmilitarisierung - von Hierarchien, Beziehungen, Dienstverhältnissen. Aber das große Paradoxon besteht darin, dass Freiheit und Würde von Institutionen geschützt werden (müssen?), deren Struktur auf Entpersönlichung, auf soldatischer, also unnatürlicher Unterwerfung beruht. Ungezügelte staatliche Amoralität unterhöhlt jede natürliche Abschreckung vor sadistischem Entgleisen. Der Mensch feierte sich schon im Albumfoto von erschossenen Juden als Wesen gesteigerter Empfindungsfähigkeit: Es geht nicht um Dokumentierung, sondern um den geradezu sexuellen Kitzel des Abgründigen, gemeinsam mit den gequälten Opfern ein stilisiertes Bild abzugeben, auf dem »die Lust den Schmerz fickt« (Norman Mailer). Die Chipstüten knistern, während sich alle die Folterbilder aus Abu Ghraib ansehen.

Die lange Schlussphase: ein Chor aller Stimmen, ein Oratorium des klagenden, anklagenden Wortes (Komposition: Jörg Gollasch). Als habe sich tatsächlich die Unterwelt zum Gericht geöffnet. Goetz schrieb: »Wie leben wir leider? Böse real und realistisch kaputt.« So sieht’s aus. So sehen wir aus. Wär’s nicht so, sähe die Welt nicht so aus, wie sie aussieht. Deshalb, geheiligte Theaterkunst: Schreck ab!, schieß Gedröhn aus den Stimmbändern! Wirf mit Text um dich, dass unsere Hirne schmerzvoll jammern, weil sie keine Beine zum Fliehen haben.

Der Einbruch des Entsetzlichsten als Aufgabe an die weiterdenkende Fantasie - nach über vier Stunden Malträtiertwerden trittst du hinaus in die Nacht, reißt dir die Corona-Maske vom Gesicht und atmest nicht freier. Geschichte als die sattsam bekannte Bilanz: Nicht alle Scheiternden sind anständig, aber alle Anständigen scheitern. Zu oft. Was treibt Kassandra gegenwärtig um, was den blinden Seher Teiresias? Rufen sie? Hören wir? Und was wäre zu tun? Wie verhängnisvoll selbstsicher sind wir? Wie furchtbar nah ist schon, was wir wegschieben? Im Reich des Todes, das wir für Leben halten.

Nächste Vorstellungen: 14., 19. September, 2. Oktober

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