Der Kampf der Veteranen

Kroatiens Veteranenverbände stehen weit rechts. Einer setzt dagegen auf Umweltschutz und Antifaschismus

  • Von Fran Radonić Mayr, Zagreb
  • Lesedauer: 4 Min.

Umweltschutz gilt in Kroatien als Thema der urbanen Mittelschicht. Doch ausgerechnet die Mitglieder des Veteranenvereins Vidra (Veteranen und gesellschaftliche Aktion) zeigen, dass es auch anders geht. »Wir sehen uns als Antwort auf die überwiegend rechten Veteranenverbände und wollen der Öffentlichkeit zeigen, dass es in Kroatien auch Veteranen gibt, die den Antifaschismus unterstützen«, erzählt die Vorsitzende Vesna Grgić im Gespräch mit »nd«. Zusammen mit vier linken Veteranen gründete die Maschinenbauingenieurin die Organisation. Ein Thema liegt ihr besonders am Herzen: der Schutz der kroatischen Wälder. Deshalb gründete sie die Arbeitsgruppe Zeleni odred (Grüne Truppe). Und die hat in den vergangenen Jahren mächtig Staub aufgewirbelt.

Kroatien hat im europäischen Vergleich relativ wenig privatisierte Wälder. Allerdings ist die Art und Weise, wie das für die Verwaltung der Wälder zuständige Staatsunternehmen Hrvatske šume d.o.o. (Kroatische Wälder GmbH - HŠ) über das öffentliche Eigentum verfügt, äußerst fragwürdig. Der kroatische Staat subventioniert die einheimische Holzindustrie seit Jahren mit der Begründung, die Entwicklung des Sektors zu fördern. Dies hat zur Folge, dass der Holzpreis pro Kubikmeter im jüngsten EU-Mitgliedsstaat deutlich billiger ist als in anderen europäischen Ländern. Davon profitieren jedoch nur wenige große Unternehmen, die das subventionierte Holz aufkaufen. Kleine Sägewerke und Holzverarbeitungsbetriebe können zwar an den öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen, gehen aber meistens leer aus.

Das undurchsichtige Vergabeverfahren begünstigt auch Korruption. Einige Biomasseheizwerke kauften jahrelang Holz, ohne überhaupt in Betrieb gegangen zu sein. Darüber hinaus ist unklar, wie viel Holz die Sägewerke wirklich verarbeiten, da die zuständigen Aufsichtsbehörden oft ihre Pflicht vernachlässigen, was der Industrie die Tür für ungestörte Holzausfuhr und millionenschwere Gewinne öffnete. Die Dumpingpreise für das Holz haben also das Wachstum und die Entwicklung der kroatischen Holzindustrie überhaupt nicht gefördert.

Ein Grund für die Aktivist*innen von Zeleni ordred, aktiv zu werden. »Viele Angestellte von HŠ haben uns heimlich unterrichtet, wo wir nach Missständen suchen sollen«, sagt Grgić. Da HŠ ein öffentliches Unternehmen ist, muss es den Bürgern Einsicht in die Geschäftsunterlagen gewähren.

Doch der Einsatz der Umweltschützer sorgt für Gegenwind - und zwar von ganz oben. »Zeleni odred ist auf einer Sitzung der Regierung mit Premierminister Andrej Plenković als eine ›gefährliche Gruppe‹ bezeichnet worden«, sagt Grgić mit Stolz. Dabei arbeiten die Mitglieder auf freiwilliger Basis, Vidra finanziert sich ausschließlich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Grgić bekommt immer wieder Drohungen, drei Mitglieder von der Grünen Truppe wurden sogar verprügelt.

Die Umweltschützer haben jedoch nicht nur korrupte Geschäftspraktiken aufgedeckt, sie kämpfen auch gegen unkontrollierte Waldrohdung. HŠ verwaltet die kroatischen Wälder anhand von Zehnjahresplänen, die vom Landwirtschafts- und vom Umweltschutzministerium überprüft und genehmigt werden. Um einen Wald zu bewahren und seinen Wert zu steigern, wird nach den Regeln der nachhaltigen Verwaltung der Wälder empfohlen, dass man Bäume in einer begrenzten Menge fällt - weniger als zwei Drittel des Zuwachses. Eine Abholzung, die über 100 Prozent des Zuwachses hinausgeht, gilt als Waldverwüstung, eine Straftat, für die das kroatische Gesetz Freiheitsstrafen vorsieht. Zeleni odred konnte in der Vergangenheit beweisen, dass der Geschäftsplan von HŠ für die Periode 2016 bis 2025 eine Abholzung von 116 Prozent des Zuwachses vorsieht. Eine Analyse von HŠ-Geschäftsdokumenten ergab zudem, dass in etwa zehn Jahren ein Defizit von 17 Millionen Kubikmetern Holzmasse im Wert von etwa einer Milliarde Euro im Waldbestand entstehen dürfte. Die Folgen für die Umwelt sind bereits jetzt sichtbar.

Die übermäßige Abholzung großer Flächen verringert die Biodiversität. Geschützte Tiere und Pflanzen verlieren ihre Lebensräume, Böden und Gewässer vertrocknen. »Es wundert mich nicht, dass in Kroatien seltene Vögel und Biberbiotope verschwinden«, kritisiert Grgić.

Für das Engagement wurde Zeleni ordred mit dem Preis für soziale Innovation von der österreichischen Stiftung SozialMarie ausgezeichnet. Die wachsende Bekanntheit wollen die Mitglieder der Organisation nutzen, um auf die fortschreitende Umweltzerstörung in Kroatien aufmerksam zu machen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. 2018 erstattete die Organisation Anzeige gegen Landwirtschaftsminister Tomislav Tolušić, dessen Vorgänger Tihomir Jakovina und den HŠ-Vorstandsvorsitzenden Krunoslav Jakupčić wegen Waldverwüstung und Amtsmissbrauch. Bis heute wurde aber kein Gerichtsverfahren eingeleitet. »Deswegen haben wir 80 Seiten Beweise über die Verwüstung der kroatischen Wälder und die Rolle der zuständigen Institutionen an die EU-Kommission und das Parlament geschickt«, sagt Grgić. Antwort erhielt sie von dem österreichischen EU-Abgeordneten Thomas Waitz (Grüne), der sich bereits früher gegen die übermäßige Waldrohdung in Polen und Rumänien eingesetzt hat. Grgić hofft, dass es jetzt auch in Kroatien dazu kommt.

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